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Mit dem Bauch durch die Wand

Julia Holter im Gespräch

Eher verbaucht als verkopft erlebte Valentin Erning Songwriterin Julia Holter, die sich schon seit Anbeginn ihrer Karriere gegen das Vorurteil wehren muss, eine betont nachdenkliche, wenn nicht gar sperrige Künstlerin zu sein. Mit ihrem vierten Album »Have You In My Wilderness« könnte das nun endlich vorbei sein.
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»Manches kommt einfach so in mir hoch. Und das lasse ich dann genau so stehen«, sagt Julia Holter, und es klingt fast ein bisschen trotzig. Eine Haltung, die ihr im durchdogmatisierten Kosmos der klassischen Komposition wohl nicht erlaubt gewesen wäre. Die hatte sie nämlich eigentlich studieren wollen. Während des Studiums blieb der Kalifornierin aber reichlich Zeit, zu ergründen, welche Art von Musik sie nicht machen möchte. Entsprechend entschlossen fällt die Antwort aus, wenn man sie auf diese Lebensphase anspricht. »Auch wenn ich zunächst sehr darum bemüht war: Es ist mir nicht gelungen, mich in diese Welt einzufügen. Ich passe da nicht hinein. Auf dem Weg zu dieser Erkenntnis habe ich lange mit mir gekämpft und ein ziemliches Gefühlschaos durchgemacht. Vieles ist nicht ganz glatt gelaufen. Aber das bedeutet nicht, dass etwas falsch gelaufen ist.«

Am Ende stand die Gewissheit, dass sich die heute 30-jährige Singer/Songwriterin den starren, althergebrachten Mustern der klassischen Musik nicht unterwerfen wollte und konnte. »Klassische Musik folgt unglaublich spezifischen Vorgaben, ist sehr entwicklungs- und aufbauorientiert und kennt oft nur Richtig oder Falsch. Und das mag ich nicht, weil es mich eingrenzt. Mir liegt eher das zyklische, mysteriöse, ja, vielleicht sogar ziellose Schreiben; mein Verstand arbeitet vollkommen anders.« Sowieso habe sie mehr für wilde, ungewöhnliche Klänge übrig. Etwas Nützliches kann die Absolventin – allen Entbehrungen der alten Schule zum Trotz – dann aber doch aus dem zähen Lebensabschnitt ziehen: »Wenigstens bin ich in der Lage, meine Musik heute recht zügig zu notieren. Und Fachgespräche mit anderen Musikern fallen mir leicht.«

So wird Holter auch das Anbandeln mit jenen sechs Kollegen, mit denen sie vor einiger Zeit das Nebenprojekt Terepa ins Leben gerufen hat, relativ leicht gefallen sein. Mehr als die nötigsten Absprachen wird ihr das kreative Tête-à-Tête – oder eher: Peer-to-Peer – gleichwohl nicht abverlangt haben: Eine erste EP nahm das Kollektiv mehr oder minder aus dem Stand auf, synchron zwar, aber personell über die Kontinente verstreut. Man hört es den Tracks an: Alles scheint unkontrolliert ineinander zu verlaufen. Wildnis. Synergien? Reiner Zufall, dann aber umso zauberhafter anzuhören. »Ich weiß nicht, ob das wirklich etwas für die Zukunft ist«, gibt Julia zu bedenken. »Es entstand eher aus einer Laune heraus. Ich lasse mich gern auf Kollaborationen ein, weil sie mich aus dem bequemen Gewohnten herauslocken und meinen Horizont erweitern.«
Während die abtrünnige Akademikertochter – Holters Eltern sind Historiker – seit nunmehr drei Alben stur ihrer Wege musiziert und sich dabei mal mehr, mal weniger zugänglich gibt, klappern unablässig die Genre-Schubladen. Doch will keine davon so richtig zugehen. Zumindest nicht, ohne dass sich zugleich an anderer Stelle eine weitere öffnen würde. Sie ist schwer einzufangen, diese Julia Holter, in dieser ihr eigenen, allzu einfach zu unterschätzenden klanglichen Leichtgängigkeit. Ihr dieser Tage erscheinendes viertes Album hat sie recht passend »Have You In My Wilderness« getauft. Die freie Wildbahn fasziniert sie so sehr, wie die Verwissenschaftlichung von so etwas Emotionalem wie Musik sie abtörnt. »Die wörtliche Wildnis – und da sind nach meinem Verständnis die Ozeane inbegriffen – ist für mich als Stadtmensch etwas Furchteinflößendes und Schönes zugleich. Im Albumtitel steht der Begriff bildlich für die Eroberung eines Menschen. Du reißt jemanden mit dir hinein in deine Welt – und alles, was dazugehört.« Das könne zwar romantisch sein, müsse es aber nicht. Insofern gehe es ihr auch um Ungleichgewichte in einer Beziehung, wie Holter ergänzt, während sie in ihr Brötchen beißt. Es krümelt. Wildnis. »Es kommt oft vor, dass in Beziehungen die eine Person den Ton angibt und die andere sich fügt – oder eben nicht. Und so etwas beginnt nicht erst beim Thema Vergewaltigung, geschweige denn, dass es vom Geschlecht der oder des Einzelnen abhängt. Auch wenn das zweifellos eine maskuline Tendenz ist: die Unfähigkeit, zu begreifen, dass man jemanden erst einmal für sich gewinnen muss.«

