×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Radikale Empathie

Kate Tempest im Interview

Rap, Theater, Romane, Dichtung – es gibt nichts, das Kate Tempest nicht kann. Dieses Jahr wurden bereits ihr erster Roman und ihr zweiter Gedichtband veröffentlicht. Jetzt folgt ihr zweites Soloalbum »Let Them Eat Chaos«. In der Single »Europe Is Lost« hat sie den Zustand der Welt auseinandergenommen. Aber ist Europa wirklich schon verloren? Aida Baghernejad, die noch bis vor kurzem in Tempests Nachbarschaft wohnte, hat für uns nachgefragt. 
Geschrieben am
Interviews sind eine seltsame Angelegenheit. Man verbringt eine halbe, vielleicht eine Dreiviertelstunde mit jemandem, versucht so tief wie möglich in diese Person einzutauchen, um dann schnell zu verschwinden und dem Nächsten Platz zu machen. Unser Treffen findet an Kate Tempests bereits drittem Interviewtag am Stück statt. Wie hält man das aus? »Es ist so surreal. Man hat diese unglaublich intensiven Gespräche, immer und immer und immer wieder. Die Art von Gespräch, wie man es mit guten Freunden vielleicht um vier Uhr morgens hat.«  

Vier Uhr morgens. Ein wiederkehrendes Thema für Tempest. Ihr zweites Album »Let Them Eat Chaos« handelt von dieser seltsamen Stunde. Genau genommen geht es um 4:18 Uhr. Nicht mehr ganz Nacht, noch nicht ganz Tag. Warum diese Obsession mit dieser Uhrzeit? »Es ist eine besondere Zeit. Sie gehört nicht deinem Arbeitgeber, nicht deinen Plänen für den nächsten Tag, sie gehört auch nicht der vorherigen Nacht.« Auf dem Album bleibt die Zeit um 4:18 Uhr stehen, und man begegnet sieben verschiedenen Menschen und ihren Geschichten. Wieder eine Art Konzeptalbum, wie auch der Vorgänger »Everybody Down«, und doch ganz anders: Es gibt keine zusammenhängende Geschichte, sondern kleine Vignetten, in denen man die Gedanken dieser sieben Personen, die von Verdrängungsängsten, Selbstzweifeln, Arbeit und der Liebe wachgehalten werden, kennenlernt. »Das Album ist die Summe seiner Einzelteile und noch mehr als das. So etwas begeistert mich. Ich habe mich einfach gefragt: Wer ist um diese Zeit wach? Wer sind diese Menschen?« Vielleicht Menschen wie sie selbst: »Vier Uhr morgens ist eine gute Zeit, um zu schreiben. Niemand will dann etwas von dir. Diese paar Stunden vor und gerade nach dem Sonnenaufgang sind besonders.« Gerade in London, wo um vier Uhr höchstens noch Füchse durch die Stadt streifen, weil bis vor wenigen Wochen auch am Wochenende die U-Bahn um Mitternacht dicht machte.

