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Die Straßen von Brixton

Kate Tempest

Sie gilt als das größte Talent, das die britische HipHop-Szene seit Mike Skinner hervorgebracht hat. Doch Kate Tempest ist, bei aller Strahlkraft ihres Albums »Everybody Down«, weit mehr als nur eine Rapperin. Die 28-Jährige präsentiert ihre auf den Straßen von Brixton gefundenen Geschichten in vielfältiger Form: 2013 bekam sie für ihr Gedicht »Brand New Ancients« den Ted Hughes Award, derzeit schreibt sie zeitgleich an einem Frauengefängnis-Musical und ihrem Debütroman. Thomas Venker besuchte Kate Tempest in ihrer Wohngemeinschaft im Süden Londons.
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Da war ich in den letzten zwanzig Jahren bestimmt fünfzigmal in London, doch in den südlich der Thames gelegenen Stadtteil Brixton hat es mich nie verschlagen. An die Tage der »Guns Of Brixton«, wie sie von The Clash in den Heydays des Viertels besungen wurden, erinnert an diesem sommerhaften Tag im März freilich nichts mehr. Stattdessen tauchen zunächst eine Starbucks-Filiale und ein Topshop-Laden im Blickfeld auf. Eine Nebenstraße weiter sieht es zum Glück noch anders aus: Auf dem lokalen Markt gibt es illegal kopierte Dancehall-Tapes und jamaikanisches Essen. Auf dem Weg zum Haus von Tempest werden die Straßen langsam leerer, die Kids misstrauischer. Von der sonst allgegenwärtigen Londoner Hektik ist kaum mehr etwas zu spüren. Stattdessen kann man erahnen, dass hier alle sehr viel Zeit haben.

 

Tempest lebt mit ihrer Freundin und zwei Mitbewohnerinnen in einem kleinen Reihenhaus. Während sie noch beim Fotoshooting ist, springt ihr Hund Murphy an mir hoch und zeigt mir durch neckisches Beißen seine Zuneigung. Es würde mich nicht wundern, wenn gleich jemand »everybody down« brüllte, den Titel des Albums von Kate Tempest. Damit konfrontiert, muss die 28-Jährige nach ihrer Ankunft heftig lachen. »Nein, mit der Polizei hat der Titel nichts zu tun, auch wenn der Kommando-Ton so wirkt«, erwidert sie. »Er bezieht sich auf das letzte Stück des Albums, ›Happy End‹, das mit dieser Zeile beginnt. Das Album handelt von Leuten, die an einem deprimierenden Ort leben, wo nicht viel passiert.«

 

Gemeint ist der Süden Londons, die Straßen, in denen Tempest als Kind einer siebenköpfigen Familie aufwuchs und früh lernen musste, dass das Leben kein Rosengarten ist. Sie selbst habe zwar nie hungern müssen, da ihr Vater, Gewerkschaftsmitglied und Anwalt, hart für die Familie arbeitete. Doch sie hätte viele gesehen, wo nicht genug zum Essen da gewesen sei. Ihr Vater war es auch, der sie für die großen gesellschaftlichen Themen wie Armut, Klassenkonflikte und Konsumterror sensibilisierte und damit den Tenor ihrer Texte bis heute prägt. Der Plattenladen, in dem sie zwischen ihrem 14. und 19. Lebensjahr jobbte, sollte später zu ihrer zweiten Heimat werden. »Bevor ich dort zu arbeiten anfing, kannte ich nichts«, gesteht Kate. »Die großen Kerle, die immer vorbeikamen, nahmen mich in die Lehre und führten mich an Ragga, Dancehall, HipHop, Hardcore und R’n’B heran.« Keiner von ihnen mag je eine Universität von innen gesehen haben, wie Tempest es ausdrückt, doch gaben sie ihrer Bildung den Feinschliff mit all dem Wissen über Politik und soziale Realitäten, die die Straße parat hält.

