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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Das System platt machen

Joy Denalane

Joy Denalane singt jetzt auf Englisch? Und das, obwohl sie mit ihrem von Sozialengagement behauchten deutschsprachigen Neosoul abseits von Naidoo’scher Gottfindung so identitätsstiftend war? Ist so. Und: Die neue Platte klingt toll. Nicht nur, weil die Sprache frisch ist und alles runder und weicher
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Joy Denalane singt jetzt auf Englisch? Und das, obwohl sie mit ihrem von Sozialengagement behauchten deutschsprachigen Neosoul abseits von Naidoo’scher Gottfindung so identitätsstiftend war? Ist so. Und: Die neue Platte klingt toll. Nicht nur, weil die Sprache frisch ist und alles runder und weicher fließt. Sondern weil “Born & Raised” stimmig nach kontemporärem, Philly-beeinflussten R’n’B und Neosoul schmeckt, der sich geografisch nicht festlegt – und trotzdem lokal agiert, wenn Joy von ihrem Aufwachsen nahe der Berliner Mauer oder, wie auch schon auf ihrer ersten Platte, von den Aufständen in Soweto singt. “Dass das komplette Album auf Englisch ist, hat sich nach und nach so ergeben. Max [Herre, Ehemann und Produzent] und ich haben beim Songschreiben mit Sékou Neblett, den wir ja vom Freundeskreis kennen, zusammen gearbeitet – was super geklappt hat. Innerhalb weniger Wochen haben wir zahllose Songs geschrieben, die aber alle auf Englisch waren. Ich habe zuerst versucht, sie wieder zurück zu übersetzen, aber ich habe schnell festgestellt: Das ist ein Witz, das klingt nur peinlich.”

Dass die Platte im berühmten The Studio in Philadelphia aufgenommen wurde und für Guest-Appearances amerikanische Stars wie Wu-Tangs Raekwon oder Jay-Z-Schützling Lupe Fiasco andockten, stand der sprachlichen und klanglichen Entwicklung vermutlich nicht gerade entgegen. “Wir wollten genau diesen Sound. In Deutschland hatten wir bereits alles vorproduziert, alle Beats, Melodien, Texte. Das Konzept war, in Philly das Ganze mit echten Instrumenten nachzuspielen. Larry Gold, der da in seinem fetten Studio wirklich wie eine lebende Legende sitzt und sich den Arsch abarbeitet, hat all meine Strings eingespielt und arrangiert, und James Poyser ist sowieso schon seit einigen Jahren mein stiller Mentor und Freund. Seit wir uns für einen Remix getroffen haben, gibt er mir immer mal wieder ganz dezent Tipps, was ich mir doch mal anhören könnte. Während der Zeit, in der wir aufgenommen haben, war unser Studio immer gerammelt voll, weil alle gucken wollten, was die Deutschen so machen. Die Roots waren eigentlich ständig da, und Amir Thompson war so beeindruckt von unserem Drumtuner, mit dem man die Drums so stimmen kann, dass sie genau klingen wie auf dem Sample, dass er ihn sich einfach unter den Nagel gerissen hat.”

Für die Sängerin, die von MTV einst etwas plump mit der Adelung “Queen of German Soul” behängt wurde, ist es immer noch wichtig, eine “Message” rauszupusten. Der Albumtitel “Born & Raised” postuliert in der Tradition des afroamerikanischen Representing die Universalität eines afrodeutschen Coming of Age als Selbstbehauptung. Und in den Lyrics stellt sich Joy in eine Linie mit großen Soulaufrüttlern wie Marvin Gaye, wenn sie im Opener singt “A change is coming our way”: “Das ist ein Aufruf, klar. Ich glaube schon, dass es die Möglichkeit zu sozialer Veränderung gibt. Man muss halt ein bisschen Abstand davon nehmen, dass dieser komplette Umsturz passiert und dass das System platt gemacht wird. Eine Revolution sehe ich derzeit einfach nicht. Aber ich singe ja auch ‘Step by step, come with me’ – ich glaube definitiv an eine Politik der kleinen Schritte.”