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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Kill dein Ego!

Ein Treffen mit Jungle

Wie weit kommt man ohne Geltungsdrang? Laut T und J, den Köpfen des Internetphänomens Jungle, sehr weit. Deswegen wusste auch lange niemand, wer hinter dem entspannten Mix aus Falsett, Soul, Synthiepop und Bassfiltern steckt. Zur Veröffentlichung ihres Debüts »Jungle« lüften die beiden vor Martin Riemann das Geheimnis und bekennen: »Wir hassen das Ego.«
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Zuerst war Jungle ein sechsjähriges britisches Mädchen namens Terra. Allerdings kein gewöhnliches. Terra konnte unglaublich gut breakdancen, performte einen atemberaubenden Headspin zu »Platoon«, dem ersten, über vier Millionen Mal angeklickten Video von Jungle, und repräsentierte wenig später die Band auf deren erstem Pressefoto. Allerdings traute dem Mädchen trotz seiner beeindruckenden Tanzkünste kaum jemand zu, im Alleingang derartig traumwandlerischen Electro-Soul hinzubekommen. Einige Zeit später bestand die Band aus zwei sehr entspannten dunkelhäutigen Herren in grünen Jogginganzügen, die nicht nur im Video zu dem Song »The Heat« einen beeindruckenden Tanz auf Rollerskates vollführten, sondern ebenfalls auf einem offiziellen Pressefoto von Jungle in die Kamera grinsten.

Wenigstens ich rechne mit genau diesen Typen, während ich Anfang Mai dieses Jahres auf den Beginn ihrer Show im Berghain warte. Möglicherweise erwarte ich sogar Rollschuhe. Leider reingefallen. Zu einem morriconesk pfeifenden Eröffnungstrack tänzelt eine siebenköpfige zusammengewürfelte Gruppe Londoner auf die Bühne, aus der sich langsam zwei weiße Jungs – der eine mit kurzen blonden Haaren und Collegejacke, der andere dunkelhaarig mit Mini-Zopf – als die Quelle des für den Sound der Band typischen zweistimmigen Falsettgesangs herauskristallisieren. Ihr unbeschwerter Sound, der mal an Motown, mal an Synthiepop der 80er erinnert, schwebt wie durch einen eigenartig dumpfen Filter geschickt durch den Raum. Er wirkt gleichzeitig nah und ganz weit weg. Dazu tanzen die beiden leichtfüßig herum, wechseln zwischen Bass, Gitarre und Keyboard und wirken dabei, als seien sie daheim im eigenen Wohnzimmer. Die Bühne ist für sie, trotz bereits erfolgreich absolvierter US-Tour, offensichtlich noch Neuland. Blicke ins Publikum scheuen sie, die Ansagen sind kaum verständlich. Dafür werfen sie sich während der Show plötzlich gegenseitig ein Lächeln zu, bei dem sogar im Berghain die Sonne aufgeht.

Dieser entzückende Augenblick der Intimität kommt nicht von ungefähr. Josh und Tom, oder J und T, wie sich die beiden lieber nennen, sind Kindheitsfreunde und jetzt, wo sie mir gegenübersitzen, die wahren Jungle. Oder doch nicht? Bei einer Band, die so oft mit Bildern spielt, muss man vorsichtig sein. Sollten nicht doch in Wirklichkeit die beiden Rollerskater oder gar das Mädchen hier sitzen? J, der offensiv smarte Teil des Duos, grinst breit und spielt an seinem Handy herum. Ihm gefällt mein Misstrauen, genau das wollte er auslösen. »Ich hatte am Anfang wirklich die verrückte Idee, für jeden Auftritt eine andere Band zu nehmen, mit immer völlig anderen Sängern«, gibt er zu. »Ich liebe dieses Konzept, auch wenn es logistisch nicht machbar ist. Stell dir vor, du siehst eine Band, deren Songs du kennst. Aber die Personen auf der Bühne sind immer andere. Wen kümmert’s, wer wir sind? Es geht nur um den Song, den Sound und die Message.«

Für J und T ist diese Heimlichtuerei nicht nur ein Spiel, sie gehört zum Konzept: Jungle wollen hinter ihrer Kunst verschwinden, ihre Personen sollen keine Rolle spielen. Den Grund bringt ausgerechnet der vor Selbstbewusstsein nur so strotzende J auf den Punkt: »Ich hasse das Ego«, sagt er ohne mit der Wimper zu zucken. »Es gebiert keine Kreativität. Wir wuchsen auf mit den Spitznamen J und T. Trotzdem stehen sie jetzt eher für fiktive Charaktere. Ich möchte bei dieser Sache nicht im Vordergrund stehen. Mir wäre es lieber, hinten auf der Bühne auf einer kleinen Orgel zu spielen.« Auch T, dem ich einen prüfenden Blick ob dieser doch recht kühnen Aussage zuwerfe, bestätigt die Devise »keine Egos« und bezeichnet das Verhältnis zu seinem Kumpel sogar als »egoless«. Musik machen sie, um sich gegenseitig zu gefallen, das ist angeblich ihre einzige Ambition. Nicht mal den besten Freunden habe man bis vor Kurzem verraten, dass man überhaupt Tracks ins Netz stelle. Umso größer war dann der Triumph, als manche dieser Freunde Jungle-Videos posteten, ohne zu wissen, dass deren Schöpfer Josh und Tom von um die Ecke waren.

Aber wäre es nicht einfacher gewesen, einfach anonym zu bleiben, ohne ständig falsche Fährten mit wechselnden Gesichtern zu legen? »Mir fallen dauernd Bands und Produzenten auf, die auf ihren Covers einfach nur Bilder vom Himmel oder von Bäumen zeigen. Was zur Hölle soll dieser Quatsch?« So bezeugt J seine Abneigung gegen eine abstraktere Herangehensweise an die Bandidentität, die er im weiteren Verlauf nur noch als »all this psychedelic shit« bezeichnet. Auch für T muss man als Künstler auf jeden Fall immer ein Gesicht haben, »dem man direkt in die Augen gucken kann«.

