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In Hypnose

Jens Friebe

Als Jens Friebe erstmals gegen Ende der 90er Jahre mit seiner Kunst und seinen Songs auftauchte, galten er und seine zwei Freunde bei uns normalen Romantic-Punks als die unschwulste Band Kölns. Immerhin stammten sie ursprünglich aus Lüdenscheid im Sauerland, waren berüchtigt für einen pathosgeladene
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Als Jens Friebe erstmals gegen Ende der 90er Jahre mit seiner Kunst und seinen Songs auftauchte, galten er und seine zwei Freunde bei uns normalen Romantic-Punks als die unschwulste Band Kölns. Immerhin stammten sie ursprünglich aus Lüdenscheid im Sauerland, waren berüchtigt für einen pathosgeladenen Proktologie-Text über das Rennen im Enddarm eines Riesen, das nach Blei schmecke, und nannten sich Parka. Musikalisch und vor allem rhythmisch verbanden sie Smiths mit Funk Metal und trugen dazu Backenbärte, Bäuche und Pfeifen. Schön so die Herren-Insel des Doktor Moreau. Jens Friebes früher Fame fußte eher auf seiner entfernten Verwandtschaft mit Holm Friebe, dem brillanten Jungle-World-Erfinder, dem Golem der Liebe, der so schnell im Kopf sei wie ein gefährlicher Schachcomputer. Dennoch, dass sich aus der Kunst und der Person Jens' spätestens nach seinem Umzug nach Berlin eine so nachhaltige Meisterschaft an humanistisch erstrahltem Dandy-Glam ergeben würde, mit etwas Übersicht hätte man es nun doch ahnen können. So viel zum Früher. Zum Glück muss man ja nach dem letztjährig so berauschenden Debüt "Vorher Nachher Bilder" nicht mehr von seiner Größe künden. Sie liegt ganz einfach in CD-Form vor.

Kaum ein Jahr später folgt nun bereits das nächste Album. Man spürt Dringlichkeit - nicht routiniertes Komponieren im VÖ-Hamsterrad, dessen Rattern für viele Künstler die Stechuhr in ihrer stetig banaler werdenden Ich-AG ersetzt. Statt mit Schminke titelt die neue Platte mit Hypnose, deutet damit weitere Entäußerung an, die der von Jens heiß geliebten Künstlichkeit noch weitere Arme verleihen soll. Was wir Punk-Scheidungsspinner aus einfachen Verhältnissen, "Broken Home" von Papa Roach grölend, früher noch für einen schweren Mühlstein um seinen storchy Hals hielten - nämlich sein bürgerliches Erbe -, gereicht ihm dabei weiter zu unerhörtem Vorteil. Denn so kann er auf "In Hypnose" noch überzeugender zwei für sich allein bereits existenzielle Künstler-Posen verbinden. Einerseits das hedonistische Dandytum, das ihn zum Flaneur, zum klarsichtigen wie allürenhaften Betrachter werden lässt. Andererseits ist da aber auch der unbedingte und im Pop zurzeit höchst seltene Wille, einer Menschwerdung nachzuspüren. Wo sich sonst schnell zufrieden gegeben wird, wenn die rausgetöste Befindlichkeit möglichst vage oder zumindest wortklanglich halbwegs unpeinlich rüberkommt, verhandelt dieses Album richtige Themen. Und eben nicht blöde Lebensangst, den Irak-Krieg oder das Rumdoktorn an Hartz 4. Hier wird nicht die Tagesschau reüssiert, sondern das Pendel geschwungen, und los geht's.

Von vielen immer als besonders anstößig empfunden ist dabei die Selbstdisziplinierung, die der Vegetarismus-Text "Theke Mit Den Toten" anruft. Und dabei Zeilen aufbringt wie "wie kannst du dir verzeihen?" Da ächzt der forderungslose Musikfreund, hat er nicht genug Erbsünde und -schuld an den Hacken und nicht ohnehin schon alles Menschenmögliche getan? Wie weit muss sich denn bitte noch von der Barbarei entfernt werden, bis man es sich endlich gemütlich machen darf? Solche Einwände werden aber von der mitreißenden Schönheit der Songs durchlöchert - das ist ihre Macht. Schönheit als Werkzeug, Andersdenkende auszuschalten. Ein Ideal der Aufklärung, ein eleganter Mann, dem das gelingt. Neben all dieser konkreten Prozesshaftigkeit der Menschwerdungsutopie reizt natürlich auch der V-Effekt in der Inszenierung ebenjener. Es ist schön, wenn der Protagonist in immer andere Kleider schlüpft, in fremden Zungen spricht, die Selbsthypnose ausschleckt wie die Kuh den Trog. Dabei besitzen alle Jens-Rollen der Platte etwas Messianisches: Er ist der "Lawinenhund" (also diese fellige biblische Figur, die dem Durstenden in der Wüste Wasser bringt) oder gleich "John F. Kennedy", der segnend eine Wagenkarawanen-Prozession abhält - mit allen negativen Folgen für sich selbst, Erschießung zum Beispiel. Nein, Friebe schont sich nicht, das XTC und Red Bull, das er teilt, nennt er "sein' Leib und sein Blut" ("Ein Abend Voller Glück"). Denn schließlich geht es bei einem Kunstwerk dieser Wahrhaftigkeit letztlich doch um die Menschwerdung des Betrachters, während der Künstler wagemutig vorauseilt, leidet, stirbt, verführt. Ein Entwicklungsroman für alle Beteiligten. Geleitet von Jens Friebe, dessen himmelschreiende Unschwulness früher Tage längst einer verdrogten, baronesken Jarvis-Cocker-Sex-Konfusion gewichen ist. Sogar der (zum eigenen Bedauern straighte) Klaus Walter hielt ihn seinerzeit beim Radio-Interview für einen potenziellen Partner. Und auch mit der Proktologenvergangenheit kann dieses Album versöhnen, enthält es doch mit "Jede Menge Ziele" einen ehrenrettenden Song alter Parka-Zeit, der in dieser Form absolut bestechend ist.

Und musikalisch? Musikalisch ist natürlich auch viel geboten: multiperspektivische bis babylonische Produzierarbeit etc. - das lesen Sie aber bitte in dem Friebe-Artikel in diesem Heft, den mein Vater Sven Opitz verfasst hat.