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Konzertbericht zur Show im Studio 672

Jessica Lea Mayfield spielt Songs fürs Ulrich in Köln

Bei ihrer Show in Köln zeigt Jessica Lea Mayfield, dass sie es perfekt beherrscht, das Grelle aus der Tristesse zu kitzeln. Ein paar persönliche Worte fürs Publikum hat sie auch. (Foto: Ebru Yildiz)

Geschrieben am

14.4.2018, Köln, Studio 672

Stimmt ja: Sie hatte gefragt. »You have asked«, radebrecht ein Mittfünfziger mit Lederjacke, nachdem sich Jessica Lea Mayfield nach seinem Vornamen erkundigt hatte. »This song is for Ulrich!« sagt die Sängerin und stimmt ein weiteres ihrer bittersüßen Emo-Grunge-Stücke an, die halb kaputt am besten klingen.

Mayfield, in den USA ein Kritikerliebling und hierzulande praktisch unbekannt, trifft auf ihrem einzigen Deutschlandkonzert auf circa 30 Kölner, die sich an diesem vorgezogenen Sommerabend im unterirdischen Studio eingefunden haben, um sich das aktuelle Album »Sorry Is Gone« live präsentieren zu lassen. Angeblich handelt es von einer jüngst überstandenen Katastrophenbeziehung zu einem elenden Exfreund, und wenn man von Show und Bühnendeko ausgeht, werden die Psycho-Narben auf merkwürdige Art nach außen gestellt. »What is ›I wanna fuck you‹ in German?« erkundigt sich Mayfield, und die junge Frau aus der ersten Reihe, die ihr die Antwort verrät, bekommt zur Belohnung einen Kuss auf die Wange. Der Rest des Publikums ist etwas peinlich berührt, denn die vielen Witze, die die Sängerin mit ihrer famosen Schlagzeugerin reißt, sind so verschroben und privat, dass sie keine Interaktion möglich machen. Dafür sind sie offenbar ansteckend wie ein Heliumlachen im Mädchenzimmer, das in Form der Garderobe übrigens mit auf Tour gegangen ist. Mayfield trägt eine rosa Pelzmütze, grünes Haar und mehrere Lagen Nachthemd übereinander, während ihre Schlagzeugerin eine Phantasieuniform trägt, die an die einer Pfadfinderin erinnert. Die Outfits werden durch großäugige Plüschtiere und ein am Gitarrenhals baumelndes Stoffherz ergänzt.

Das alles scheint darauf angelegt, einen möglichst irritierenden Kontrast zu einer Musik herzustellen, die davon handelt, wie es dem Manic Pixie Dream Girl geht, wenn die Männer nach Hause gegangen sind, um ihre Hunde zu füttern. Die kurze Antwort: nicht so prall. Die etwas längere: widerborstig genug, um Songs wie »Meadow«, »WTF« oder »Pure Stuff« zu schreiben, die Mayfield mit einer schwer auseinanderzuhaltenden Mischung aus Bitterkeit, Freibeuterei und Selbstironie anmoderiert. Die Stücke handeln laut Ansagen von »schlechten Beziehungen, die man aus der Perspektive eigener schlechter Beziehungen betrachtet«, »Gras, das nicht gut genug ist, um einen von seinem miesen Leben abzulenken« und, im Fall des solo vorgetragenen »I Wanna Love You« vom seelischen Einbruch, der sich tatsächlich befreiend anfühlt. Veteranen des Grrrl-Power-Indierock der Neunziger kennen diesen Tonfall: Es geht um die Zurschaustellung von Zugehörigkeitsgefühlen, die in ihrer Musik gewordenen Variante eine tragisch-trotzige Note bekommen, die wiederum per Bubblegum zurück zum Adressaten geschickt werden. Spaß aus dem Unspaß, Grellheit aus der Tristesse. Eine unbequeme Selbstdiagnose, die Pink zur Kampffarbe umdeutet und eine Frage zurück in den Zuschauerraum wirft: Wem oder was genau applaudiert man hier? Ulrich verlässt das Konzert vorzeitig, der Rest des Publikums bleibt. Ausgestattet mit einer neuen Art von Unsicherheit. Das hätte in der Form auch für zehn mal so viele Ohrenpaare funktioniert.

Jessica Lea Mayfield

Sorry Is Gone

Release: 29.09.2017

℗ 2017 ATO Records, under exclusive license to [PIAS]

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