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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Von Rockstars und Trollen

Jennifer Rostock im Interview

Jennifer Weist und ihre Mistreiter feiern in diesem Jahr Zehnjähriges. Zum Geburtstag haben sie sich selbst ein »Worst Of« mit den besten Ideen und Textschnipseln geschenkt, die in ein neues musikalisches Outfit gesteckt wurden. Aida Baghernejad hat Jennifer, Joe, Christoph und Hund Whisky zu einem Gespräch über Trolle, Haltung und Rockstartum getroffen.
Geschrieben am
Zehn Jahre Jennifer Rostock – ihr wart wahnsinnig jung, als die Band groß wurde.
Jennifer: Wir waren einfach scheiße. Wir haben immer Freunde ins Backstage mitgenommen, die haben dort dann Sachen kaputt gemacht und hingepisst. Währenddessen haben wir uns mit Wurstplatten und Nudeln beworfen.
Joe: Wir haben vor 20 Leuten gespielt und dachten: »Boah, wir sind Rockstars, jetzt müssen wir uns auch so benehmen.«
Jennifer: Und dann haben wir vor 200 Leuten gespielt und dachten: »Boah, wir sind richtige Rockstars!« Wir waren jung und haben es genossen, dass auf einmal Leute für uns aufgebaut haben. Wir haben dann alles wieder eingerissen.
Joe: Es war von Anfang an so, dass wir als fünf Freunde unterwegs waren und es nicht als Job gesehen haben. Wir wollten Spaß haben, und das hat meistens geklappt.

Wann ist euch klar geworden, dass das jetzt euer Job ist?

Jennifer: Irgendwann mit der Anzahl der Leute, die zu uns gekommen sind. Wenn du merkst, die Leute geben dreißig Euro pro Ticket aus, können wir nicht mehr die ganze Zeit besoffen sein auf der Bühne und uns benehmen wie 'ne offene Hose. Das läuft nicht. Vielleicht sollten wir öfter mal proben. Vielleicht trifft man auch mal Aussagen, die nicht immer mit Schamlippen zu tun haben. Vielleicht sagt man etwas, was die Leute zum Nachdenken bringt. Natürlich habe ich auch viel Quatsch auf der Bühne erzählt. Irgendwann hat sich das gewandelt, und ich dachte mir, vielleicht sage ich mal etwas, womit die Leute wirklich etwas anfangen können. Wo die nicht nur lachen, sondern auch etwas mitnehmen von unseren Konzerten.

Von außen wirkt es so, als wärt ihr in den letzten Jahren immer politischer geworden und würdet auch politischer wahrgenommen.
Joe: Es dauert ja auch eine Weile zu realisieren, dass da Leute zu Hause sitzen und die Musik hören, die man macht. Das ist ein seltsames Gefühl, das man schnell auch wieder vergisst. Dann schreibt dir jemand auf Facebook, dass ihm ein Song geholfen hat. Und du denkst dir: »Boah, krass, das hören ja Leute! Wir erreichen damit Leute, die verbinden Sachen damit.« Mit der Zeit wurden wir daraufhin immer klarer und deutlicher in unseren Ansagen und Interviews.
Christoph: Wir waren schon immer politische Persönlichkeiten. Das hat sich immer mehr in die Band reingesneakt. 
Joe: Wir äußern uns zu Dingen, die die Gesellschaft betreffen, und klar haben wir dazu eine Meinung, die wir auch sagen wollen. Vieles, was wir thematisieren, ist für uns selbstverständlich.
Christoph: Die breite Masse in Deutschland sagt lieber nichts, weil sie so radiokonformer sein will ...
Jennifer: ... oder keine Angriffsfläche bieten möchte. Wir bieten natürlich viel Angriffsfläche, wie wir in den letzten Jahren festgestellt haben.
Joe: Aber was haben wir denn gesagt? Wir haben gesagt, dass wir gegen Sexismus sind, gegen Homophobie, gegen Rassismus und dass wir die AfD scheiße finden.
Jennifer: Ja, wir haben krass auf die Kacke gehauen!
Christoph: Ist das schon verfassungsfeindlich?
Habt ihr je mit so einem Gegenwind gerechnet?
Jennifer: Nein. Also, ich hätte, bei allem, was passiert ist, nie gedacht, dass es so krass wird. Ob es der AfD-Song war, das Hengstin-Video – uns war nie vorher klar, was da auf uns zukommen wird. Das ist einfach nicht berechenbar. Man weiß vorher nicht, was passiert. Und ich kann nur sagen, dass mich oder dass uns das nicht davon abhalten wird, weiterhin Sachen auszusprechen.

Du hast ja sogar Drohungen an deine Privatadresse bekommen, Jennifer. Wie hält man so einen Hass aus?
Jennifer: Auch auf mein Handy. Ich bin daraufhin umgezogen. Ich hatte natürlich Angst, Angst nach Hause zu kommen. Dort hab ich immer in alle Räume geguckt, auch unter mein Bett. Ich war dann bei der Polizei, das hat aber gar nichts gebracht.

Was sagen so Trolle am Telefon?
Jennifer: Dass sie mich umbringen wollen.
Christoph: Das sind alles ganz harmlose Demokraten.
Jennifer: Keine Sorge. Die machen das alles nicht wahr, was sie sagen. Ist nur ein kleines Späßchen, ne? Aber heutzutage gehört es ja zum guten Ton, Morddrohungen zu bekommen. Als ich mal mit Bass Sultan Hengzt diskutiert habe, meinte er zu mir: »Oh, komm ey, wer hat noch keine Morddrohung bekommen?« Muss man sich also zurücklehnen und sagen: »Ist doch easy«, oder was?

Jennifer Rostock

Worst of Jennifer Rostock

Release: 29.09.2017

℗ 2017 Jennifer Rostock under exclusive license to Four Music Productions GmbH