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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Deutsche Grammophon Recomposed By Jimi Tenor & Warp Works And Twentieth Century Masters

Jimi Tenor & London Sinfonietta

Dass die alte elektronische Garde des Warp-Labels sich verstärkt mit Neuer Musik beschäftigt, ist nur konsequent und hat nichts mit der vermeintlichen Krise der elektronischen Musik zu tun. Diese Krise existiert nämlich gar nicht. Diejenigen, die sie herbeigeredet haben, weil seit geraumer Zeit wied
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Dass die alte elektronische Garde des Warp-Labels sich verstärkt mit Neuer Musik beschäftigt, ist nur konsequent und hat nichts mit der vermeintlichen Krise der elektronischen Musik zu tun. Diese Krise existiert nämlich gar nicht. Diejenigen, die sie herbeigeredet haben, weil seit geraumer Zeit wieder Gitarrenbands die Cover der Musikmagazine bestimmen, ignorieren geflissentlich, dass sich ausgerechnet die „tote“ Elektronik permanent weiterentwickelt. Und dies in Richtungen, die vielleicht nicht populistisch sind, aber musikalisch Gewinn bringend. So hat Jimi Tenor für die „Recomposed“-Reihe der Deutschen Grammophon zum Beispiel kein beliebiges Potpourri geschaffen, das nur der Verjüngungs-Strategie des Labels in die Hände spielt, hat sich also von banalem Crossover fern gehalten und ein komplexes Album aufgenommen, mit dem er weit über seine letzten „offiziellen“ Veröffentlichungen hinausgewachsen ist. Hierfür wählte Tenor fast ausschließlich Komponisten des 20. Jahrhunderts aus dem Programm der Deutschen Grammophon aus – darunter Pierre Boulez, Erik Satie und Edgard Varèse –, deren Kompositionen er mit Elementen der Unterhaltungsmusik durchmischt hat, ohne Atonalität glatt zu bügeln. Die avantgardistischen Ansätze werden nicht banalisiert, sondern dank Jazz und Unterhaltungsmusik mit Spannung aufgeladen, innerhalb derer die Reibungsflächen darauf hinweisen, dass „E“ wie „ernst“ und „U“ wie „Unterhaltung“ immer schon Konstrukte der Musikwissenschaft waren, um deren Selbsterhalt zu sichern. Mit musikalischer Praxis haben sie nur wenig zu tun. Tenor enthierarchisiert die Genres dank eines akustischen Wirbelsturms, der an die besten Arbeiten von John Zorn erinnert und diesem sogar noch eine ordentliche Portion Humor hinzufügt.

Wesentlich strenger, nämlich originalgetreuer sind dagegen die Einspielungen des klassischen Ensembles London Sinfonietta unter Leitung von Gillian Moore, die uns auf zwei CDs Schlüsselwerke von John Cage, Karlheinz Stockhausen, Steve Reich, Edgard Varèse und dem kürzlich verstorbenen György Ligeti präsentieren. Neben diesen Eckpfeilern der Neuen Musik finden sich hier aber auch Einspielungen von Aphex Twin und Squarepusher für klassisches Ensemble, die sich nicht etwa wie Fremdkörper ausnehmen, sondern ähnliche musikalische Konzepte verfolgen. Squarepusher entwickelte Computerprogramme, die ihm erlaubten, für Menschen unspielbare Rhythmen zu erzeugen. Ähnliches gilt für den auf dieser Doppel-CD vertretenen Conlon Nancarrow, der auf das mit Lochkarten betriebene Player-Piano zurückgreifen musste, weil kein Pianist seine rasanten Stücke umsetzen konnte. Aphex-Twin-Stücke für präpariertes Klavier wiederum korrespondieren vom Verfahren her mit den hier vertretenen Sonaten von John Cage, von der Textur her mit Steve Reich. Den Aufnahmen gelingt es somit auf hervorragende Weise, Verbindungen herzustellen, die nichts mit „Pop goes Classics“ zu tun haben, sondern die darauf hinweisen, dass sich die Neue Musik von dem, was gemeinhin unter „klassischer Musik“ verstanden wird, ebenso emanzipiert hat wie die Elektronik-Avantgarde von Pop. Hier geht es (endlich) wieder um Musik, nicht um Style oder Distinktion.