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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die in der Disco Haargitarre spielen

Justice

Um ihre eben erst verliehene Neon-Daft-Punk-Krone müssen Digitalism ganz schön zittern, denn: Justice sind da!
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Mit gerade mal zwei oder drei eigenen Stücken in den globalen DJ-Jetset und den Remix-Himmel durchstarten, so sieht das neue Pogo-Party-Erfolgsmodell aus. Zwei Jungs aus Hamburg haben es vorgemacht, zwei Styler-Boys aus Paris folgen nun auf dem Fuße. Um ihre eben erst verliehene Neon-Daft-Punk-Krone müssen Digitalism auf jeden Fall ganz schön zittern. Justice sind da!

DJ Hell dreht durch. Was da an unglaublichem Karacho aus dem Soundsystem dröhnt, hat er vorher noch nie gehört – und das passiert ihm ausgerechnet auf seiner eigenen Party. “Ja, Rage Against The Machines ›Killing In The Name Of‹ funktioniert fast immer”, erzählt Xavier de Rosnay in einem Pariser Eckcafé mit verschmitztem Lächeln. “Ich erinnere mich an eines der ersten Male, als wir den Song aufgelegt haben. Das war in Deutschland, an einem Abend mit Hell in München. Wir haben das Stück gespielt, und alle haben geheadbangt. Hell ist sofort angekommen und hat dabei Luftgitarre gespielt, was für ihn ehrlich gesagt recht ungewöhnlich ist. Er meinte so: ›Ey, what’s that shit? This rocks!‹ Und wir: ›Was, du kennst RATM nicht?!‹ Echt crazy ...”

Es passt, dass Xavier das Wort Luftgitarre in seinem charmanten Frankoenglisch ausspricht wie “hair guitar”. Denn neben Rap-Rock-Gebolze spielt bei Justice der Einfluss von Hair Metal die entschieden größere Rolle – mal abgesehen von tausendundeins weiteren Knall-Pop-Referenzen. Xavier und sein Kumpel Gaspard Augé, die zwei Jungs von Justice, sehen beim Treffen auch aus wie ein Zwischending aus Student, Popstar und unter den Rasenmäher gekommener Guns-N’-Roses-Fan. Und im Grunde sind sie auch genau das. Knapp sitzende Lederjacken, seltsame Gürtel und sorgsam gehegte Unfrisuren auf dem Kopf bzw. im Gesicht sorgen bei den zwei Mittzwanzigern aus Paris auf jeden Fall für vieldeutige Style-Signale.

Den Popstar-Part in dieser Mischung verdanken sie einem “Cheese-Dinnör” vor drei Jahren oder genauer gesagt: der Abneigung von Pedro Winters Frau gegen Käsegestank. Denn der Boss von Ed Banger Records und Daft-Punk-Manager (a.k.a. Busy P.) ist verrückt nach Raclette, aber er darf zu Hause nicht. Gaspard erinnert sich: “Ich war mit So Me, dem Grafiker von Ed Banger, durch die Kunsthochschule befreundet und habe ihn für ein Raclette-Essen zu mir eingeladen. Pedro, den wir zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht kannten, hat das mitgekriegt und wollte unbedingt auch kommen. Seine Frau will nämlich nicht, dass er bei sich zu Hause was Stinkiges isst, also hat er So Me so lange bekniet, bis der ihn zu unserem Raclette-Dinner mitnahm. Xavier und ich waren etwas schüchtern wegen Pedros Vergangenheit, und wir hatten auch nur zwei Tracks. Die haben wir ihm dann aber in meinem Schlafzimmer vorgespielt. Er war so enthusiastisch, dass wir zwei Wochen später darüber gesprochen haben, die Sachen zu veröffentlichen.”

Das entscheidende der beiden Stücke war eine neue Version von Simians Hit “Never Be Alone”. Bei Justice hieß das Stück “We Are Your Friends” und war derart gelungen für jede Elektropogoparty auffrisiert, dass DJ Hell es sofort für sein Label Gigolo lizenzierte und das bis dahin völlig unbekannte Duo aus dem Stand 50.000 Platten verkaufte. Lustiges Detail am Rande: Die Justice-Version war für einen Remixwettbewerb entstanden, “den wir verloren haben”, wie Gaspard typisch lapidar hinterherschiebt. Aber zwei Partynasen wie Busy P. und Hell fanden an diesem Rock-Elektro-Bastard keinen Weg vorbei. Das stank nicht etwa nach verbranntem Käse, das roch nach Sensation. Die beiden sollten natürlich recht behalten.

