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Die Ruhe nach dem Hardcore

Junip

Und plötzlich war es still. José González, Elias Araya und Tobias Winterkorn hatten in ihren Teenagertagen genug Krach gemacht, die Zeit war reif für weichere Töne, für Junip.
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Und plötzlich war es still. José González, Elias Araya und Tobias Winterkorn hatten in ihren Teenagertagen genug Krach gemacht, die Zeit war reif für weichere Töne, für Junip. Thomas Venker sprach mit den Schweden über Sturm, Drang und warum das Debüt zehn Jahre gedauert hat.
 
Wir schreiben die späten 90er-Jahre: Die beiden Sandkastenfreunde José González und Elias Araya sind genauso erschöpft von einem Jahrzehnt mit Punk und Hardcore wie ihr neu gefundener Freund Tobias Winterkorn, der gerade seine Hardcoreband Ultimate Concern, neben Refused die einflussreichste der schwedischen Szene, aufgelöst hat. Etwas ruhiger stellen sie sich die Musik der Zukunft vor, akustisch, statt von lauten Gitarren von Orgel und Schlagzeug geprägt und von Einflüssen aus den 60s und 70s. Alle drei sind große Fans von Low, das Trio-Format ist also gesetzt.



Trifft man González, Araya und Winterkorn, so ist man erst mal irritiert angesichts der Entspanntheit der drei. Neben denen könnte eine Bombe einschlagen und der Blutdruck bliebe stabil. Anders ist die auf Längsschnitt angelegte Bandgeschichte von Junip auch nicht denkbar: Nach einer ersten Single im Jahr 2000 und einigen Compilation-Beiträgen ließen sie es langsamer und langsamer angehen, bis González plötzlich Solomusiker war und zum unerwarteten Höhenflug ansetzte – was aber nicht, wie man denken könnte, zur Bandkrise führte: Winterkorn zog einfach nach Norwegen und machte ein paar Jahre einen auf Kunst- und Sozialkundelehrer, Araya auf bildenden Künstler (u. a. ist er für die Cover von González’ Solokatalog zuständig).

So gingen satte zehn Jahre ins Land. Wenn sie sich zwischendurch im Urlaub sahen, nahmen sie sich zwar jedes Mal vor, das Projekt wieder aufzugreifen, aber erst im nächsten Jahr, klar, und dann passierte genauso wenig wie nach den turnusmäßigen Mails der beiden heiß an ihnen interessierten Labels Mute (Amerika) und City Slang (Europa). Ob es deren Hartnäckigkeit war, die Tiefe der Freundschaft oder dann doch die Vehemenz des Soloerfolgs von González (dem das alles zu viel wurde – was man ihm problemlos glaubt), irgendwann waren sie jedenfalls wieder zusammen im Studio und jammten.

Herausgekommen ist dabei mit „Fields“ ein laut Band von Nina Simone, David Axelrod, Shuggie Otis und Portishead inspiriertes Album, das die Melodramatik der frühen Junip hinter sich lässt und Platz für eine positive Entspanntheit macht. Bedingt durch die Jams, haben die Songs viele Nebenstraßen, biegen immer mal wieder ab, schön langsam und immer in Sichtweite der Hauptstraße. Diese Arbeitsweise sorgt für eine Linearität, befreit von Strophe/Refrain-Mustern, gibt den Weg frei für stetes Storytelling. So, wie der Produzent an den mäandernden Stücken ein wenig das Songhafte vermisste, können sich ähnlich kleingeistige Hörer mokieren, die Texte ergäben keinen Sinn, aber auch hier hat González die passende Antwort: „Die Worte folgen der Melodie. Und der Sinn den Worten. Nicht mal ich weiß oft, worum es geht, aber letztlich ist doch das Gefühl wichtiger als die konkrete Bedeutung.“