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Wild Boys

Kasabian

Bassisten sind doch die angenehmsten Musiker. Aktuellstes Beispiel für diese These: Kasabian. Denn während Sänger Tom Meighan und der damalige Gitarrist Chris Karloff mir anlässlich des Interviews zum Kasabian-Debüt vor zwei Jahren noch zu beweisen versuchten, wie gut sie ihre Lektion Brit-Chic in d
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Bassisten sind doch die angenehmsten Musiker. Aktuellstes Beispiel für diese These: Kasabian. Denn während Sänger Tom Meighan und der damalige Gitarrist Chris Karloff mir anlässlich des Interviews zum Kasabian-Debüt vor zwei Jahren noch zu beweisen versuchten, wie gut sie ihre Lektion Brit-Chic in den Kategorien Glamour und post-trunkene Abwesenheit gelernt hatten, präsentiert sich Bassist Chris Edwards dieses Mal aufgeräumt, interessiert und auskunftsfreudig. Genau so, wie wir Journalisten der Sorte, die wirklich etwas erfahren will, es gern haben. Denn es gibt sehr viele Fragen.

Da wäre zunächst einmal die Sache mit London. Tom Meighan hatte beim letzten Gespräch angekündigt, das beschauliche Leicester direkt nach der Promotour mitsamt seiner Band in Richtung London verlassen zu wollen, weil das für eine aufstrebende britische Band eine Notwendigkeit darstellen würde. Als ich Edwards das erzähle, lacht er. “Ja, tatsächlich sind Tom und unser Keyboarder Serge Pizzorno damals nach London gezogen. Allerdings kamen sie nach drei Monaten wieder zurück. Sie haben die vielen Gelegenheiten, sich in London zu amüsieren, nicht so gut verkraftet. Als sie zurückkamen, waren sie komplett durch. Zu viele Drogen, zu viel Party. Andere Freunde von uns finden da besser ihr Maß und leben gut in London, aber für meine Bandkollegen war das zu diesem Zeitpunkt nicht das Richtige. Ich selbst habe nie darüber nachgedacht, nach London zu ziehen.” Diese Erfahrung dürfte ein gewichtiger Grund für die neue Normalität im Hause Kasabian sein. Denn auch Meighan, den man vor dem Interview über den Flur huschen sehen konnte, wirkt deutlich gesetzter als noch vor zwei Jahren. Unsere Eltern hätten dazu gesagt: Sie hatten Zeit, sich erst mal ihre Hörner abzustoßen.

Nichtsdestotrotz sind Kasabian eine Band geblieben, die innerhalb des britischen Musikbusiness polarisiert. Sie haben ihre Lektionen im Umgang mit der oft so reißerischen heimischen Presse gelernt. Dass zuletzt ein Artikel über sie im britischen NME zu lesen war, in dem sie sich sehr bissig über einige ihrer Musikerkollegen äußerten, schert Edwards wenig. Mehr noch, er macht um die Inszenierung der eigenen Rolle in diesem Boulevardstück kein Geheimnis: “Du musst das so sehen: Gerade im Popbusiness des UK sind wir alle auf einer großen Bühne. Und wir spielen einfach unsere Rolle. Wir pöbeln gegen andere Bands, um Reaktionen von ihnen zu provozieren. Es ist nur Spaß, und es macht uns Spaß. Nach der ersten Platte hatten wir öffentlich über The Darkness gelästert. Wir sagten z. B., sie seien nur eine Showband. Irgendwann hatten wir dann eine Show mit Justin Hawkins. Und wir hatten einfach Spaß miteinander. Weil er unsere Worte genauso wenig ernst nahm wie wir.” Andere Kollegen gingen nicht ganz so leicht mit den bösen Worten Kasabians um: “Wir redeten damals auch schlecht über Keane. Wir sagten, dass sie langweilig, öde wären, solches Zeug eben. Irgendwann trafen wir Tom Chaplin, und er war reichlich sauer auf uns. Er fragte: ‘Warum habt ihr schlecht über uns geredet?’ Wir meinten: ‘Weil wir einfach Spaß daran hatten. Es war ein Witz.’ Wir spielen einfach verschiedene Arten von Musik, deshalb sind unsere Meinungen voneinander ziemlich müßig. Und in gewisser Art und Weise machen wir das, was die Öffentlichkeit sich von uns wünscht. Denn sie kann so Partei ergreifen, etwas, das viele Fans offensichtlich sehr gerne tun. Wir machen das nicht, um mehr Alben zu verkaufen. Wir machen es nur zum Spaß.” So lustig das auch sein mag – diese Negation jeglicher Möglichkeit von Ernsthaftigkeit im Umgang mit Medien macht ein wenig traurig und ernüchtert; dass es teilweise berechnend passiert, verstärkt diesen Eindruck nur noch ... Wie dem auch sei, wenigstens in diesem Interview vermittelte Edwards den Eindruck, aufrichtig auf alle Fragen zu antworten.Es gab aber nicht nur lustige Erlebnisse in Kasabians letzten zwei Jahren. Kurz nach den Aufnahmen zur neuen Platte machte die Nachricht die Runde, dass Gitarrist Chris Karloff aus der Band ausgestiegen sei. Edwards erinnert sich nur ungern an diese Episode, erzählt aber freimütig: “Ich glaube, dass die Wege von jedem in gewisser Hinsicht schicksalhaft vorherbestimmt sind. Und wir merkten schon etwas länger, dass sich die Wege von uns und Chris trennten. Zum Split kam es dann unglücklicherweise direkt zu Beginn der Albumproduktion. Es war ein sehr dramatischer und trauriger Moment, als er ging. Es gab keine großen Diskussionen und keinen Streit, es war uns allen einfach klar, dass das passieren musste. Aber es fühlte sich an, als würde man mir das Herz herausreißen. Wir sind weiterhin gut mit Chris befreundet. Er ist nach New York gezogen und hat geheiratet, und er macht weiter Musik. Er arbeitet jetzt wohl mit Death In Vegas. Ich kann mir gut vorstellen, dass seine neue Musik speziell in Deutschland gut ankommen wird. Warten wir ab, was kommt.”