Achtung: Das Release-Datum hat sich verschoben! '†' wird erst am 20.Juli erscheinen!
Mit Rondo Veneziano im Jenseits

Xavier und Gaspard waren noch nicht mal DJs, als sie aufgrund dieses Überhits plötzlich mit Booking-Anfragen überhäuft wurden. Sie stellten sich also als blutige Anfänger hinter die Decks und packten ihre Koffer ganz ohne die üblichen Genre-Formatierungen, eben gerade so, wie es ihre eklektische Plattensammlung hergab. Auch damit landeten die beiden einen nicht geplanten Volltreffer, denn niemand sonst mischt so schön Rondo Veneziano, Daft Punk und Boney M. ineinander. Oder genauer gesagt: Niemand sonst macht das überhaupt. Justice gefällt ALLES, und das muss auch alles in ihre Musik rein. “Gut und Böse, da die Balance zu halten, das ist der Schlüssel”, hatte Ed-Banger-Boss Busy P. etwas abstrakt das Geheimnis seines Labels umschrieben. Wenn man das Debütalbum von Justice hört, macht das plötzlich Sinn. Allerdings balancieren die Jungs gar nicht auf dem Grat zwischen gutem und schlechtem Geschmack. Sie feiern im Jenseits dieser Unterscheidungen ab, und zwar volles Rohr. Vielleicht hat der Titel ihres Albums – schlicht und einfach ein Kreuz – auch mit diesem Jenseits zu tun. So piktogrammatisch-sexy und unaussprechlich war seit Symbol nichts mehr.

“Es wird seeehr Disco”, hatte Xavier im Gespräch über “†” verraten. Und man muss ihm tatsächlich recht geben. Aber natürlich ist es auch seeehr Rock. Immer wieder poltern Slap-Bässe durch die Tracks, Synthie-Riffs krachen auf kaputt gesamplete Disco-Streicher und Stotter-Beats, alles klingt extrem bratzig und dabei doch krass funky. Justice haben ihre Lektionen in Breaks und Basslines auf jeden Fall gelernt, und zwar von der gesamten bisherigen Popgeschichte. Kein Wunder also, dass sie “D.A.N.C.E.” auf der ersten Single so abgehackt, aber eben auch in ganz großen Lettern schreiben. Denn mehr als Basslines und Breaks hat Tanzmusik eigentlich noch nie gebraucht. Im überbordenden Anspielungsreichtum von Justice macht’s aber noch mal mehr Spaß. Xavier: “Manchmal macht es uns sogar ein bisschen Angst, von so vielen Dingen beeinflusst zu sein. Wenn wir uns die fertigen Sachen dann anhören, haben wir Zweifel: ›Oh, ist das nicht zu viel unterschiedliches Zeug in nur einem Album?‹ Und am nächsten Tag hören wir’s uns noch mal an und sagen: ›Scheiße, das ist ja alles immer nur das Gleiche!‹” Ach was, es ist nur immer: P.A.R.T.Y. And Justice for all ...

Achtung: Das Release-Datum hat sich verschoben! '†' wird erst am 20.Juli erscheinen!

Bad Party
Xavier: Ein Techno-Festival in Deutschland. Vor uns war Sascha Funke, nach uns Jennifer Cardini dran. Es war wirklich crazy, alle sind rumgehüpft, da dachten wir: “Okay, es ist Zeit für Rage Against The Machine!” Wir haben es also aufgelegt – und alle haben sofort aufgehört zu tanzen und gebuht, ein Albtraum. Also: Cut, danach ein langsamer Song von Lionel Richie, um die Leute zu beruhigen. Aber das hat die Sache so sehr verschlimmert, dass wir die Bühne verlassen mussten. Alle schrien nur mehr: “Fuck you!” Also, “Killing In The Name Of” funktioniert nicht immer und überall ...