»Es ist eine verdammte Schande«   

Überhaupt, London. Dieser teure Moloch, dieses chaotische Wunderland. Es ist Tempests große Liebe. Das merkt man sofort, wenn man ihr zuhört. Auf ihrem ersten Album und dem dazugehörigen, im April veröffentlichten Roman »Worauf du dich verlassen kannst«, in ihren kürzlich auf Deutsch erschienenen Gedichten und jetzt auch auf der neuen LP – es geht vor allem und immer wieder um die unbändige Liebe zu dieser Stadt. Sie hat ihr ganzes Leben in Südlondon verbracht – dort, wo bis vor wenigen Jahren noch Gangs herrschten und jetzt Yummy Mummies am Wochenende auf dem Brockley Market über die letzte Säuglingsyogastunde lästern. »Mit den Alben und dem Roman mache ich nichts anderes, als die Leute auf einen Spaziergang durch Südlondon mitzunehmen. Das ist meine Art, Dinge zu verstehen, zu würdigen und mich selbst in diesem Südlondon zu definieren, das in mir drin ist, genau wie auch um mich herum.« Kann ich gut nachvollziehen, ich habe bis vor wenigen Wochen in ihrer Nachbarschaft gelebt. In ihren Texten sehe ich mein altes Viertel vor meinen Augen.
Aber auch dieser Flecken London hat sich verändert, er bietet auch jenen, die ihn ihre Heimat nennen, immer weniger Raum. Die Verteilungskämpfe werden härter, die Wohnungen jedes Jahr teurer. Auf »Let Them Eat Chaos« spricht Tempest über Gentrifizierung. Sie lässt die, die gehen müssen, zu Wort kommen, und auch die, die ihren Platz einnehmen. Denn leichter wird es nicht, besonders nicht, wenn man jung ist. Oder eine Frau. Oder eine junge Frau in der sogenannten Kreativindustrie. Kate Tempest macht all das seit über zehn Jahren mit. Kann sie mit der Musik überleben? »Ich gebe mein Bestes. Aber von den Künstlerinnen, die ich kenne, sind viele nicht mehr in der Gegend. Das ist natürlich von ihrem Medium und ihrer Arbeit abhängig. Einige mussten gehen, andere sind freiwillig umgezogen. Die Community hat sich verändert. Die Freiräume, von denen es früher ganze Straßen gab, sind verschwunden. Jetzt hat sich alles auf vielleicht einen Raum konzentriert. Es ist schwierig. Und es ist eine verdammte Schande. Was hat London der Welt anzubieten? Kultur! Das ist, was wir haben und was wir immer hatten. Die Homogenisierung der Kultur bedeutet, dass die Stadt sehr bald schon nicht mehr die Künstler, Autoren, Musiker und Denker hervorbringen kann, die London in den letzten fünf, sechs Jahrzehnten geprägt haben. Es ist hart. Es wird immer härter.«
Aber wem gehört die Stadt? Nur Menschen wie ihr, die in der Stadt geboren sind? Oder auch Leuten wie mir, die dort ihr Glück suchen? Diese Diskussion ist nicht nur in London aktuell, sondern auch in Berlin, Hamburg, Barcelona, Warschau, New York. Eigentlich überall. »Ich glaube an offene Grenzen, an Migration. Was sollen ›eingeborene Londoner‹ überhaupt sein? Städte sind auf Veränderung aufgebaut. Aber was sich so unfair anfühlt ist diese Bewegung hin zu einer ganz bestimmten Sorte von Menschen, die in London willkommen geheißen werden, und die Unmöglichkeit für alle anderen, zu überleben. Das ist neu. Ich habe noch nie so etwas wie jetzt erlebt, auch meine Eltern nicht, niemand. Es gab immer Raum in der Stadt für Künstler, es gab immer Raum für normale Menschen. Es gab immer Sozialwohnungen und jetzt … jetzt scheint es nur noch Luxusapartments zu geben für Menschen, die 700.000 Pfund für eine Zwei-Zimmer-Wohnung ausgeben. Es geht nicht um Leute, die in die Stadt kommen, um sich ihre Leben aufzubauen. Sondern darum, wer verdrängt wird.«   

Die große Illusion  

Immer mehr junge Menschen verlassen London Richtung Bristol, Manchester, Brighton und immer öfter auch: Berlin. Auch Tempest kann es sich mittlerweile vorstellen, die Stadt, die ihre größte Inspiration ist, hinter sich zu lassen: »Ich habe mein ganzes Leben in Südlondon verbracht, es ist ein großer Teil von allem, was ich über Menschen weiß. Dort habe ich Leute gefunden, kennengelernt, mich selbst gefunden. Aber zum ersten Mal in 30 Jahren fühlt es sich so an, als ob es Zeit wäre, woanders zu sein. Die Veränderungen, die stattfinden, geschehen so schnell. Die Preise steigen. Jedes Mal, wenn ich in den Himmel schaue, hat er sich verändert, weil ein neuer Wolkenkratzer mit Luxuswohnungen hochgezogen wurde. Nach all den Reisen fühlen sich mein Kopf und mein Körper ein wenig erschöpft. Dann wäre es schön, einfach mal einen Baum zu sehen. Oder das Meer. Und ich beginne, mir sehr klar über die Illusion von London zu werden. Wir alle nehmen an dieser großen Illusion teil. Und es wird immer schwerer für mich, da mitzumachen.«  

In ihrem Roman beschreibt Tempest eine Musikindustrie-Party, wahrscheinlich eines der besten Beispiele für die Homogenisierung von Kultur, für die Kannibalisierung des Undergrounds durch den Mainstream. In den dort beschriebenen Machtverhältnissen spiegeln sich die Bewegungen in der Stadt. Wer hat Zugang, wer nicht, wer kann sich die Luxusapartments leisten und wer muss schauen, wo er bleibt. Die Illusion des Rockstar-Lebens, die Illusion der Kreativität. Detailliert schreibt Kate über all den kostenlosen Alkohol, all den leeren Glamour, die schmierigen alten Männer, all das Koks, die aufstrebenden jungen Künstler am kürzeren Ende des Hebels und all die kaputten Träume. Spiegeln sich da eigene Erfahrungen? »Yeah. Ich war voller Ekel gegenüber dieser Szene, durch die ich eine Weile geschwommen bin. Wahrscheinlich ist dieser Teil ein bisschen zu nah an meinem eigenen Leben. Ich wünschte, ich hätte ein bisschen mehr Distanz gehabt, bevor ich das Kapitel schrieb.« Buch und erstes Album erzählen auf unterschiedliche Weise die gleiche Geschichte. Eigentlich hätten sie gleichzeitig veröffentlicht werden sollen, doch dazu kam es nicht: »Ich habe so lange gebraucht, das Buch zu schreiben. Es dauert so elendig lange, einen Roman zu schreiben!« Es war überhaupt eine aufregende Zeit für Tempest: Während ihrer langen Tourneen arbeitete sie im Bus an dem Roman, ihr zweiter Gedichtband wurde veröffentlicht, sie trat in Banksys »Freizeitpark« Dismaland auf, heimste Preise ein und sammelte Geld für die in Calais gestrandeten Geflüchteten.

