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Lieben lernen

John Grant im Gespräch

Bärtige Songwriter gibt es viele. Einen wie John Grant nur einmal. Der ehemalige Frontmann der Czars thematisiert in seinem Solowerk seine HIV-Erkrankung, seine Homosexualität und seine Ängste – mit einer Samtstimme, einer Tiefe und einem Humor, die ihresgleichen suchen. Annett Bonkowski sprach mit ihm über sein neues Album »Grey Tickles, Black Pressure«.
Geschrieben am
Tiefgründigkeit und Humor liegen im Werk des Songwriters John Grant nahe beieinander. Besonders Humor ist innerhalb seiner Texte für ihn zu einem Instrument geworden, mit dem er die Absurditäten des Lebens bewältigt. Vielleicht kommt es nicht von ungefähr, dass Grant im Zuge der Entstehung seines dritten Albums ausgerechnet von den Worten des Komikers und Monty-Python-Mitbegründers John Cleese beeindruckt wurde: »Mein Freund hat mir seinen Vortrag über die Kreativität empfohlen. Darin spricht Cleese davon, wie man sich bewusst der Kreativität öffnen kann und nicht auf die Muse warten muss, die einen küsst. Diese Erkenntnis war sehr hilfreich für mich.« 

Im Studio fühlte sich Grant sogar dazu beflügelt, seine Arbeitsweise radikal zu ändern, wie er uns stolz verrät: »Ich habe mich absichtlich darauf eingelassen, alles in nur einem Monat aufzunehmen, obwohl ich genau wusste, dass es sehr schwer für mich werden würde.« Das wohl wichtigste und zugleich befremdlichste Werkzeug für die Umsetzung seines Plans blieb dabei die Disziplin: »Ich habe nie gelernt, diszipliniert zu sein. In meiner Jugend fühlte ich mich lange als minderwertiger Mensch. Ich dachte, es gäbe keinen Platz für jemanden wie mich in der Gesellschaft, und litt jahrelang unter Angstzuständen, die mich teilweise immer noch plagen. Insgeheim wusste ich damals schon, dass dieser Zustand darauf zurückzuführen war, dass ich mit meiner eigenen Sexualität und meinem Ich nicht fertig wurde.« 
Die Flucht in Alkohol und Drogen hat der mittlerweile cleane Musiker zum Glück hinter sich gelassen. Biblische Referenzen in Versform umrahmen als Intro und Outro die neuen Songs jenes Mannes, der in einem tief religiösen Umfeld aufwuchs und nun das christliche »Hohelied der Liebe« zitiert: »Anfangs wird in den Versen das Idealbild der Liebe beleuchtet. Danach folgt meine eigene Realität, die von Sucht, Begierde und Hass, aber auch von positiven Dingen geprägt war. Ich wollte in den neuen Songs die Liebe feiern, weil ich lange glaubte, dass ich nie fähig sein würde, zu lieben oder mich lieben zu lassen.« 

Seine Unangepasstheit und die bewundernswerte Offenheit, die er sowohl musikalisch als auch im Gespräch an den Tag legt, zeugen vom starken Willen Grants, sich nicht unterkriegen zu lassen. Monty Python mögen »The Meaning Of Life« vergeblich suchen, Grant kommt ihm auf »Grey Tickles, Black Pressure« ein Stück näher.

John Grant »Grey Tickles, Black Pressure« (Bella Union / Coop / PIAS / Rough Trade / VÖ 09.10.15)

John Grant

Grey Tickles, Black Pressure

Release: 02.10.2015

℗ 2015 Bella Union