Um ihre Hörer zu gewinnen, geht Julia Holter meist nicht den Weg des geringsten Widerstandes. Minimalinvasiv sind ihre Songs dennoch – und lyrisch vage bis vertrackt. Viele glauben, etwas Merkwürdiges auszumachen, das ihnen anhafte. Doppelte Böden? Rückwärtsbotschaften? Holter gibt nichts auf Mystifizierung und lässt die Steilvorlage ungenutzt. »Ich versuche nicht, sonderbar zu sein. Ich fordere mich nur heraus – das ist es.« Und wir dürfen dabei zuhören und uns einen Reim darauf machen. Oder auch nicht: »Der Aspekt des Unterbewussten ist dabei reizvoll. Bei mir ist nicht alles immer nur darauf ausgerichtet, Sinn zu ergeben oder in ein Konzept zu passen. Die Einstufung ist am Ende dem Hörer überlassen«, stellt Holter klar. »Kunst im Allgemeinen hat weniger mit Logik zu tun als mit dem Betrachter selbst.« Womit sich die gemeinhin als verkopft geltende Künstlerin vielmehr als verbaucht outet.

Das neue Album liefert dazu eine ganze Reihe an wortwörtlichen Beweis-Stücken: Da »Have You In My Wilderness« – im Gegensatz zu seinen Vorgängern – ohne literarischen Überbau, ohne Euripides und Frank O’Hara auskommt, konnten auch die Songs mehr aus dem Moment heraus geboren werden. Ihre eigene ungefilterte Kurzgeschichte erzählen. Bei Julia Holter ist die Klaviertastatur der Anfang von allem. Auch lyrisch, weshalb sie dann schon mal minutenlang auf ein und demselben Vers verharre, während das Lied unter ihren Fingern allmählich an Form gewinnt. Was danach geschieht, geschieht mit aller Behutsamkeit. Die Seele eines Stücks ist vor Komposition und Produktion zu schützen – sonst stirbt die Magie. »Etwas Rohes weiterzuentwickeln, ohne dass es seine Naturbelassenheit verliert, ist gar nicht so einfach. Songs können dann zwar schöner klingen, aber dadurch ihre Kraft verlieren. Das zu verhindern hat uns mit Abstand am meisten Zeit gekostet.« Aufwand betreiben, um Aufwand zu verschleiern? Paradox irgendwie. Aber ungeahnt effizient.

Julia Holter »Have You In My Wilderness« (Domino / GoodToGo / VÖ 25.09.15)

Julia Holter

Have You In My Wilderness

Release: 25.09.2015

℗ 2015 Domino Recording Co Ltd