»Ich habe nichts vorausgesagt«  

So hat sich die Veröffentlichung von »Let Them Eat Chaos« eben ein wenig verzögert, obwohl das Album schon seit Monaten fertig ist. Vielleicht gar nicht so schlecht, denn heute wirkt es noch viel dringlicher als vielleicht vor einem halben Jahr. Schon im letzten November wurde die Single »Europe Is Lost« veröffentlicht. Nur wenige Monate später hat eine Mehrheit von 51,9 % in Großbritannien dafür gestimmt, die EU zu verlassen. Stand der Track schon, bevor der Rest aufgenommen wurde? »Nein, alles war schon fertig! Ich musste nur wegen des Romans darauf sitzen bleiben. Aber ich beschloss, ›Europe Is Lost‹ trotzdem schon zu veröffentlichen: Es musste zu genau diesem Zeitpunkt gehört werden. Meine Arbeit sucht sich aktiv ihre Hörer. Sie will dich. Sie will gehört werden.« Der Song ist eine wütende Anklage gegen die Beschissenheit der Dinge und seziert sehr klar den Zustand der Welt: Konsumkultur, Erderwärmung, Polizeigewalt und Rassismus, der Terrorismus gebärt. Politiker, die in kriminelle Machenschaften verstrickt sind – kurz: ein Rundumschlag. Auf dem Album steht der Song in einem neuen Kontext, man hört ihn als Monolog der Pflegerin Esther, die von der Nachtschicht zurückgekommen ist. Heute wirkt der Titel fast prophetisch. Wie fühlt es sich an, so sehr Recht zu haben? »Ich lag nicht bei irgendetwas richtig. Wenn man verfolgt, was in der Welt passiert, weiß jeder, was los ist. Wir alle haben darauf reagiert. Ob nun mit einem eskalierenden Gefühl der Verzweiflung, einer Vogel-Strauß-Mentalität, oder mit tiefer Empathie, die dich zwingt rauszugehen, aktiv zu werden und zu helfen – in Calais, auf Kos oder wo auch immer. Ich habe nichts vorausgesagt, ich war nur aufmerksam. Der Track handelt nicht unbedingt vom Brexit, sondern davon, wie leer und schwierig das Leben geworden ist.«
Jetzt nach dem Referendum ist es schwer, etwas anderes als das herauszuhören. Auch für sie als Musikerin wird es in den kommenden Jahren wahrscheinlich ungleich komplizierter, in Europa zu touren. Und in London, wo die überwiegende Mehrheit eigentlich klar gegen den Brexit gestimmt hat, wird es merklich kälter: Schon direkt nach der Abstimmung hörte man von rassistischen Attacken. »Meine Freundin ist auch EU-Migrantin, und alle unsere Freunde kommen aus ganz Europa und der Welt. Plötzlich gab es so viele Fragen: Was hat das zu bedeuten? Müssen alle gehen? Muss sie gehen? Es entstand so viel Misstrauen zwischen den Leuten, alle beäugten sich argwöhnisch: Hast du Brexit gewählt? Bist du EU-Migrant?«

Das überwiegende Gefühl in jenen Tagen unter den jungen Menschen in London war reine Verzweiflung. Viele fühlten sich überhört, ignoriert und ihrer Zukunft beraubt. Auch Kate ging es ähnlich:
 »Ich war am Boden zerstört. Ich dachte, als Gesellschaft entwickeln wir uns hin zu mehr Empathie, zu mehr Inklusion, so kitschig das auch klingt. Plötzlich zu realisieren, dass die treibenden Kräfte hinter den Entscheidungen der meisten Menschen Angst und Schuldzuweisung sind, hat mich erschüttert.«

