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Kosmischer Kurier

John Frusciante

Am Anfang von seinem Showcase ist das Publikum noch etwas ratlos. Belächelt den Mann ein wenig, der ohrenscheinlich keine wirklich gute Gesangsstimme hat. Aber nach etwa vier oder fünf Songs starren fast alle gebannt auf den hageren Typen, der mit seiner Akustikgitarre auf einem Barhocker sitzt und
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Am Anfang von seinem Showcase ist das Publikum noch etwas ratlos. Belächelt den Mann ein wenig, der ohrenscheinlich keine wirklich gute Gesangsstimme hat. Aber nach etwa vier oder fünf Songs starren fast alle gebannt auf den hageren Typen, der mit seiner Akustikgitarre auf einem Barhocker sitzt und sich - auch wenn es platt klingt - die Seele aus dem Leib spielt. Ähnlich platt klingen auf den ersten Blick auch Frusciantes immer wieder eingestreuten Beteuerungen, wie wichtig ihm all das sei: hier zu spielen, seine Musik, seine Texte. Posen, die mittlerweile bei den meisten Künstlern zum Popstarfloskelnrepertoire gehören. Frusciante aber glaubt man jedes einzelne Wort.

Ich denke die ganze Zeit daran, dass er Gitarrist einer der erfolgreichsten Bands der 90er Jahre ist: der Red Hot Chili Peppers. Und ich versuche vergeblich, das mit dem Eindruck des schüchternen, manchmal etwas unbeholfenen, sympathisch jungenhaften Typs auf der Bühne zu vereinbaren. Er hat nicht die Spur von irgendwelchen “I’m playing guitar in a superstar rock group”-Allüren. Er ist höflich, wirkt introvertiert und im ausgewaschenen weißen T-Shirt und schlichter Stoffhose eher unscheinbar. Lustigerweise, denke ich während des Konzerts, sieht sein tätowierter Kumpel, der am Bühnenrand die Gitarren bespannt, mit Latinobärtchen und Feinrippunterhemd viel eher nach Chili Peppers aus als Frusciante selbst.

Seine ehemalige Heroinsucht, die Mitte der 90er mit einem Klinikaufenthalt endete, sieht man Frusciante an. Die Arme sind sehnig, seine Hände zittern ein wenig, und nach jedem Stück trinkt er hektisch eine undefinierbare braune Flüssigkeit aus einer Evian-Flasche. Nach etwa einer halben Stunde sind alle drei Flaschen leer. Auch beim Interview am nächsten Tag trinkt er ständig. Tee mit Honig, Tasse auf Tasse. Er spricht mit einer etwas nasalen Stimme, ist zurückhaltend, aber sehr freundlich. Er erzählt mir, dass die Musik ihm das Leben gerettet habe, als er elf Jahre alt war. Er wusste nicht, wohin mit der Energie, die man in diesem Alter hat. Hatte kein Interesse daran, andere zu verprügeln, und auch keine Lust auf Sport. “An dem Tag, an dem ich zum ersten Mal Gitarre gespielt habe, spürte ich sehr viel Frust in mir. Ich setzte mich mit der Gitarre hin und schrieb 30 Songs nacheinander. Kleine Punkrock-Songs, die ich auf Kassette aufgenommen habe. Danach war ich glücklich. Ich hatte meinen Frust in Freude umgewandelt, nur durch mich selbst. Das war ein tolles Gefühl.”

Die Songs, die Frusciante unter seinem eigenen Namen veröffentlicht, haben mit den Chili Peppers nicht mehr wirklich viel zu tun. Die ersten beiden Alben, bei winzigen Indies wie dem Fürther Label Musical Tragedies erschienen, sind inkonsumerable Psyched-Out-Singer/Songerwriter-Visionen mit atonaler Vokalkunst zwischen Diamanda Galas und Tim Buckley. Frusciante schreit, stöhnt und heult sich durch Songs, die keine sind, sondern eher fragmentarische Zeugnisse von heftigen Stimmungsschwankungen, Depressionen und Drogenproblemen. “Die frühen Platten sind eher zwischendurch entstanden. Ich habe die ganze Zeit gemalt und so gut wie nie Musik gemacht. Und wenn ich mal zur Gitarre gegriffen habe, habe ich das sofort auf Band aufgenommen. So ist das meiste von diesem Material entstanden.”

Sein neues Album “To Record Only Water For Ten Days” ist da vergleichsweise zugänglich. Er hat in den letzten Jahren eine “intensive Recherche zu frühen Wave-Sachen” betrieben, und das hört man seinem neuen Album an. Der Drumcomputer tuckert Dr.Avalanche-mäßig vor sich hin, das Gitarrenspiel wirkt primitiv und klampfig, die (eigene) Produktion klingt nach Homerecording. Das alles hat aber durchaus seinen Reiz, denn Frusciante schreibt tolle Songs. Seine Songideen, offenbart er, werden ihm teilweise von Geistern eingegeben. “Ein Freund von mir ist manchmal vom Geist einer Bekannten besessen. Dieser Geist hat durch ihn zu mir gesprochen. Und ich habe versprochen, ihm einen Song zu widmen. So ist ‘Someones’ entstanden.” Ich bin ein wenig ratlos, aber Frusciante spricht über diese Geister, die er sieht, als sei es das Normalste der Welt. “Man kann sie überall sehen, wenn man will. In Bildern, in Löffeln, wenn man nur daran glaubt. Ich habe immer daran geglaubt, dass es Geister gibt. Und weil sie mir deshalb mittlerweile vertrauen, offenbaren sie sich mir. Sie haben mir z. B. 1996 gesagt, dass es Wichtiges für mich im neuen Jahrtausend zu tun gibt.”
Ich frage mich und ihn, wo diese Geister denn herkommen. Und er weiß es ganz genau, und ich beginne mir einzubilden, langsam ein wenig mehr von diesem Mann und seiner Musik zu verstehen. “Ich glaube, es gibt einen Ort - ich nenne ihn die 4. Dimension -, an dem Bilder und Musik existieren, bevor sie für uns existieren. Eine ungeformte, abstrakte Urmasse, wenn du so willst. Wenn ich einen Song schreibe, forme ich diese Urmasse und schaffe so Platz für die Geister der 4. Dimension. Die Geister beginnen in diesem Song zu leben und bewirken, dass man beim Hören dieses Songs alles um sich herum vergessen kann. Jeder Song macht die Welt reicher an Geistern, macht das Universum ein bisschen größer.”

Ich denke noch sehr lange über diese Geisterdeutung nach. Ob Geister oder nicht: die Idee, dass jeder Song das Universum ein bisschen größer macht, erscheint doch sehr plausibel.