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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die Echsenhaut

John Lurie & The Lounge Lizards

Freilich ist seit jenen Jahren viel Wasser den Hudson und die Spree hinabgeflossen. Aus den LOUNGE LIZARDS wurde mittlerweile eine Kaderschmiede der Avantgarde wie die JAZZ MESSENGERS und MILES DAVIS BAND in ihren jeweiligen Zeiten. LURIE hat eine goldene Hand in der Auswahl seiner Leute. Und eine s
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Autor: intro.de

Freilich ist seit jenen Jahren viel Wasser den Hudson und die Spree hinabgeflossen. Aus den LOUNGE LIZARDS wurde mittlerweile eine Kaderschmiede der Avantgarde wie die JAZZ MESSENGERS und MILES DAVIS BAND in ihren jeweiligen Zeiten. LURIE hat eine goldene Hand in der Auswahl seiner Leute. Und eine stählerne, wenn es darum geht, sie wieder zu feuern. 'Die besten Musiker der Stadt haben bei den LOUNGE LIZARDS gespielt', erzählt er gewinnend. 'Ich habe sie, wenn sie zwischen 25 und 35 sind. So lange, bis sie eine eigene Stimme entwickelt haben. Dann gehen sie ihrer eigenen Wege.'
Und was das für Wege sind. Die GOLDEN PALOMINOS, AMBITIOUS LOVERS, CUBANOS POSTIZOS, SEX MOB, MEDESKI MARTIN & WOOD, LIMINAL LOUNGE, ELYSIAN FIELDS, SPANISH FLY, SLOW POKE, die JAZZ PASSENGERS - all diese Gruppen gingen aus den LOUNGE LIZARDS hervor. Einige davon sitzen inzwischen gar auf einem Major-Vertrag, während LURIE selbst jahrelang darum kämpfen mußte, daß die neue LIZARDS-Scheibe 'Queen Of All Ears' überhaupt erscheinen konnte. Ein bißchen Stolz erfüllt ihn, wenn er auf den Stammbaum seiner Band blickt, aber auch ein Quentchen Bitterkeit. 'Einigen von ihnen habe ich unheimlich geholfen, und sie sind mir noch heute dankbar dafür. Anderen hingegen habe ich noch viel mehr geholfen, so daß sie es nie zugeben könnten. Aber warum sollte es mich ärgern? Ich schwöre dir, einige dieser Typen würden heute noch in einem Lebensmittelladen arbeiten, wenn ich sie nicht großgezogen und ihnen geholfen hätte, ihren eigenen Sound zu finden. Als Ribot zum Beispiel in die Band kam, sagten alle, schmeiß diesen Typen wieder raus. Doch ich hielt an ihm fest. Ich weiß nicht, wie er darüber denkt, aber ich habe schon eine Menge mit dem zu tun, was Ribot heute macht.' Spätestens als TOM WAITS Mitte der Achtziger versuchte, ihm die gesamte Band auszuspannen, wußte LURIE, daß er auf dem richtigen Dampfer war. Er zieht Parallelen zu der Ambivalenz seiner Beziehung zu Jim Jarmush. Eine Menge Leute würden nie von ihm gehört haben, hätte Jarmush ihn nicht durch Filme wie 'Down By Law' oder 'Stranger Than Paradise' in einem ganz anderen Teil der Welt bekannt gemacht. 'Ich hasse ihn dafür!' bricht es aus ihm heraus, und mit einem Lächeln gibt er sofort darauf zu verstehen, daß er Jarmush auf der anderen Seite dankbar und in Freundschaft verbunden ist.