Das Problem ist nicht der Brexit, auch er ist nur ein Symptom für die Verteilungskämpfe in einer zunehmend ungleichen Gesellschaft, wo nicht mehr die Gemeinschaft zählt, nicht mehr Zusammenhalt, sondern das individuelle Fortkommen und höchstens noch das der vermeintlich »eigenen Leute«. Aber gerade dieser Schock kann auch eine Chance sein, findet Kate: »Ich schätze, das Positive daran ist, dass es jetzt klar ist, dass man nicht mehr passiv herumsitzen kann. Es ist Zeit, aktiv zu werden und sich zusammenzuschließen.«

Das Problem ist nicht der Brexit, auch er ist nur ein Symptom für die Verteilungskämpfe in einer zunehmend ungleichen Gesellschaft, wo nicht mehr die Gemeinschaft zählt, nicht mehr Zusammenhalt, sondern das individuelle Fortkommen und höchstens noch das der vermeintlich »eigenen Leute«. Aber gerade dieser Schock kann auch eine Chance sein, findet Kate: »Ich schätze, das Positive daran ist, dass es jetzt klar ist, dass man nicht mehr passiv herumsitzen kann. Es ist Zeit, aktiv zu werden und sich zusammenzuschließen.«
 

»Die Unmenschlichkeit unserer Zeit verstehen«  

Auch auf »Let Them Eat Chaos« sind die Protagonisten mit ihren persönlichen Problemen beschäftigt, bis sie erkennen, dass sie nicht allein sind. Sie sind nicht die einzigen, die um 4:18 Uhr wach liegen und nicht mehr weiterwissen. »Das ist meine Art zu sagen: Hey, wir sind alle Teil des Ganzen. Es gibt kein ›die Anderen‹. Das sind alles wir. Und mit Demut und aktiver Empathie können wir uns hoffentlich vorwärts bewegen. Es ist alles in der Geschichte schon mal da gewesen. Wenn wir es wagen, uns damit zu beschäftigen, dann gibt es die Hoffnung, dass wir uns zu einer positiveren und friedlicheren Zukunft weiterentwickeln können. Aber bis dahin müssen wir die Unmenschlichkeit unserer Zeit verstehen. Sonst drehen wir uns im Kreis.«    
Wie das Problem heißt, ist klar: Neoliberalismus. In Großbritannien ist man da schon immer einige Schritte weiter gewesen als auf dem Kontinent, und die Gräben zwischen arm und reich sind um ein Vielfaches tiefer. Doch auch hierzulande grassieren die Einsparungen, das Klima wird ungemütlicher und der Ruf der Menschen nach autoritären Parteien, die die Rückkehr zu einer heilen Welt versprechen, die es niemals gab, wird lauter. Für die Ziele, die auf der Insel eine Partei wie UKIP verfolgt, für die gibt es hier die AfD. Aber was ist die Lösung? »Radikale Empathie« nennt Tempest ihre Philosophie. Aber gerade in einer Zeit, in der so viel Misstrauen gegenüber den eigenen Nachbarn und dem vermeintlich Fremden herrscht, gegenüber allem und jedem, in einer Zeit, in der Populisten leichtes Spiel haben, Ängste und Misstrauen weiterzuschüren und zu missbrauchen, finde ich es nicht ganz einfach, jedem diese Liebe und Empathie entgegenzubringen. Verdienen auch Menschen wie Boris Johnson so viel Empathie? »Ja, genau das ist radikale Empathie! Auch Boris Johnson. Er hatte vielleicht eine schwierige Zeit im Internat, wurde wahrscheinlich gehänselt, seine Eltern haben ihn dort allein gelassen, er fühlte sich verloren und verletzlich. Da musste er dieses System des Mobbings, Manipulierens und der Selbsterhaltung erlernen. Wahrscheinlich hat das alles ein riesiges, leeres Loch in seinem Herzen hinterlassen. Er braucht vermutlich einfach nur eine ganze Menge Liebe. Es ist schwierig und vielleicht sogar nutzlos, diesen Weg zu gehen, dieses tiefe Gefühl von Empathie zu kultivieren. Aber was kann man sonst machen?«  

Der letzte Track auf »Let Them Eat Chaos«, »Tunnel Vision«, verbreitet genau diese Botschaft. Die Welt da draußen ist kaputt, wir sind taub geworden angesichts des Elends in Syrien, im Mittelmeer, auf Kos. Wir sind zu beschäftigt, zu überfordert, es ist einfach zu viel. Aber es gibt Hoffnung. Es gibt Empathie. Liebe. Zusammenhalt. Wenn man ganz genau hinhört, merkt man, wie Tempest beim Rappen grinst. Sie glaubt daran, dass noch nicht alles verloren ist. Nach einer Dreiviertelstunde mit ihr glaube ich das auch.

Kate Tempest

Let Them Eat Chaos

Release: 07.10.2016

℗ 2016 Kate Calvert