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Kastrierte Philosophen

Allein die KASTRIERTEN PHILOSOPHEN scheinen den vorgegebenen Rahmen auch aufgrund ihrer expliziten Englischsprachigkeit zu sprengen, geradezu einen Anspruch auf den Thron ihrer Singularität zu erheben, was uns angesichts ihrer auch dreijährigen Schaffenspause Anlaß genug schien, eine Standortbestimm
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Autor: intro.de

Allein die KASTRIERTEN PHILOSOPHEN scheinen den vorgegebenen Rahmen auch aufgrund ihrer expliziten Englischsprachigkeit zu sprengen, geradezu einen Anspruch auf den Thron ihrer Singularität zu erheben, was uns angesichts ihrer auch dreijährigen Schaffenspause Anlaß genug schien, eine Standortbestimmung ihres bisherigen Schaffens als Werkschau vorzunehmen, wobei "Souldier" mehr denn je Aufbruch denn Endpunkt ist.
Die PHILOSOPHEN entstanden als typische Endsiebziger-Postpunk-Formation in der Immer-schon-Duo-Arfmann/Achinger-Formatierung, als es galt, sich durch den zur Kunstform erklärten Dilettantismus von hippieskem Schnarchsackgehabe und lustfeindlicher intellektueller Frigidität abzusetzen. Man produzierte - wie seinerzeit noch üblich - Demo-Tapes, wobei die beiden in Eigenregie produzierten EPs "Kastrierte Philosophen" und "Lens Reflects Tears" auch Eingang in die legendären "Radio-Sessions" von John Peel auf BFBS fanden. 1984 dann signte man bei Punkpapst Alfred Hilsberg und veröffentlichte im darauffolgenden Jahr auf dessen "What's So Funny About"-Label die erste reguläre LP "Love Factory". Im selben Jahr supportete man als vorläufigen Höhepunkt die durch ihre Zusammenarbeit mit VELVET UNDERGROUND zu Ruhm gelangte Chanteuse NICO. Mit dem Noir-Nachfolger "Insomnia" stößt die Band um das Duo Arfmann/Achinger erstmalig auch auf internationale Beachtung (NME: "... the best LP 4AD never had, BIRTHDAY PARTY expected"), und auch SPEXler Diedrich Diederichsen befindet lapidar lakonisch anerkennend: "Diese Platte nervt". Der 1987er "Between Shootings" folgt eine BRD-Tour mit THE JESUS & MARY CHAIN. 1988 trennt man sich einvernehmlich von WSFA und wechselt zu Normal. Das im Oktober erstmalig veröffentlichte Album "Nerves" erreicht fünfstellige Verkaufseinheiten, wird ins Ausland lizensiert und ist damit neben den inhaltlichen Aspekten auch kommerziell erfolgreich. 1989 remixt Andrew Eldrich von SISTERS OF MERCY auf eigenen Wunsch "Toilet Queen", das als Maxi-Single erscheint. Der 9. November '89 ist ein einschneidendes Datum - auch im Schaffen der PHILOSOPHEN. Die Mauer fällt, um deutschem Größenwahn einen Nährboden zu bereiten, und Achinger/Arfmann beschließen, ein inhaltlich explizit "politisches" Album zu veröffentlichen. Aus diesen Überlegungen resultiert das im PHILOSOPHEN-eigenen Knochhaus-Studio produzierte, strittige "Leipzig D.C.", das jedoch von den Medien nahezu durchgängig ignoriert wird. Als notwendige Konsequenz beschließt man, sich für längere Zeit einer Livepräsentation zu verweigern. Eine sogenannte "Abschiedstournee" sowie die Veröffentlichung von Live-Tracks und bisher unbekannten Stücken bilden als Doppel-CD "Eskimo Summer" den vorläufigen End- und Höhepunkt eines nahezu zehnjährigen Schaffenszeitraumes, der jedoch alle Fragen nach neuen Ausrichtungen und möglichen Fluchtpunkten offenläßt.
Diese Kurzbiographie als zeitlicher Abriß, der die einzelnen Werke der PHILOSOPHEN bewußt nicht interpretativ ausfüllen will - wer Ohren hat, muß selber hören -, vermag vielleicht einen Eindruck von der kreativen Umtriebigkeit und der selbstzentrierten, zuweilen selbstgewählten, Isolationsfolter einer als Duo Achinger/Arfmann funktionierenden Band, als eigener Mikro-/Makrokosmos, liefern. Ein Eindruck, der sich bei mir noch verstärkte, als ich die K.P. - es war irgendwann 1986 - in irgendeinem dieser damals angesagten "Indie"-Clubs hörte, die die Luft existentialistisch verklärten Schwermuts atmeten und in denen schwarz gekleidete, junge Menschen die Aura gefallener Engel in schwerelosen Nicht-Zusammenhängen verbreiteten. Was geblieben ist, ist die zurückgenommene Präsenz eines schwergewichtigen Schlagzeugers (Rüdiger Klose) und die spröde, zerbrechliche Schönheit der Stimme Katrin Achingers als Ausdruck und Enttäuschung ihrer selbst, zuweilen als Alter ego einer imaginären NICO fungierend. Die Band wirkte unbeholfen, dilettantisch, das spärliche Publikum völlig desinteressiert an der Musik und damit zwangsläufig am eigenen Ich. Mehr Berührungspunkte zwischen den KASTRIERTEN PHILOSOPHEN und mir gab es nicht, bis ich vor drei Jahren erstmalig begann, "Insomnia" und "Nerves" intensiv zu hören und, ihre eigentümlichen Stimmungsbilder erarbeitend, aufzusaugen.
