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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

The Will To Death

John Frusciante

Musik kann Leben retten. Musik kann Wunden heilen, Trost spenden und Katharsis bieten. Musik kann das Wichtigste auf der ganzen Welt sein. John Frusciante wurde sich dessen nach eigener Aussage das erste Mal im Alter von elf Jahren bewusst, als er nicht wusste, wohin mit all seiner Energie,
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Musik kann Leben retten. Musik kann Wunden heilen, Trost spenden und Katharsis bieten. Musik kann das Wichtigste auf der ganzen Welt sein. John Frusciante wurde sich dessen nach eigener Aussage das erste Mal im Alter von elf Jahren bewusst, als er nicht wusste, wohin mit all seiner Energie, bis er die Gitarre für sich entdeckte. Musik, so ist er überzeugt, rettete damals sein Leben, und sie tut dies wohl seitdem ununterbrochen, jeden Tag aufs Neue, sei es in seiner Rolle als Gitarrist der Red Hot Chili Peppers oder als Solist. Wie sonst ist die fast schon manische Hingabe zu erklären, mit der Frusciante sich seiner Kunst widmet, ja, sich in ihr aufzulösen und zu destillieren scheint, sich mit jedem Album, jedem Song neu erschaffend? Musik als Magie-Ersatz, die Gitarre als Totem, die Stimme ein deep Link in ein schamanistisch reinigendes Vision-Quest. Pathos-Alarm? Vielleicht. Klar ist jedenfalls, dass Leben, Spiritualität und Musik bei einem Künstler wie Frusciante nicht voneinander zu trennen sind. Jede Note, die er je komponiert und veröffentlicht hat, jede Textzeile scheint unverzichtbarer Teil eines Protokolls, das den niemals vollendeten Werdegang einer einzigartigen Persönlichkeit in allen Facetten nachzeichnet: die Zeit der Drogenqualen mit dem faszinierenden 97er-Album ›Smile From The Streets You Hold‹, die verspielt wavige Phase kurz nach der Jahrtausendwende und jetzt die zärtlich-düstere Beschäftigung mit der Sterblichkeit, dem Tod, dem Ende. Versponnen, lyrisch, dabei jedoch nie ins Krautige abdriftend, sondern vielmehr erstaunlich eingängig besticht ›The Will To Death‹ durch eine ungehobelte Produktion, die dem spontanen Charakter der überwiegend ruhigen Songs hervorragend steht. Frusciante verhandelt seine Injurien mit gewohnt naiv-kindlicher Inbrunst und kommuniziert dieses Mal mittels einer Art Mischung aus Lo-Fi-R.E.M., Unplugged-Hüsker-Dü und DIY-Elton-John plus ganz viel Early-90s-Indie-Melancholie und dieser für ihn typischen anrührenden Gesangslinien. Das Piano kommt häufig zum Einsatz, die Melodien und Strukturen tendieren zum Ohrwurmigen, mitunter gar Epischen, und der Gesang geht mir fast schon zu nahe in seiner entblößten, zerbrechlichen Vehemenz. Ein großartiges und ungemein emotionales Album, und man darf gespannt sein, was dem folgen wird. Denn ›The Will To Death‹ ist nur das erste einer Reihe von Alben, die John Frusciante in diesem Jahr im Monatstakt aufgenommen hat und auch in derselben Frequenz zu veröffentlichen plant. Eines dürfte dabei klar sein: Wie so ziemlich jede seiner Platten wird auch die nächste eine Riesenüberraschung sein.