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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Musik für über 21-Jährige

John Parish

John Parishs Album "How Animals Move" wirkt wie ein Skizzenbuch. An den verschiedensten Orten der Welt mit den verschiedensten, illustren Gästen aufgenommen, werden hier zahlreiche unterschiedliche Impressionen eingefangen. Das reicht von einer Violinen-Miniatur bis zu opulenten zwölfköpfigen Arrang
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John Parishs Album "How Animals Move" wirkt wie ein Skizzenbuch. An den verschiedensten Orten der Welt mit den verschiedensten, illustren Gästen aufgenommen, werden hier zahlreiche unterschiedliche Impressionen eingefangen. Das reicht von einer Violinen-Miniatur bis zu opulenten zwölfköpfigen Arrangements. Musik auf Reisen, bewegt und variantenreich. Obwohl Parish immer wieder mit der Chicagoer Postrock-Szene in Verbindung gebracht wird, ist seine Platte zu vielfältig, um irgendeinem Stil zugerechnet werden zu können. Alleine die zahlreichen namhaften Gäste von P.J.Harvey bis Howie Gelb sorgen für unterschiedliche Facetten. Der kleinste gemeinsame Nenner: Eine sehr leichte, fast poppige Grundstimmung, eine Spur Melancholie und sehr viel getragene Folklore, vergleichbar mit Giant Sand und Lambchop, allerdings instrumental und mit jazzigen Zwischentönen angereichert. Also doch Postrock? John Parish rückt das zurecht.

Parish: Natürlich wird man mit der Szene assoziiert, aus der man kommt, aber kein Begriff kann die Musik treffen, denn Chicago hat keinen homogenen Sound. Nimm zum Beispiel Jim O`Rourke und Tortoise - das ist doch weit voneinander entfernt. Post-Rock wurde häufig mit Bands in Verbindung gebracht, die Elektronik, aber auch Jazz in ihre Musik einfließen lassen. Insofern bin ich kein Post-Rocker, denn ich arbeite ganz selten mit Elektronik, habe sehr viele Pop-Elemente in meiner Musik, also griffige Harmonien, ich dekonstruiere eigentlich nicht.

Viele von Euch verbindet allerdings, dass Ihr hauptsächlich instrumental arbeitet.

Parish: Ja, das stimmt, aber das ist noch kein Kriterium für einen gemeinsamen Stil. Da könnest Du auch sagen, dass "Frauenmusik" ein Stil wäre, obwohl eine Gospelsängerin und eine Riot-Punk-Band wohl sicher wenig miteinander gemeinsam haben. Trotzdem hast Du natürlich recht: Aus Chicago sind Impulse ausgegangen, die dafür sorgten, dass instrumentale Rockmusik wieder Akzeptanz erlangte. Das war ja seit dem Progressive-Rock in den Siebzigern eher ein Tabu. Und es war wohl auch ein Tabu, weil es damals so viel schrecklichen Progressive-Rock gegeben hat.

Durch die zahlreichen Gastmusiker auf dem Album wirkt es, als ob Du Dich selbst eher zurücknehmen würdest. War es Deine Absicht, nicht die eigene Person in den Mittelpunkt zu stellen, sondern das Kollektiv?

Parish: Ich wollte meine Person nicht hervorheben, das stimmt, aber es war sowieso nicht mein Anliegen, personenfixiert zu arbeiten. Es gibt nicht so etwas wie Leadgitarristen, keine einzelnen Personen, die in den Stücken eine zentrale Rolle einnehmen. Wichtig ist alleine das Gesamte, das Arrangement. Deswegen hast du zwar jede Menge verschiedene, zum Teil bekannte Gastmusiker, aber keine Stücke, die von ihnen dominiert wären.

Das liegt wohl auch daran, dass die meisten Stücke eher still sind, also konzentriertes Zusammenspiel und Zurückhaltung erfordert haben. Glaubst du, dass die Zeit wieder reif ist für eher ruhige Musik? Ich frage, weil im Musikfernsehen von HipHop bis Nu'Metal ja noch immer eher laute Musik den Ton angibt.

Parish: Oh, das interessiert mich nicht, ich schaue mir kein MTV an, also kriege ich das gar nicht mit. Ich plädiere für das Recht, dass es auch eine Musik für Menschen geben muss, die älter als 21 Jahre sind. Ich meine, viele von den Leuten, die auf meiner Platte mitspielen - du hast zum Beispiel Howe Gelb erwähnt - haben mit Punk begonnen. Und die stille Musik, die sie heute machen, ist noch immer mehr Punk als das ganze Geplärre von den Industrie-Klonen im Musikfernsehen. Es ist mehr Punk, weil es von der Haltung her noch immer subversiv und independent ist.

Ist es das, was die verschiedenen Charaktere wie P.J. Harvey und Eric Drew Feldman auf Deiner Platte verbindet: Erwachsene Musik zu machen, die Punk im Geiste ist?

Parish: Zuerst verbindet sie, dass ich mit allen befreundet bin und dies also eine Platte mit vielen meiner Freunde geworden ist, auch wenn sie sich selbst nicht alle untereinander kennen. Ansonsten glaube ich schon, dass es einen gemeinsamen Nenner gibt: Ihnen ist die Musik wichtiger als irgendwelche Moden. Und wer so denkt, steht automatisch außerhalb des Mainstreams. Das heißt aber für mich nicht, dass unabhängige Musik nicht schön und poppig sein darf. Wenn ich von Pop rede, denke ich an Musiker wie David Bowie und T. Rex, die ganz große Songs geschrieben haben. Würden sie allerdings jetzt erst ihre Karriere beginnen, könnte es gut sein, dass sie heute notgedrungen auch independent wären.

"How Animals Move" ist in verschiedenen Studios an verschiedenen Plätzen der Welt aufgenommen worden. Ist dies der Grund dafür, dass jedes Stück anders ausgefallen ist?

Parish: Oh ja, denn jedes Studio klingt anders. Und nicht nur das: Du bist immer in einer ganz anderen Stimmung, an einem ganz anderen Lebensabschnitt. Ich mag keine Platten, die einen einzigen, durchgängigen Sound haben, also berechenbar sind. Andererseits mach ich aber auch selten zerfahrene Platten, die wie ein Sampler wirken. Mir ist die Balance wichtig: Eine Platte so vielseitig wie möglich zu machen, so viele Facetten meines Schaffens wie nur denkbar abzubilden, aber auch einen roten Faden zu schaffen. Kein Stück soll so wirken, als wäre es aus Zufall oder Verlegenheit auf die Platte gekommen.

Sind die ganzen Elemente alter Musik, von Folk bis Blues, so etwas wie ein roter Faden? Eine Art Chronik amerikanischer Musik?

Parish: Intellektuell gesehen vielleicht. Aber nur in der nachträglichen Interpretation. Beim Entstehen ist der rote Faden eher intuitiv. Er ergibt sich stimmungshaft. Danach kann man natürlich interpretieren - eine Aufgabe, die ich Euch Journalisten überlasse.