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Wörterbuch

Jenny Erpenbeck

Eichborn Berlin, 116 S., EUR 14,90 "Wozu sind denn meine Augen da, wenn sie sehen, aber nichts sehen? Wozu meine Ohren, wenn sie hören, aber nichts hören? Wozu all das Fremde in meinem Kopf?" Mit diesen Sätzen eröffnet "das alte Kind" Jenny Erpenbeck ihren zweiten Roman. Erst ganz am Ende dieses sc
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Eichborn Berlin, 116 S., EUR 14,90

"Wozu sind denn meine Augen da, wenn sie sehen, aber nichts sehen? Wozu meine Ohren, wenn sie hören, aber nichts hören? Wozu all das Fremde in meinem Kopf?" Mit diesen Sätzen eröffnet "das alte Kind" Jenny Erpenbeck ihren zweiten Roman. Erst ganz am Ende dieses schmalen, sprachlich kargen Bändchens, in dem die junge Protagonistin die Welt anhand eines universalistischen Kinder-Vokabulars - "Vater und Mutter. Ball. Auto" - zu greifen versucht, enthüllt sich das Warum dieser Fragen. Eine Antwort gibt es nicht, denn das erst jetzt vollständig entwirrbare Grauen entzieht sich jeglicher menschlicher Ermessensgrundlage. Ein Mädchen lebt mit ihren liebevollen Eltern in einem weit von Europa entfernten Land, das starke Ähnlichkeiten zu einer südamerikanischen Diktatur aufweist, und erfährt wie die LeserInnen nach und nach Dinge, die mit Sprache eigentlich nicht zu fassen sind: Ihr zärtlicher Vater ist Folterknecht für das Regime, ihre Mutter konnte sie nicht stillen, weil das Mädchen seinen leiblichen Eltern als Baby entrissen und diese als Regime-Gegner umgebracht wurden. Immer deutlicher taucht das Grauen zwischen den alltäglichen Wörtern auf, "Bohren, Stechen und Schlagen", wird entsetzlich plastisch und explizit und bietet doch keine Heilung für die zerfetzte Identität der Heldin, die nach der Entdeckung als Opfer und Täterin weiterlebt.