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Unruhe sanft

Kante

Man sagt, Pop sei ein schnelllebiges Geschäft. Zugleich gibt es immer wieder Künstler, die über Jahre hinweg an ihrer musikalischen Vision arbeiten - wie Kante. Seit ihrem Debüt “Zwischen den Orten” hat die Band wie kaum eine andere ihre originäre Ästhetik in der intensiven Auseinandersetzung mit Mu
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Man sagt, Pop sei ein schnelllebiges Geschäft. Zugleich gibt es immer wieder Künstler, die über Jahre hinweg an ihrer musikalischen Vision arbeiten – wie Kante. Seit ihrem Debüt “Zwischen den Orten” hat die Band wie kaum eine andere ihre originäre Ästhetik in der intensiven Auseinandersetzung mit Musikgeschichte entwickelt. So konnte man zu unterschiedlichen Zeitpunkten Spuren von Folk, Free Jazz oder Minimal Music erkennen, ohne dass die eigene Handschrift unlesbar geworden wäre. Kante ist stets eine Band auf der Suche, die etwas wissen will. Das hört man auch auf dem neuen Album. Es trägt den Titel “Die Tiere sind unruhig”, agiert direkt und sollte laut abgespielt werden.

Dann lass uns doch von Tieren sprechen. In seinem Buch “Dead Cities” beschreibt Mike Davis verödende Industriestädte, die in ihrem Verfall von wilden Tieren besiedelt werden. Gemeinsam mit den Tieren nehmen ungewohnte Pflanzen die ehemals urbanen Räume in Besitz und verwandeln sie in seltsame Gärten. Zugleich durchstreifen marodierende Bären nicht nur die Bergregionen Bayerns, sondern auch die Randbereiche von Los Angeles, auf der Suche nach Abfällen. Angesichts derartiger Phänomene laufen die Gegenmaßnahmen ins Leere. So warnen Experten die Einwohner Zürichs davor, dass die in der Stadt umherziehenden Füchse ihre Vermehrungstätigkeit im Bedrohungsfall noch intensivieren. Offenbar bleibt für den Menschen von nun an nur die Chance, sich zu arrangieren und ungewohnte Formen des Zusammenlebens zu erproben.

Diese skurril anmutenden Szenarien sind zunächst nichts weiter als assoziative Resonanzen auf das neue Album der Band Kante, hervorgerufen durch Textpassagen und musikalische Stimmungen, den Titel und das Coverartwork. Allerdings bilden sie in ihrer kruden Faktizität auch eine Beglaubigung dessen, was man als “Poetik der Anomie” bezeichnen könnte: die Faszination durch Situationen, in denen eine fest gefügte Ordnung erodiert und sich dem Unbekannten öffnet. Spätestens seit “Zweilicht” (2001) zeigen sich Kante hingerissen von jenen Momenten der Uneindeutigkeit, der Auflösung und der Katastrophe, die den Horizont jeder Erwartung zerbrechen. Sie beschwören die Blüten in der Wirtschaft, auf dass die reguläre Ökonomie durch einen Schattenbereich verdoppelt werde und die Transaktionskosten zwischen den Orten explodieren. “Zombi” (2004) inszeniert ein Fest der Ruine, deren Mutation das vormalige Gebäude im Zusammenbruch zu etwas radikal Neuem umstülpt. Und der gleichnamige Song ist gar eine Hymne auf die Möglichkeiten der Untoten. “Die Tiere sind unruhig” führt diese Poetik der Anomie grundsätzlich fort. Im Titelstück wird das Verhalten der Tiere zum unergründlichen Seismografen eines zukünftigen Ereignisses, in dessen Erwartung die Spannung ins Unermessliche steigt. Gleichzeitig bezeichnet das Tierische immer auch den dem Menschen eigenen Abgrund. Es verweist auf ein Unheimliches, das ihn im selben Moment aushöhlt und als menschlich ausweist.

