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So war's in Köln: Adorno, Avantgarde und Applaus

Julia Holter live

Die Kalifornierin Julia Holter kommt mit ihrer undefinierbaren Pop-Mixtur ins Kölner Gebäude 9 und trifft auf eine kleine, aber extrem begeisterte Fan-Gemeinde.
Geschrieben am

07.11.2013, Köln, Gebäude 9

 

»We do not dance a story for you« schmeichelt einem Julia Holter gegen Ende des Konzerts bei »Maxim's I« ins Ohr. Auch wenn der Song ursprünglich eine Szene aus Colettes Novelle »Gigi« beschreibt, passt diese Zeile wunderbar auf das Konzert im leider nicht besonders gefüllten Gebäude 9. Julia Holter will keine große Geschichte erzählen, keine Ideenlosigkeit hinter einfältigem Konzeptüberbau verstecken und das ganz bestimmt nicht auch noch als leichtfertige Tanzunterhaltung verkleiden.

Ihre überbordende Ideenvielfalt spiegelt dafür sich in jedem einzelnen Song wieder und somit passt Julia Holters Musik eher zu einem Hörertyp den der alte Homie Adorno wohl im Kopf hatte, als er die Kategorie des »guten Zuhörers« erdachte. Auf stinknormale Strophe-Refrain-Strophe-Songstrukturen legt die aus Los Angeles stammende Holter ungefähr so viel Wert wie auf cheesy Radioharmonien. Dafür spielen sie und ihre vier Begleiter an Violine, Cello, Saxophon und Schlagzeug ausufernd mit Dissonanzen, avantgardistischen Soundeinwürfen und Free-Jazz-Einlagen. Das zwar nicht sehr zahlreich, aber mit Begeisterung erschienene Publikum quittiert dies alles mit überschwänglichem Applaus, der besonders Julia Holter imponiert: »That was an awesome applause, I should have recorded it.«

 

Trotz aller Anleihen an Avantgarde, Jazz und Neue Musik ist der Grund, warum Holter im Gebäude 9 und nicht im Hochkulturbetrieb stattfindet, ihr Gespür für großartige Pop-Momente unter diesem Dickicht von eher unzugänglichen Soundspielereien. Am deutlichsten wird das bei der Zugabe »Goddess Eyes II“, in der sie anhaltend die Zeile »I can see you, but my eyes are not allowed to cry.« wiederholt und der Schlagzeuger mit verzerrtem Mikrophon und einem Glockenspiel hantiert. Wenn das nicht Pop in Reinform ist, was dann?