Jungle ist, trotz kompakter Keimzelle, ein großes Biest. Die Band besteht ausschließlich aus befreundeten Musikern, Tänzern und Filmkünstlern und repräsentiert in vielerlei Hinsicht Shepherds Bush, das Londoner Viertel, aus dem J und T stammen. Als eine sehr multikulturelle Gegend mit einer nicht abreißenden Klangkulisse von Geschrei, Sirenen, Vogelgeschrei und Autolärm beschreibt T die Gegend und kommt dabei automatisch auf die Genese ihrer Musik zu sprechen. Indem er versucht, den dschungelartigen Sound seiner Hood in Songs umzusetzen, versetzt er sich in die Erinnerungen und Gefühle aus seiner Jugend zurück. Dementsprechend ist die Stimmung des Jungle-Sounds für ihn geprägt von Jugendlichkeit, Unbeschwertheit und Freiheit. J setzt das Gefühl, das ihre Musik hervorrufen soll, ganz simpel mit einem Tag am Strand in Gesellschaft der besten Freunde gleich. Mehr will er mit seinen Songs gar nicht erreichen. Eigentlich wolle er ohnehin nichts erreichen, spiele im Studio am liebsten den ganzen Tag »GTA« oder lasse sich von Filmen wie »Der Grinch« mit Jim Carrey inspirieren. Visuelle Einflüsse wie diese sind den beiden sogar so wichtig, dass sie während der sechs Monate, in denen ihr Album entstand, jede andere Musik so gut wie möglich ausblendeten.

Einflüsse aktueller Musik hört man dem Jungle-Sound dann auch nur bei dem recht ungewöhnlichen Mastering an. Für ein derart sumpfig-dröhnendes Bassgewand wäre zu den Zeiten von Marvin Gaye und Curtis Mayfield, beides große Einflüsse für J und T, noch jeder Toningenieur gefeuert worden. Jetzt ist es genau das Element, das ihren immer leicht schwülstigen Mix aus Soul, Pop und Eskapismus so unaufhaltsam nach vorne schiebt. Es wäre aber ein Fehler, diesen besonderen Sound als Zufallsprodukt zu bezeichnen. Jungle basteln schon seit über zehn Jahren in Js Schlafzimmer, wo auch »Jungle« entstand, an Tracks herum und haben schon alles Mögliche ausprobiert. J begann mit 14 zu rappen, weil »damals jeder 14-Jährige zu irgendwas rappte«. Später, als Bands wie die Strokes oder die Libertines in London einschlugen, versuchten sie sich als Indieband. Aber richtig fühlte sich das alles nicht an.

Vor dem Weg in die britische Indie-Einöde rettete sie ihre Freundschaft, die beim Songschreiben jeden Unsinn zuließ. Songs wie »Lucky I Got What I Want« entspringen zunächst sinnlosen Spielereien, die in einem »ernsthaften« Bandgefüge kaum möglich wären. »Die Hauptmelodie besteht aus unglaublich vielen Schichten«, erklärt J die Entstehung des Songs. »Wir waren stoned und fragten uns, wie viele Schichten wir übereinanderlegen könnten, um einen einzigen Sound zu erzeugen. Es war erst nur ein Witz, aber am Ende hatten wir 50 verschiedene Sounds, die ein und dieselbe Note spielten.« Für derartige Experimente verfügen die beiden über ein beachtliches Arsenal an Instrumenten, sogar eine Hammond-Orgel und ein Klavier hat J in seinem Schlafzimmer stehen. Alles selbstverständlich für wenige Pfund auf eBay ersteigert. »Bei mir ist das fast schon Besessenheit«, gibt J zu. »Wenn ich sage: ›Wir brauchen eine Orgel‹, dann müssen wir die sofort besorgen, auch wenn es fünf Uhr in der Früh ist. Aber das überträgt sich auf die Stücke. Wenn du die ganze Nacht rumfahren musst, um einen bestimmten Klang zu bekommen, führt genau das dazu, dass du etwas Neues schaffst.«

In solchen manischen Phasen spielen die beiden etliche Songs ein. Allerdings nicht solche, die es dann auch aufs Album schaffen. Eher jene, aus denen man ein paar Sekunden Brillanz heraussamplen kann. »Das ist unsere Methode«, sagt T, der im Gespräch mühelos als der bodenständigere der beiden durchgeht. »Wir lieben dieses Samplinggefühl im HipHop. Wir lieben J Dilla und wollten so etwas in unsere Musik transportieren, aber ohne tatsächlich andere zu samplen. Wir zerschneiden alles, was wir aufnehmen, und basteln so lange daran herum, bis es klingt wie ein Sample aus den 60ern.« J spielt zeitgleich mittels Smartphone KanYe Wests »Touch The Sky« vor und ruft: »Hör mal die fucking Bläser. Curtis Mayfield! Der Sound ist so toll, das ist ein klassisches Bläser-Lick, durch das du dich automatisch gut fühlst. Genau so etwas wollen wir auch erreichen.« Sofort beginnen beide zeitgleich mit den Köpfen zu nicken, so wie sie es wahrscheinlich seit zehn Jahren jeden Tag gemeinsam machen. Während ich darauf warte, dass J und T anfangen, unisono im Falsett zu singen, fällt mir auf, dass ich jetzt weiß, was Jungle wirklich ist: Freundschaft.

– Jungle »Jungle« (XL / Beggars / Indigo / VÖ 11.07.14)