Jedoch unterschlägt eine solche Deutung die Diskontinuität gegenüber den vorigen Alben. Im Gespräch betont Peter Thiessen (Gesang, Gitarre) die aktuelle Veränderung der Arbeitsweise seiner Band: “‘Zombi’ war eine Platte, wo wir alles extrem durchkonzipiert haben. Von den Texten bis zur Musik wurde jeder Baustein immer wieder umgedreht und problematisiert: Geht das auch anders? Kann man einen anderen Blick darauf werfen? Folglich hat es sehr lange gedauert, ‘Zombi’ fertig zu stellen. Wir waren über ein Jahr im Studio, wo wir die Stücke auch arrangiert haben. Es war ein riesiger Kraftakt. Wenn man so arbeitet, gewinnt man einerseits sicherlich an Genauigkeit und Vielschichtigkeit. Andererseits werden andere Qualitäten ausgeschlossen. Also etwa, dass man nicht unbedingt eine Band hört, die Spaß beim Einspielen hatte und spontan war. ‘Zombi’ ist letztlich wie ein unglaublich filigranes Fresko geworden: Man kommt in eine Kirche und sieht dieses opulente Deckengemälde mit seinen vielen Details. Jetzt ist das Gefühl anders: Man sieht eine mit Verve hingeworfene Zeichnung.”

Eröffnet wird das neue Album mit dem Titelsong, der seine Töne auf einer musikalischen Geraden anordnet und im Refrain einen fast hymnischen Glanz erstrahlen lässt. Das Arrangement ist dabei komplex, aber nicht verspielt. Vielmehr knüpfen Kante an den barocken Minimalismus früherer Kompositionen an, klangen dabei jedoch selten so unumwunden und selbstbewusst. Emblematisch für die neue Spielfreude der Band ist sicherlich “Die größte Party der Geschichte”, ein melancholisch beschwingter Sommerhit mit Grüßen an Afro-Beat, HipHop und Justin Timberlake. Die Signatur des Albums jedoch ist eindeutig gezeichnet von vier einschlägigen Buchstaben: Rock. Talk Talk und Joni Mitchell haben sich zurückgezogen, dafür betreten Queens Of The Stone Age die Bühne der Referenzen. “Wir sind alle biografisch durch Rockmusik im weitesten Sinn sozialisiert. Alle haben früher Hardcore gehört. SST, Punk, Post-Punk. Es war also nahe liegend, Rock zu spielen, und auch leicht. Gleichzeitig hatte ich bisher immer auch Bedenken, so etwas zu machen, weil die klischeehaften, schwitzenden Männertypen nicht weit sind. So etwas wollte ich nie und will ich auch weiterhin nicht. Mindestens genauso wichtig war es aber, nicht noch einen weiteren lauwarmen Gang-Of-Four-Aufguss mit etwas melodiöseren Gesangslinien abzuliefern. Also nicht das zu machen, was in den letzten Jahren so wahnsinnig toll gefunden wurde und was mir in seiner Retrohaftigkeit absurd vorkam.”

Keine Angst, Kante haben sich nicht in Rockmusik verkleidet. Sie spielen sie einfach. Konzentriert, gradlinig und manchmal laut. Irgendwie aus dem Bauch und dennoch hochartifiziell. Da passt es, dass das Pathos der Texte immer wieder durch sprachliche Bilder in leichter Schräglage verwischt wird. Die Single “Ich hab’s gesehen” etwa präsentiert einen Zeugen der Apokalypse: Er sah den Aufruhr in den Straßen, den Krieg als Agenten des Friedens und die ungebetenen Gäste an den goldenen Buffets. Er sah das Licht, und es war dunkel. “Daneben jedoch gibt es Zeilen wie ‘Ich sah den Teufel an sich zweifeln’ – und das tut der Teufel natürlich nie. Denn der Teufel ist per Definition derjenige, der an allem zweifelt, nur nicht an sich.”

Wenn schließlich die Aufgeregtheiten und verzerrten Gitarren vorübergezogen sind, wartet am Ende des Albums das Stück “Die Hitze dauert an”. Es ist ein Monument von rund neun Minuten, getragen von geometrisch gesetzten Klavierakkorden im Geiste John Lennons. Man hört Streichinstrumente anmutige Flächen formen, die wie Wellen den Raum durchqueren, eine sanfte Unruhe verbreitend. Die Thematik ist existenziell. Es geht um die Einzeichnung von Erfahrungsspuren, um Vergänglichkeit, aber auch um das Werden. In letzter Konsequenz findet das Stück einen Ausdruck für die Ahnung, dass die mit der Zeit angesammelten Unannehmlichkeiten nicht nur dauerhaft bleiben werden, sondern ein Garant für das Lebendigsein selbst sind. Letztlich eine Art ernüchternder Trost: “Doch für uns ist nichts verloren / Solang der Schmerz noch in uns wohnt / Und unser Zorn im Wandel bleibt / Auch wenn die Zeit ihn nicht mehr heilt.”