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Von Hinten

Katze

Wer einmal versucht hat, eine Katze mit sanftem Druck in einen dieser Spezial-Tragekörbe zu schieben, weiß es: Die Viecher lassen sich nichts gefallen. Sie sind stur, zickig, ein bisschen doof und sehr, sehr eigen. Außerdem schlau, tapfer und hübsch anzusehen. Außerordentlich oft fallen sie dem Stra
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Wer einmal versucht hat, eine Katze mit sanftem Druck in einen dieser Spezial-Tragekörbe zu schieben, weiß es: Die Viecher lassen sich nichts gefallen. Sie sind stur, zickig, ein bisschen doof und sehr, sehr eigen. Außerdem schlau, tapfer und hübsch anzusehen. Außerordentlich oft fallen sie dem Straßenverkehr zum Opfer. Alles, was klein ist und sich bewegt, kann sie in Ekstase versetzen. Und egal, wie zutraulich man als Katze insgeheim so ist: Eingefangenwerden geht gar nicht. Dementsprechend widerspenstig entzieht sich das Album der gleichnamigen Band um Comiczeichner Klaus Cornfield der Einordnung: Genauso wild wie zart wie knurrig wie schnurrig wie schräg wie melodieverliebt hüpft "Von Hinten" von Punk zu Pop und wieder zurück. Homogenität innerhalb der Fellfamilie? Verarscht. Der Katze-Kosmos ist ein kleines Gesamtkunstwerk: Beim Intro-Leser dürfte der reduziert gezeichnete und mit Extra-Tintenflecken versehene Comic, der vom Band-Alltag des Kindchenschema-Katzen-Trios (Proben, Prügeln, Wieder-Liebhaben) erzählt, bereits bekannt und beliebt sein. Ähnlich comicartig nachgezeichnet wirkt auch Klaus Cornfields Musik: Das ist Drei-Akkord-Punk, das ist Pop mit allem Drum und Dran, aber gleichzeitig auch ein Spielzeug-Modell von beidem. Nicht artifiziell, aber ein bisschen im Maßstab verändert, nicht ganz so ernst genommen und fleißig verdreht. Neben Cornfields Gitarre und Daniel Schaubs Drums (dessen Part jüngst Udo Stowitz übernahm) steuert Minki Warhol hier und da bezaubernde Karen-O.-Juchzer bei, bedient das Keyboard, das Stylophon, das Glockenspiel und jedes andere Instrument, das ähnlich verführerisch und verteufelt traurig klingen kann.

Ein nicht zu unterschätzender Irritationsfaktor dabei: Herr Cornfield klingt, als hätte er sich vor jeder Aufnahme den Inhalt einiger bunter Helium-Ballons reingepfiffen. Im Kontrast zu den dreckigen Gitarren ist das aber nett - verbeulter Pop eben, und ein emphatischer "Punks Not Dead"-Chor tut sein Übriges. Verniedlichtem Kirschen-Punk begegnet man allenthalben in den Discos und Straßen dieser Stadt; Katze gelingt es, sich daran vorbeizuschrammeln und dabei liebenswert fies zu sein, ohne das Krach-Gitarren-Vehikel völlig ausgeweidet für sich stehen zu lassen.

Die großen Themen dieses Albums: wilde Mädchen und wie sie einem das Herz zu brechen vermögen. Man lärmt, liebt sich, geht baden, Menschen springen von Hochhäusern. Jemand, der sich schon das dritte oder vierte Mal nassfellig, jämmerlich und gebrochenen Herzens nach Hause geschleppt hat, muss plötzlich, sieht er sich das fünfte Mal der persönlichen Katerherz-Apokalypse ausgesetzt, im Stillen spitzzähnig über sich grinsen: "Candy, es ist kalt geworden / jetzt, wo die Sonne untergeht (...) Schick mich nach Haus, ich sterbe / auch wenn es sich nur so anfühlt." Großes Theater auf kleiner Plastik-Bühne, Schlaues im Banalen, Wahres im Verdrehten, Katze im Hund: Diese Platte ist eine Wundertüte und gibt es übrigens sogar auf www.katze-rock.de zu kaufen. Separat für Mädchen und Jungs.