 

 

Womit wir bei den Figuren der Tempest-Songs wären. Selten war die erste Textzeile eines Albums so zutreffend wie auf »Everybody Down«, wo im ersten Song von »everywhere is monsters« die Rede ist. Gemeint sind die Säufer, Junkies, Dealer und Taugenichtse, die sich im lokalen Pub herumtreiben. »Sie so wahrzunehmen ist die Folge der gesellschaftlichen Zuschreibungen«, merkt Tempest an und ergänzt schnell, dass sie hoffe, einen Veränderungsprozess zu moderieren. »Ich sehe diese Leute nicht als Monster und würde mich sehr freuen, wenn die Zuhörer die Chance nutzen, im Verlauf der auf dem Album erzählten Geschichten das Gegenteil zu erfahren. Nur weil jemand ein Kokaindealer ist, heißt das doch nicht, dass er keine Person mit Gefühlen und Problemen sein kann.«

 

Nun könnte man angesichts dieser Worte denken, dass all diese Charaktere schon en detail ausgearbeitet waren, als Tempest gemeinsam mit ihrem Produzenten Dan Carey ins Studio ging. Immerhin ist sie dafür bekannt, das 75-minütige Gedicht »Brand New Ancients«, das ihr 2013 den Ted-Hughes-Preis einbrachte, komplett deklariert und auswendig vorgetragen zu haben. Doch für »Everybody Down« ließ sie sich auf einen neuen Arbeitsprozess ein: »Ich hatte zwar die Figuren schon entwickelt«, beginnt sie von der einmonatigen Aufnahmesession mit Dan Carey zu erzählen. »Aber erst als Dan und ich an der Musik arbeiteten, wurden sie innerhalb von drei Wochen wirklich lebendig. Als er zum Beispiel die Beats zum Song ›The Heist‹ programmierte, wurde es immer düsterer, und es taten sich derartige Abgründe auf, dass ich Angst bekam, jemand müsse sterben, wenn die Musik nicht sofort wieder positiver würde.« Man hört Kate Tempest gerne zu, wenn sie über ihre Arbeit spricht. Die Augen funkeln dabei so begeistert, dass man plötzlich phantomschmerzartig die langen Tage und Nächte spürt, in denen sie und Dan Carey sich Ideen zuwarfen und die Songs immer schärfer formten.

 

Die Arbeit hat sich gelohnt: »Everybody Down« funktioniert als eng getaktetes Hörspiel ebenso wie als Fluss eingängiger Rap-Songs, die man sich bestens von der vielfach gepriesenen Performerin, die nach eigener Aussage »in der Summe mehr als ein Lebensjahr auf der Bühne verbracht hat«, auf einer großen Bühne vor vielen Leuten präsentiert vorstellen kann. Carey weiß Tempests Stimme ebenso auf spannungsgeladene Soundflächen zu legen wie sie zu HipHop und Electro-Beats explodieren zu lassen.

 

Wo andere sich nach der Albumproduktion ganz der Pressearbeit und dem Touren widmen, muss sich Tempest zurzeit diszipliniert ihren anderen Projekten widmen. So wartet ihr Verleger schon ungeduldig auf das fertige Roman-Skript, immerhin soll das Buch, das sich auf das Album »Everybody Down« bezieht, bereits Anfang 2015 erscheinen. »Die Handlung beginnt anderthalb Jahre nach dem Album«, erzählt sie. »In Rückblenden lernt man alle Eltern der Charaktere kennen, erfährt die Familiengeschichten und bekommt so eine neue Perspektive auf die Handlungsstränge des Albums eröffnet.«

 

Plötzlich bellt Murphy wie auf Befehl. Er scheint zu ahnen, dass Kate jetzt dringend Feierabend machen muss, wenn sie nicht das Konzert von Mos Def und Talib Kweli, auf das sie sich schon so lange freut, verpassen will. Draußen ist es schon dunkel. 

 

 

"What we came after" by Kate Tempest from RSC Sound & Fury on Vimeo.

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