×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Live At Vega

Kaizers Orchestra

Im Januar 2003 betraten sechs mir gänzlich unbekannte Herren die Bühne der Schouwburg in Groningen. 45 Minuten später, beseelt, dabei gewesen zu sein, taumeln wir dem Ausgang entgegen. Kaizers Orchestra - Stakkato-Polka mit großem "Metallica-Finale". Hier werden Harmonien getrommelt, und Spielfreu
Geschrieben am

Im Januar 2003 betraten sechs mir gänzlich unbekannte Herren die Bühne der Schouwburg in Groningen. 45 Minuten später, beseelt, dabei gewesen zu sein, taumeln wir dem Ausgang entgegen. Kaizers Orchestra - Stakkato-Polka mit großem "Metallica-Finale". Hier werden Harmonien getrommelt, und Spielfreude bespringt ein läufiges Publikum. Janove Ottensen singt norwegisch eine Marginalie und berauscht mit Stimme und Präsenz. Fragmente nordosteuropäischer Voodooszenarien lassen Ölfässer und Felgen klingen. Der gewebte Rhythmus schnurrt wie ein 8-Zylinder mit buntesten Pop-Einflechtungen. Dieser beeindruckende Zauber kommt von einer Band, die etwas Unterhaltsames synchronisiert und als großer popmusikalischer Kompromiss zu feiern ist. Hier gibt es Jazz, Rock, Polka, und jedem ist sein Liebstes auf den Leib geschrieben, doch das, was wir sehen und hören, ist Kaizers Orchestra. Adrenalin befreit, und wieder bei Sinnen erklärte uns der Manager, dass es außerhalb Norwegens noch kein Label und keinen Promoter gebe - eine echte Entdeckung also!
Heute liegt eine DVD aus dem Vega vor. Zweimal traten sie bei uns in Haldern auf und büßten bis dato nichts von ihrer Wucht ein. Das Erlebnis ihres ersten Konzertes in Haldern wanderte in unsere kleine Schatztruhe der fabelhaften Momente auf dem Reitplatz, nicht weit entfernt vom grandiosen Auftritt der Afghan Whigs vor zehn Jahren.
Schwierig ist es, dieses Phänomen fürs heimische Kino aufzubereiten. Jegliche digitale Konfektionierung würde eine Kastration dieser norwegischen Strolche bedeuten. Doch weit gefehlt, denn sowohl bei Audio-Live-CD als auch DVD kann ein völlig Unbefleckter erahnen, was bei diesen Norwegern so auf der Bühne passiert. Die DVD ist ohne Frage gut gemacht; hat man die Band jedoch ein paarmal "erlebt", so spürt man die Enge des Formats, vermisst die ansteckende Freude, die Grippe, den Schweiß und das Summen von Amps oder glücklichen Jüngern. Oft habe ich den Eindruck bei Musik-DVDs, dass sie bereits Gesagtes erzählen und das Live-Erlebnis niemals ersetzen können. Wenn man Konzerte besitzen möchte, dann sollte man sie sammeln, aber am interessantesten ist meistens das Zusatzmaterial. So spielten Kaizers Orchestra im Jahre 2005 auf einem über Stavanger thronenden Felsen und vor einem durchgefrorenen Publikum der Fachwelt, welches das Plateau zwei Stunden zuvor per pedes hatte ersteigen müssen. Schöne, imponierende Bilder vom Aufbau mit Helikoptern und einem wütenden Bassisten. Vielleicht ist dieses Paket ja als hervorragender Aperitif zu sehen, als Tür für Leute, denen diese kantige Sprache unvortragbar erscheint; wenn man aber erst einmal die Karte gelöst und der Erste einem das Bier über den Fuß gekippt hat, dann weiß man, wozu ein Kaizer in der Lage ist.

(Der Autor ist Organisator des Haldern-Festivals, das dieses Jahr seine 23. Auflage finden wird - und zwar vom 03.-05.08.)