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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Handwerker im Kulturbetrieb

Kante im Gespräch

Endlich: Kante bringen ein neues Album raus! Das erste seit 2007. Aber Moment mal: Was ist los mit den Songs? Manche scheinen beim bloßen Hören auseinanderzufallen und andere sind so bizarr, dass man sich um das eigene Nervenkostüm sorgt. Die Songs auf »In der Zuckerfabrik« sind Vertonungen von Texten von Goethe, Brecht und Dostojewski. Sie werfen dringende Fragen auf: Sind Kante am Ende zu einer Kunst-Truppe verkommen, die man als Fan ihrer Alben »Zombi« oder »Die Tiere sind unruhig« nicht mehr versteht? Wird Peter Thiessen, Sänger und Texter der Band, zum Interview womöglich gekleidet in Reclam-Hefte erscheinen und nur in Aphorismen sprechen? Die vielleicht wichtigste Frage stellt Sebastian Witte gleich zu Beginn.
Geschrieben am

Ihr habt dem Musikgeschäft sieben Jahre lang scheinbar den Rücken gekehrt, kein Album mehr rausgebracht und Konzerte gab es auch nur sehr wenige. Gibt es die Band Kante überhaupt noch?

Ja. Wir machen jetzt auch mit den Songs der neuen Platte eine kleine Tour.

Ihr habt in den letzten Jahren nicht nach den Regeln der Musikindustrie gespielt. Die Songs, die ihr für verschiedene Theateraufführungen geschrieben habt, kommen jetzt aber doch ganz klassisch als Album raus.

Das schließt sich ja auch nicht aus! Für uns war aber einfach der normale Rhythmus von Tour, Festivals und Album irgendwann langweilig. Wenn man dann auf Deutsch singt, ist man auch auf diesen deutschsprachigen Raum beschränkt und dann kennt man das alles irgendwann.

Hat es in Deutschland schon Tradition, dass man als deutschsprachige, irgendwie intellektuell klingende Band nach ein paar Pop-Alben mit dem Bildungsbürgertum flirtet und ans Theater geht?

Spontan fallen mir nur die Einstürzenden Neubauten ein, die das prominent gemacht haben. Aber ich kenne in Hamburg schon viele, die am Theater Musik machen. Für uns hat sich das einfach ergeben. Es ist aber auch so, dass während unserer Karriere die gesamte Musikindustrie zusammengebrochen ist. Da verdient man als Musiker kaum noch was an einer CD. Also arbeitet man entweder sehr speziell oder sehr massenkompatibel. Wir waren nie eine klassische Popband, darum hatten wir Spaß daran, das hier jetzt zu machen. Aber der Plan ist es, auch wieder eine reguläre Kante-Platte zu machen.
Also Entwarnung! Die Band gibt es noch und Peter Thiessen trägt nicht nur Jeans und Turnschuhe, er ist auch ein ruhiger, aber zugänglicher Gesprächspartner. Weder Kulturbetrieb noch Musikindustrie scheinen ihn vereinnahmt zu haben. Dass das neue Album, ohne beim Hören Bühne und Schauspieler vor Augen zu haben, teilweise schwer nachvollziehbar ist, sei ihm und der Band klar. Man habe aber schon versucht, die Stücke zusammenzustellen, die auch nur für sich funktionieren. Aber die Möglichkeit, als Gruppe mal völlig anders an Stücke heranzugehen, hätte die Band von Anfang an sehr gereizt. 
In den acht Wochen, die die Proben für eine Aufführung meistens dauern, hat man viel Freiraum, um lange über einen bestimmten Text nachzudenken. Als Band kann man sich das finanziell sonst ja gar nicht leisten, sich da so lang mit einer Sache zu beschäftigen. Ich mag das auch, nicht die ganze Zeit das Vollgenie zu sein, das nur für sich arbeitet. In gewisser Weise ist man hier eher ein Handwerker, der in einer großen Gruppe an etwas mitarbeitet. Das bewahrt einen auch vor künstlerischem Größenwahn. 

Worin liegt denn für dich der Unterschied zwischen Konzert- und Schauspielbühne?
 
Die Leute wissen bei der Aufführung nicht, was kommt. Ich hab das Gefühl, bei einem Popkonzert kennt das Publikum die Songs und will die jetzt alle so nochmal hören. Das wissen die Leute und das weiß die Band (lacht). Die Möglichkeit, dass da jetzt was Ungeplantes passiert, ist sehr klein. Das ist im Theater anders. Man kann das, was dort passiert nicht irgendwo sehen oder hören. Das gibt es nur da! Und wenn das Stück abgesetzt ist, gibt’s das auch nicht mehr. 

Mit ihrem neuen Album halten Kante zumindest einen Ausschnitt ihrer Theaterphase fest. Beim dritten Durchlauf des Albums entpuppen sich dann sogar Stücke wie »Morgensonne« oder »Geist der Liebe« als klassische Kante-Songs, wie man sie von ihren Alben kennt. Ein Projekt am Staatsschauspiel Dresden steht jetzt noch auf dem Plan der Band. Dann geht die Gruppe für den Rest des Jahres in den Proberaum, um Musik zu schreiben, die wieder nur für sich steht. 


Kante »In der Zuckerfabrik – Theatermusik« (Hook / Indigo / VÖ 06.02.15)

Kante

In der Zuckerfabrik - Theatermusik

Release: 06.02.2015

℗ 2015 Hook Music