Jeder Anflug von Bitterkeit ist sofort verflogen, wenn LURIE erst mal auf der Bühne steht und das Mikrophon an sich heranzieht. Er kaut noch die letzten Krümel seines Power-Riegels runter, flüstert ein paar coole Phrasen, steckt sich die Tülle seiner Kanne zwischen die Lippen, und ab geht die Post. Von den 18 Jahren, die seit den ersten Gigs vergangen sind, spürt man nur insofern etwas, als die Band heute viel besser klingt. Doch an Power hat sie nichts verloren. Im Gegenteil. Selbst Klarinettist Doug Wieselman, der an die Stelle von Gitarrist David Tronzo getreten ist, von dem LURIE bis heute sagt, er sei der beste Gitarrist der Welt, doch bestünde das Problem, daß dessen Ego genauso groß sei wie sein eigenes, hat sich inzwischen in die Band eingegliedert. Vor zwei Jahren klangen Wieselmans Gitarren-Soli noch wie eine unbeholfene Mixtur aus den Ambitionen all seiner Vorgänger. Doch wenn er heute in die sechs Saiten seines Brettes fährt, dann spritzen hunderttausend rasierklingenscharfe Metallsplitter ins Publikum. Saxophonist Michael Blake und Trompeter Steven Bernstein agieren wie eine Allzweckwaffe, und Bassist Tony Scherr ist der ausgefallenste Tiefflieger in der zwanzigjährigen LIZARDS-Geschichte. Eine ganz neue Klangfarbe erhält die Band obendrein durch den Brasilianer Mauro Refosco, der, angetrieben von der kraftstrotzenden Power-Maschine Calvin Weston, einen dichten Percussion-Teppich legt. Cellistin Jane Scarpantoni und Pianist Evan Lurie geben dem ganzen Wahnsinn wiederum den nötigen Schmelz. Es kracht in der Band, und alle sind glücklich. Und LURIE, geplagt von Geldnöten, weiß: Es wird weitergehen. 'Ich liebe diese Band. Sie ist meine Familie. Selbst wenn ich wollte, ich könnte gar nicht aufhören.' Nur gut so, denn zum nahen 20jährigen Jubiläum hält der König der Eidechsen es nicht für ausgeschlossen, ein gemeinsames Konzert mit allen ehemaligen, gegenwärtigen und vielleicht auch zukünftigen LOUNGE LIZARDS zu inszenieren. Ob die Idee einer Allstar Band nicht ein bißchen anachronistisch ist? 'Was kümmert mich der Zeitgeist? Vor ein paar Jahren waren wir noch die Verkörperung des Zeitgeistes schlechthin, heute sind wir vielleicht ein bißchen altmodisch, und morgen werden wir die Väter des Zeitgeistes sein.'
Wenn er von all diesen Zeitgeistnöten die Nase voll hat, geht er angeln. Daß er vom Fischen keine Ahnung hat, hindert ihn keineswegs daran, eine fünfteilige Fernsehserie darüber zu drehen. Immerhin hat er ja als Kind mit seinem Vater die Rute ausgeworfen. In 'Fishing With John' begibt er sich mit Tom Waits, Matt Dillon, Jim Jarmush, Dennis Hopper und Willem Dafoe an die entlegensten Plätze der Welt, um zu angeln. Will er auf seine besten Mannesjahre plötzlich dem geschäftstüchtigen Treiben seiner Heimatstadt New York entfliehen? Ist Kettenraucher JOHN LURIE nun auf dem Öko-Trip? Hat der Talentscout endlich die Nase voll von den Menschen? Nichts von alledem. Die Intention, erzählt LURIE, bestand einfach darin, zu sehen, was passiert. Es sei eins dieser Mal-abwarten-Projekte. Du fährst irgendwohin, angelst mit jemandem, redest und nimmst alles mit einer Video-Kamera auf. Erst im nachhinein macht man sich Gedanken darüber, was überhaupt passiert ist. 'Alles geht schief, und der Kommentator gibt obendrein noch völlig falsche Informationen zur Natur.' Ein Fake also, wie auch LURIEs Musik, seine Schauspielerei und alles andere, was er in die Hand nimmt. JOHN LURIE, ein grandioser Taschenspieler, der die Welt mit immer neuen fixen Ideen in Atem hält.