Nicht nur heute verweigern sich die PHILOSOPHEN unbewußt einem nach musikalischen Schablonen suchenden Rezipienten. Bereits zu Post-Punk/New Wave-Zeiten lotete man mögliche Identitäten in atmosphärischen Schwingungen im Dunstkreis der eigenen Genialität aus, die zuweilen unverstanden reflektiert wurden. Allein schon damals zogen sich - heute würde man selbige als Neo-Folk/Akustik-Noise-Arbeitshypothesen bezeichnen - Psychedelik-Zitate wie ein imaginärer roter Faden durch sämtliche Veröffentlichungen.
Daß mit "Leipzig D.C.", "Eskimo Summer" und nicht zuletzt auch mit "Souldier" eine Annäherung an eine konzeptuelle, ganzheitliche Herangehensweise stattfand und stattfindet, mag primär ein Resultat persönlich-individueller und musikalisch-abstrakter Entwicklungs-/Erkenntnisprozesse sein. In der Retrospektive haben die Soloprojekte "Inner Ear" von Matthias Arfmann, der damit seine ureigene Rezeption des ihm immanenten nicht nur HipHop-Grooves fand, und Katrin Achingers notwendiger Antipode "I Care", das ungleich mehr Beachtung fand in seiner kammermusikalischen reduktiven Ausrichtung, den PHILOSOPHEN gut getan.
"Souldier" als aller Voraussicht nach wieder nur vorläufiger Höhepunkt des PHILOSOPHEN-Outputs wäre zumindest ohne diese Katharsis der Soloproduktionen als integrative Dualität in dieser Form und Intensität nicht denkbar gewesen. "Souldier" gelingt der Versuch, unterschiedlichste divergierende Musikstile wie Jazz-Passagen, Dance-Beats, Neo-Folk respektive Psychedelik-Einflüsse sowie Weltmusik-Elemente neben der inhaltlichen "Beat-Poetry" Buon Gysins gleichgewichtig nebeneinander bestehen zu lassen und doch das Eigenleben des jeweils anderen, weil fremden, zu betonen. Zu viel ist schon geschrieben über die Beat-Generation, die magische Anziehungskraft und Verruchtheit Tangers als Schnittstelle zwischen Orient und Okzident, als daß man den vorzüglichen Roman "The Prozess" von Gysin in diesem Zusammenhang gebührend würdigen könnte (Näheres über Gysin, den Roman sowie den zu erwartenden Film in der nächsten Ausgabe); allein die kongeniale Umsetzung der PHILOSOPHEN und deren willkürlich subjektive Textauswahl vermögen einen Eindruck von dem Lebensgefühl einer "verlorenen Generation" und Gysins bereits in den 50er Jahren vorweggenommenen postmodernen Sichtweise des Prinzips des Fremden als ethnischer Eigenart und Schnittstelle zwischen dem "Ich" und dem "Du" zu vermitteln. Einmal mehr beweisen die KASTRIERTEN PHILOSOPHEN, daß gerade auch "Seelen-/Herz-Musik" kein alleiniges Privileg des schwarzen Souls ist und sie schon längst einen möglichen Ansatz entwickelt haben, an dem sich Weltmusik des einen globalen Dorfes wird messen lassen müssen.
Ohne es beabsichtigt zu haben, haben die PHILOSOPHEN das nachdrücklich politischste Album dieses Herbstes abgeliefert - allein Ihr wißt, warum.
Diskographie
Decadent Toys (MC, 1981, Eigenverlag)
Heroin Live (MC, 1981, Eigenverlag)
Die Kastrierten Philosophen (EP, 1983, Psychotic Promotion)
Lens Reflects Fear (EP, 1984, Psychotic Promotion)
Love Factory (LP, 1985, What's So Funny About)
Insomnia (LP, 1986, What's So Funny About)
Between Shootings (LP, 1987, What's So Funny About)
Tyrants & Poolsharks (Live-LP, 1988, What's So Funny About)
Kastrierte Philosophen (Compilation-LP, 1988, What's So Funny About)
Nerves (LP, 1988, Normal)
Toilet Queen (Maxi, 1989, Normal)
Leipzig D.C. (LP, 1990, Normal)
Eskimo Summer (LP, 1991, Normal)
Rub Out The Word (Maxi, 1994, Strange Ways)
Souldier (LP, 1994, Strange Ways)