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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Musik als Gegengift

Johnny Marr im Gespräch

Mit »Call The Comet« hat Johnny Marr gerade sein bereits drittes Soloalbum innerhalb von fünf Jahren veröffentlicht, auf dem er sich eine »alternative Gesellschaft« vorstellt. Grund genug für Dirk Hartmann, mit dem ehemaligen The-Smiths-Gitarristen über Inspirationsquellen, Donald Trump, Obdachlosigkeit in Manchester – und natürlich Morrissey zu sprechen.

Geschrieben am

Dein Album hat bisweilen eine politische Note. Wo kam die diesmal die Inspiration her?
Ich bin in ein neues Studio gezogen, das sich in der obersten Etage einer alten Fabrik außerhalb von Manchester befindet. Dort lief für einige Zeit über einen riesengroßen Projektor Al Jazeera an einer Wand, während an einer anderen Wand zeitgleich Fox News gezeigt wurde.

Würdest du »Call The Comet« als Konzeptalbum bezeichnen?
Das Wort Konzept ist ein wenig beschmutzt, weil man damit hauptsächlich 70er-Jahre-Scheußlichkeiten assoziiert. Aber es gibt ein Thema, das den größten Teil des Albums durchzieht, nämlich die Idee von einer alternativen Gesellschaft. Im Song »Tracers« geht es um die Bitte der Menschheit an eine außerirdische Macht, uns zu helfen. Falls das etwas kitschig oder sci-fi klingen sollte, fuck that! Wenn die Menscheit 2000 Jahre damit verbracht hat, einen Gott anzubeten und sich abzuschlachten, dann kann ich auch über »Call The Comet« singen. Denn Religion funktioniert nicht, Politik funktioniert nicht, und auch der Kapitalismus ist gescheitert.

Welchen Einfluss hatte es, dass Donald Trump gerade zum Präsidenten gewählt worden war, als du dich 2016 zur Vorstellung deiner Autobiographie in New York befandest?
Das hat mich insofern beeinflusst, dass ich entschieden habe, kein ganzes Album über ihn zu schreiben. Es gibt auf der LP einen Song namens »Bug«. Ein Bug ist wie ein schlimmer Virus, der unser Leben infiziert. So sehe ich Politiker wie Trump. Aber Musikfan zu sein, ist ein Gegenmittel. Musikkultur ist eine Form von Widerstand.

Wie erklärst du es dir, dass du dich gegen Rechtspopulismus aussprichst, dein ehemaliger The-Smiths-Bandkollege Morrissey aber solchen politischen Strömungen inzwischen nahesteht?
Ich habe keine Ahnung, warum er sagt, was er sagt. Es ist aber nicht so kompliziert, weil Morrissey und ich schon immer sehr unterschiedlich gewesen sind. The Smiths haben Menschen unterstützt, die marginalisiert wurden und die sich wie Außenseiter gefühlt haben aufgrund ihrer Sexualität, ihres Lebensstils, ihrer Persönlichkeit oder ihrer Herkunft. Das war immer meine Orientierung, und diese Orientierung hat sich für mich nie geändert.

Du hast mit der Schauspielerin Maxine Peake das Spoken-Word-Stück »The Priest« aufgenommen, um auf das Thema Obdachlosigkeit in Manchester aufmerksam zu machen. Wie kam es dazu?
Maxine Peake ist über den Blog von Joe Gallagher gestolpert, der für sieben Monate obdachlos war. Obdachlosigkeit hat in Manchester stark zugenommen, weil die Regierung die Geldmittel für einige Hilfszentren für psychisch Kranke gekürzt hat. Diese armen Menschen sind dann auf der Straße gelandet. Man muss nicht mal Mitgefühl empfinden können, um zu wissen, dass Obdachlosigkeit ein schlimmer Zustand ist. Genauso ist uns allen klar, dass eine solche Situation heutzutage in allen Städten der westlichen Welt unnötig ist. Wo ist da die Menschlichkeit?