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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Knopfaugen glänzen

Joanna Newsom live

Greifbare Magie im Kölner Gloria, gewoben aus Harfe und einem gebannt zuhörenden Publikum. Die Newsom geht mit weiten Schritten in Richtung Philharmonie.
Geschrieben am
17.04.07, Köln, Gloria.

So, im Vorprogramm also Ned Collette, der eher als Hemmschuh wahrgenommen wird. Erstens kennt ihn niemand, zweitens verlängert seine Show nur die Wartezeit bis der eigentliche Höhepunkt beginnen kann. Und doch setzt sich das Urteil fest: Der Vorhampel kann was. Wenn man sich Syd Barrett mit Loopstation und nüchtern vorstellt, dann könnte man ungefähr Ned Collette bekommen und das hat doch was. Nur seine überlangen Soli, anscheinend inspiriert von den leeren Staubebenen seiner australischen Heimat sind eher fade.

Dann Pause, ein wenig Rembetika, ein wenig afrikanische Musik, der Vorhang geht auf – und die Bühne ist leer. Sie soll es auch für einen guten Augenblick bleiben, während Gitarrenakkorde vom Band kommen. Und, die Magie setzt ein: es funktioniert, denn statt zu nerven steigert die Wartezeit die Spannung unermesslich bis endlich Joanna Newsom And The Ys Street Band auf die Bühne kommen und schon vor dem ersten Ton frenetisch beklatscht werden. Dann erstmal die Opener beider Alben, 'Bridges And Balloons' und 'Emily' direkt hintereinander, zum warm werden. Und so geht es weiter, Schlag auf Schlag, ein Hit jagt den nächsten und erst in dieser Darbietung wird klar, wie viele unglaublich gute Songs die Newsom hat.

Die Arrangements mit der Ys Street Band tun den Songs unterschiedlich gut, zum Teil wirkt es ein wenig plump, wenn bei einem Song wie 'The Book Of Right On' zu sehr der Rhythmus betont wird. Zum Teil wieder begeistern die skelettierten Versionen von Van Dyke Parks' Arrangements zu 'Ys' gerade durch die eingedampfte Darbietung. Und der neue Song von der EP, 'Colleen', lief außer Konkurrenz. Da schimmerte durch, dass sie sich gegenseitig ernst nehmen, die können zusammen Songs schreiben und als Band wirken.

Schade ist nur, dass es in Joanna Newsoms Erscheinungsbild so gar keinen Bruch gibt. Haare wie die Loreley, dazu ein weißes Spitzenkleidchen, eine Püppchenfigur und große Ohren. Kein Wunder, dass im Assoziationsraum Arwen und Galadriel marodieren. Trotz- oder vielmehr gerade deswegen ist es ein Abend voller Magie, der Applaus steigert sich bis zum frenetischen Jubel, ist am Ende mehr als doppelt so laut im Vergleich zur Band. Die gehauchten "Thank Yous" von Joanna hört man sowieso schon lange nicht mehr. Ihre Knopfaugen glänzen, unsere auch. Und am Ende liegen sich die Paare in den Armen, schweigend und glücklich, wie aus einem Dornröschenschlaf erwacht. Das nächste Mal sehen wir uns in der Philharmonie.


Christian Steinbrink
war auch da: "Schon ein großartiges Konzert. Obwohl der Fokus klar auf Newsom und ihrer Harfe und nicht auf der Band und den Van Dyke Parks-Arrangements lag. Aber die Frau hat ihren unverwechselbaren Stil gefunden, sie ist mit einem riesigen Talent gesegnet, und sie agiert auf der Bühne so souverän und doch freundlich. Ich habe eine Schwäche für sowas. Während des Gigs schossen mir ein paar Mal die Worte "Moderner Klassiker" in den Kopf."

Forumsuser mistawill hingegen findet: "Total öde. Hab mich sehr gelangweilt. Brav runtergespielt, ohne Ausbrüche, Überraschungen oder sonstwas."

So auch Matthias Manthe: "Alternatives Gesindel, Irokesiges, Normalos und der erwartbar hohe Altersdurchschnitt in der Schlange vorm Gloria. Die Performanz der Joanna d’New Weird America selbst hab ich dann leider nicht verstanden. 15min-Harfenavantgarde-Epen zu folgen fiel mir allerdings zugegeben schon auf Platte eher schwer. Wird dem ein oder anderen vielleicht ähnlich gegangen sein, aber die- oder eher derjenige hatte dafür möglicherweise einen besseren Blick auf die Saitenelfe. Außergewöhnliches Tonwerkzeug, gehauchte Thank yous und eine zerbrechlich wirkende Künstlerin in kleidsamen Gewand ist eben manchmal schon alles, was Mann jenseits von Mitte dreißig zum Feierabend braucht."