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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

It's autumn in Gothenburg

Jens Lekman

Jens Lekman personifiziert nicht nur sehr anschaulich die Widersprüchlichkeit des modernen Menschen zwischen Selbstzweifeln und Narzissmus
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Jens Lekman personifiziert nicht nur sehr anschaulich die Widersprüchlichkeit des modernen Menschen zwischen Selbstzweifeln und Narzissmus, Nähe und Distanz, er schreibt auch noch schöne Lieder darüber. Seit Jonathan Richman in den 70ern den Begriff "Suburb" in die Poplyrik einführte und Morrissey in den 80ern Joan Of Arc mit einem Hörgerät ausstattete, haben weder die Welt noch Mario Lasar eine überzeugendere Inkarnation des romantischen Anti-Helden erlebt.

Ich bin mit Jens Lekman am Göteborger Hauptbahnhof im Café Ritazza verabredet. Eine gute Wahl, wie sich herausstellt, denn der Raum hat die Ausmaße einer Halle und ist um diese Zeit, am frühen Abend, kaum frequentiert. Jens' leicht geisterhafte Erscheinung bewegt sich langsam auf mich zu: Er trägt einen grauen Secondhand-Nadelstreifenanzug, eine schwarze Strickjacke und darunter ein weinrotes Hemd; auf die Schuhe habe ich nicht geachtet. Er bestellt sich einen Kaffee, um wach zu werden - das Interview findet während einer kurzen Unterbrechung einer längeren Tournee statt, die ihn unter anderem auch nach Moskau führt.

Soeben ist "Night Falls Over Kortedala", Lekmans zweites reguläres Album, erschienen, das in Schweden auf Platz eins in die Charts eingestiegen ist. Um für etwaige Autogrammwünsche gewappnet zu sein, trägt er deswegen jetzt stets einen schwarzen Filzstift bei sich. Das ist so abwegig nicht, denn Jens Lekman hat das Zeug zum Star. Was seine Musik angeht, ist ihm sehr daran gelegen, dass sie möglichst einfach und natürlich klingt. Dabei versteht es sich, dass die Songs mit formalen Twists angereichert werden, die eine unverwechselbare Besonderheit erzeugen, welche sich in Form geschickt eingesetzter Samples von alten Soul-, Easy-Listening- oder Bossa-Nova-Platten konkretisiert (dazu später mehr).

Lekmans Musik kommt allerdings erst in Kombination mit den bei ihm ganz zentralen Texten zur vollen Entfaltung. Sie leben von dem Widerspruch (schon wieder), dass sich ein Nerd dazu durchgerungen hat, sein Privatuniversum mit der Außenwelt zu konfrontieren. Auf diese Weise entstehen absurde Texte, die einerseits wie kaum verklausulierte Tagebucheintragungen anmuten. Andererseits formuliert sich in der Zuspitzung von Wirklichkeit schon wieder eine fiktiv scheinende Gegenwelt. Den Höhepunkt in dieser Hinsicht bildet "A Postcard To Nina" (ein formal an den Text zu Leonard Cohens "Famous Blue Raincoat" angelehntes Stück), in dem der Protagonist von der Titelfigur dazu gedrängt wird, die Rolle ihres Lebensgefährten zu spielen, damit ihre Eltern nicht merken, dass sie in Wahrheit lesbisch ist. "Es geschehen einfach seltsame Dinge in meinem Leben", sagt Lekman. "Manchmal fühle ich mich fast schuldig, meinen Namen als Urheber anzugeben, denn es kommt mir so vor, als schrieben die Songs sich von selbst. Nach dem Essen mit Ninas Familie war mir sofort klar, dass ich einen neuen Song erlebt habe."

