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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Kompositorisches Vogueing

JOHN LYDON

Und zwar tut es dies augenblicklich durch eine klanggewordene Groteske namens "Psycho's Path", die ungefähr ins Augenblickliche geschlittert ist wie folgt: vier Wände zuzüglich Decke und Boden, ein übliches Arsenal an Samplern und Keyboards, das war's. Das heißt, nicht ganz: JOHN LYDON gibt's ja auc
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Autor: intro.de

Und zwar tut es dies augenblicklich durch eine klanggewordene Groteske namens "Psycho's Path", die ungefähr ins Augenblickliche geschlittert ist wie folgt: vier Wände zuzüglich Decke und Boden, ein übliches Arsenal an Samplern und Keyboards, das war's. Das heißt, nicht ganz: JOHN LYDON gibt's ja auch noch, und zwar mittendrin im ganzen Wust - und eigentlich selbst ein einziger solcher. "I've built four walls around myself and gone insane inside of them", sagt LYDON und geht damit wie auch sonst kaum über das hinaus, was er nicht schon via press-handout verlautbaren ließ. Jedoch scheint es das zu sein, was gesagt werden muß: LYDONs erste Soloplatte ist an Kauzigkeit schwerlich zu überbieten. Er selbst findet sie genial, alle anderen wohl eher unbeschreiblich. Einzigartigkeit würde LYDON wohl gerne für sich und "Psycho's Path" reklamieren, wegen meiner, here we go: aber nur artig, nicht einzig.
Was genau "Psycho's Path" so irritierend macht, ist nicht genau zu erklären. LYDON entfernt sich nicht allzuweit von bekannten PUBLIC IMAGE LTD-Pfaden (schon die Baßlinien sind so WOBBLEesk wie sonst nur die von JAH), benutzt weder ungewöhnliche Sounds, Harmonik, Rhythmik noch ungewöhnliche Strukturen. Der eher brave und hausbackene musikalische Status quo, auf dem sich LYDON befindet, bildete sich irgendwann Anfang der schrecklichen achtziger Jahre heraus; trotzdem gelingt es "Psycho's Path" vorzugaukeln, man werde die Chose erst in ein paar Jahren vollständig begreifen können. Muß mit dem Songmaterial zu tun haben und nicht mit dem ausufernden kompositorischen Vogueing LYDONs: Die Remixes von MOBY u. a. sind ebenfalls beeindruckend hudelig. Vielleicht liegt es daran, daß LYDON - wenn er "solo" sagt, dann meint er es auch so, er ist nun mal straight forward - darauf verzichtet hat, Musiker zu Rate zu ziehen, vielleicht daran, daß es drei Jahre unregelmäßiger Arbeit bedurfte, das scharf konturierte Ego in eher amorphen Klang zu meißeln, daß jeder Track traurig in Fransen baumelt und sich alles in einem Stadium verzeifelter Unentschlossenheit befindet, die sonst nur Leuten eigen ist, die noch nicht gesagt bekommen haben, mit welchem Waschmittel die bösen Flecken aus dem Schurwolle-Leibchen zu waschen sind. Schon bei dreißig Grad.
JOHN LYDON ist weder ein guter Programmierer noch ein passabler Arrangeur - und Musiker schon gar nicht. Gerade das hält er indes für seine große Stärke: "22 Jahre Rumhängen mit Bands und Muckern - es war wirklich nicht einfach, dabei nichts, aber auch gar nichts zu lernen, was die technische Seite des Musizierens angeht, das kann ich dir flüstern!" Ignorance ist kein bliss, sondern harte Arbeit. Eine, die sich aber per se auszahlt, wenn man wie LYDON von der antiquierten Vorstellung ausgeht, jedes kleine Fitzelchen an scholarischem Wissen werde einen zwangsläufig daran hindern, wie eine Wildgans durch Klopapierrollen zu schnattern, Schlagzeugsounds aus Pappkartons zusammenzupfriemeln und grauenhaft das Akkordeon zu drücken, gerade so, wie es auf "Sun" passiert. Der Haken an der Sache: der Track klingt noch nicht mal nach organisiertem Chaos, sondern so normal wie nur irgendwas. Bemerkenswert immerhin: LYDON, der inzwischen hauptsächlich in den Staaten lebt ("Hier mag man mich: Ich bin prominent und habe Geld. Da spielt es keine Rolle, daß ich in Wahrheit die Subversion in persona bin!"), benutzt sein breites Cockney nur noch gelegentlich als Kolorit und hat auch seinen an sich schon eigentümlichen Gesangsstil zugunsten eines noch viel eigentümlicheren Gehowles aufgegeben, der sich nunmehr hervorragend dazu eignet, unablässig kinderabzählreimhafte Melodiebögen zu leiern.
Dekadenz - vielleicht ist es das, in was sich LYDON ergeht. Immerhin hat er hinter sich alles eingerissen und mit gewaltiger Energie sein eigenes Lebenswerk zertrümmert. Der "Great Punkrock-Swindle", auf den er nach anfänglicher Weigerung, darüber zu sprechen, selbst rekurriert, diente zu nichts anderem, als sich selbst abzuschaffen. Wenn die eigene Existenz dadurch ihre Rechtfertigung findet, daß eine crowd einem Bierflaschen an den Kopf wirft, muß sich die lebende Legende halt selbst richten, wenn in Zeiten der Rezession niemand mehr bereit ist, auf sein Pfandgeld zu verzichten. Die ROLLING STONES sind seit dem Volkswagen-Genickschuß allenfalls querschnittgelähmt; ROTTEN konnte es besser: Die PISTOLS ruhen sanft und in ewigem Frieden - vergessen. Und doch, LYDON wagt es nicht, so mir nichts, dir nichts aus dem Hotelzimmer auf den Santa Monica Beach zu treten - ist ja schließlich "alles voller Fans". Was bleibt? Ein bewegtes Nichts, an dessen äußeren Begrenzungen das geübte Auge noch leichte Schwaden Zynismus wahrnimmt, wie sie in den Äther entschwinden. Und natürlich die ewige Frage: Wer ist eigentlich unangenehmer? LYDON oder McLAREN?