Umso erstaunlicher ist es, dass die Aufnahmen für die neue Platte trotz des Abgangs nur sechs Wochen dauerten. Personell waren Kasabian auch relativ schnell wieder komplett aufgestellt: Ian Matthews, Sessiondrummer der ersten Platte, war schon vorher festes Bandmitglied geworden. Und als neuer Sessiongitarrist ist Jay Mehler (Philadelphia) mit an Bord. Kasabian können nicht nur deshalb zuversichtlich in die Zukunft blicken. Aus ihrer misslichen Situation während der Aufnahmen ist ein wirklich furioses Album entstanden, das selbst Brit-Verächtern Respekt abtrotzen wird. Die Leicestonians haben ihren ohnehin psychedelischen, treibenden Sound nochmals verdichtet, sodass die meisten neuen Songs den Eindruck einer heiß wabernden, wild spuckenden Lavamasse entwickeln. Edwards weiß dafür auch Gründe zu nennen: “Wir wollten das Album insgesamt organischer gestalten als den Vorgänger, wollten die vielen Sounds gezielter einsetzen. Geholfen hat uns dabei auch, dass Ian jetzt festes Mitglied ist. Er ist einer der besten Drummer der Welt, hat so einen großartigen John Bonham-Stil.”

Und wieder ließen sich Kasabian von alten Helden beeinflussen: Stones, Beatles und Beach Boys, aber auch von Ennio Morricone und den “Kill Bill”-Soundtracks. “Wir wollen vor allem Musik machen, die live zündet. Wir wollen eine gute Show bieten, keine Musik, die live langweilt. Keane z. B. wird den Muttis gut gefallen, wenn diese die Platte zu Hause im Wohnzimmer hören, aber live wird das alle nur anöden. Bei uns braucht sich niemand die Mühe zu machen, während unserer Gigs die Texte zu analysieren, jeder soll geradezu gezwungen sein, abzugehen.” Trotzdem hält “Empire” auch erstmals zwei für Kasabian-Verhältnisse ruhige Songs parat: “Wir wollten ausprobieren, was wir können. ‘British Legion’ und ‘The Doberman’ entstanden sehr spontan, wir nahmen sie als Skizzen auf, und als wir sie dann wieder hörten, fanden wir sie so gut, dass wir sie so beließen.” Trotz aller Ernsthaftigkeit mag sich Edwards abschließend einen griffigen Vergleich für die neue Platte seiner Band nicht verkneifen: “‘Empire’ ist wie ein Sexual-Akt. Die ersten fünf Songs sind wie dreckiger Sex, das Verlangen, das sich entlädt. Die nächsten vier sind der Höhepunkt, und die letzten beiden sind die Entspannung danach, die Zigarette, die man raucht, während man im Bett liegt.”