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@ Toronto International Film Festival

Joy Division-Film

Das kanadische TIFF ist eines der größten Filmfestivals weltweit. Mark Swatek-Evenstein ist für Intro vor Ort.
Geschrieben am

Mit dem Toronto International Film Festival findet eines der größten Filmfestivals, das sich selbst in der Bedeutung unmittelbar hinter Cannes positioniert, nun erstmals auch auf intro.de statt. Auf geht's in die, nunja, sonnendurchstrahlten Fluten des Festivalgeschehens: Toronto, vom Kosmopoliten irgendwo zwischen Melbourne und New York eingeordnet, mit der Seeanbindung, die man - ebenso wie den Wind - vielleicht aus Chicago kennt. Und das Ganze dann halt in Kanada, mit wunderbarsten Sommertemperaturen Anfang September. Kann man schon mal machen.

Filmfestivals sind die Orte, an denen sich beispielsweise größere Mengen Menschen an einem sonnigen Nachmittag mit ihren Joy Division-T-Shirts treffen, um sich in einem dunklen Kino einzuschließen und einen Film zu sehen, in dem weiße Männer um die fünfzig sich daran erinnern, wie es war, mal weißer Mann im Norden Englands um die zwanzig zu sein. Die Rede ist von dem recht simpel betitelten Dokumentarfilm 'Joy Division', der also am Freitag, den 7. September 2007 seine Weltpremiere auf dem Toronto International Film Festival hatte. Der jüngst verstorbene Tony Wilson, Gründer von Factory Records und damit verantwortlich für die Veröffentlichung der beiden einzigen "wahren" Joy Divison-Alben (Compilations, Live-Alben, Bootlegs nicht mitgerechnet), beschreibt Joy Divison darin als die Band, die den Schritt vom "Fuck You" des Punk zum "I'm Fucked" machten und damit ganze Welten öffneten. Jedenfalls für junge weiße Männer und Frauen mit einer Affinität zu Gitarren, Depressionen, dem Gefühl, unverstanden zu sein und der Sucht und Suche nach größeren Gefühlen. Das ist vielleicht der größte, weil treffendste Moment des Film.

Das Schöne an Festivals ist ja auch, dass dort ein ganz besonderes Publikum zusammen kommt, und eben eher die Chance besteht, im Vorbeigehen mit jemandem zu sprechen, die in der Geschichte von Joy Division die Geschichte direkter Zeitgenossen erlebt hat und in Manchester ihre Stadt sieht. In seinem Dokumentarfilm, der interessantes, den Fans aber bekanntes Bildmaterial aus der kurzen Zeit der Existenz der Band mit aktuellen, reflektiven Interviews mit den Beteiligten mischt, versucht Regisseur Grant Gee die Geschichte von Joy Division mit der Geschichte, der Stadt, aus der sie kamen, die sie prägte, zu vermischen. Manchester als Geburtsort des Kapitalismus und Manchester als Geburtsort der musikalischen Umsetzung der Ratlosigkeit, die dieser Kapitalismus auf lange Sicht hervorrief. Das muss man nicht überzeugend finden, das ist vielleicht auch ein Projekt, das größer ist, als dieser Film sein kann, aber die Bilder aus dem Manchester der 1970er Jahre, die Gee dafür präsentiert, entwerfen eine hinreichend deprimierende Version dieser Stadt, als dass man erstmal dorthin mitgehen kann. Ansonsten gibt es Interviews satt, in denen Peter Hook sich in der (un)dankbaren Rolle als unsensibler Proll sehr gut gefällt und Annik Honoré als die Yoko Ono von Joy Division (na ja, das ist ein schlechter, aber nahe liegender Vergleich) für die emotionaleren Momente sorgt.

Passenderweise läuft im Festival-Programm parallel die Spielfilm-Fassung der gleichen Story, Anton Corbijns 'Control' - die Frage, welches Genre denn das "bessere" ist, um diese Geschichte zu erzählen, lässt sich hier also theoretisch im Selbstversuch unmittelbar beantworten. Praktisch allerdings lässt die Programmgestaltung beim Toronto Film Festival dies nicht unbedingt zu, jedenfalls dann nicht, wenn man auch noch das eine oder andere "Andere" zu tun hat. Insofern: Das Festival geht noch ein paar Tage.


Mark Swatek-Evenstein berichtet weiter vom Festival. Unter www.intro.de/blog