Symptomatisch für seine Kunst, bleibt die Trennlinie zwischen Wirklichkeit und Fiktion dabei durchlässig, denn "ich bin oft nicht sicher, ob etwas tatsächlich passiert ist oder nicht", sagt Jens und führt als Beispiel den Song "Silvia" von seinem ersten Album an. Darin wird beschrieben, wie der junge Jens Lekman die schwedische Königin trifft. "Ich glaubte wirklich, dass es sich so zugetragen hätte, aber dann rief mich meine Mutter an und meinte, wie ich denn so lügen könne, natürlich hätte ich sie nie getroffen." Wer sich in dieser Art Zustand befindet, hat alles Recht, "A Little Lost" von Arthur Russell zu covern. Zumal der ihm sehr viel bedeutet: "Wenn ich Musik höre, sehe ich oft nur Tonleitern und mathematische Codes vor mir, aber bei Arthur Russell verschwindet all das." Veröffentlicht wurde das Stück auf der EP "Four Songs By Arthur Russell", an der außer Lekmann auch Verity Susman von Electrelane und Joel Gibb von Hidden Cameras beteiligt sind."Night Falls Over Kortedala", der Albumtitel, bezieht sich auf den Göteborger Vorort, in dem Lekman mehrere Jahre gelebt und gelitten hat. Mittlerweile steht unser Held kurz vor dem Umzug nach Melbourne. "Eigentlich hasse ich Australien", sagt er. "Ich habe kein Interesse am Surfen, aber ich habe dort mehr Freunde als hier. Ich habe mich ohnehin nie als Teil einer schwedischen oder Göteborger Szene gefühlt. Außerdem gefällt mir der Gedanke, ein wenig Zeit in der südlichen Hemisphäre zu verbringen, wo es Palmen und exotische Tiere gibt." In "Your Arms Around Me" (ein Song, der exemplarisch die Häufigkeit grundlegender emotionaler Gesten - Küsse, Tränen oder eben Umarmungen - in Lekmans Texten repräsentiert) hat Lekman ja bereits das australische Maskottchen Känguru in sein Werk eingeführt: "Das war als Hommage gedacht. Dieser Song war mein großer Hit in Australien. Ziemlich verrückt, weil das vor zwei Jahren war, also lange, bevor das Stück veröffentlich wurde. Ich spielte es in einer Radiosendung, und plötzlich avancierte es zum meistgewünschten Song des Senders."

Obwohl sein neues Album den seltenen Fall einer Platte darstellt, die ihm auch nach der Fertigstellung noch gefällt, erklärt Jens Lekman die darauf zu hörende Herangehensweise ans Musikmachen für beendet. Seine überaus erfrischende Art, mit Samples umzugehen, sie auf kohärente Weise in den Fluss der Melodie zu integrieren, statt sie als Schnittstelle auszustellen, empfindet er mittlerweile als "zu formalisiert. Man begnügt sich zu sehr damit, Drums aus den Achtzigern mit Streichern aus den Fünfzigern oder Sechzigern zu kombinieren. Das passt gut zusammen, ist aber mittlerweile völlig etabliert." Stücke wie "Maple Leaves" oder "Sipping On The Sweet Nectar" werde es in Zukunft nicht mehr geben. Was an deren Stelle treten könne, ist noch unklar. Als Jens vor ein paar Jahren daran dachte, die Musik aufzugeben, weil er sich krank und uninspiriert fühlte, riss ihn ein Auftritt der japanischen Band Maher Shalal Hash Baz aus der Lethargie. "Sie spielten ein Stück, das wie purer Pop klang, dann merkte ich, dass es sich um ›Black Cab‹, meinen eigenen Song, handelte!" Jens erzählt begeistert von der neuen japanischen Musikszene, die von der Idee getragen werde, sich dem idealen Popsong aus Amateur-Perspektive zu nähern: "Niemand kann wirklich spielen, aber das Schöne ist, dass diese Bands die wundervollsten Melodien schreiben. Als ich das zum ersten Mal hörte, wollte ich, dass meine Musik auch so klingt. Bei einer Probe schrie ich meine Band an, sie solle schlechter spielen, aber ich sah ein, dass man Musikern nicht beibringen kann, nicht spielen zu können."

Wir verlosen drei Mal die aktuelle Jens-Lekman-CD 'Night Falls Over Kortedala' an diejenigen, die uns eine E-Mail mit ihrer vollen Adresse an verlosung@intro.de schicken. Viel Glück!