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Can There Be A Decent Theory?

Jean Baudrillard

"Die Taktik des terroristischen Modells besteht darin, einen Realitätsexzess zu provozieren und das System unter diesem Exzess zusammenbrechen zu lassen." (Jean Baudrillard) "Mit dem Baudrillardismus musste man jetzt aufhören." (Diedrich Diederichsen) Nachdem im vergangenen Jahr die Explosio
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"Die Taktik des terroristischen Modells besteht darin, einen Realitätsexzess zu provozieren und das System unter diesem Exzess zusammenbrechen zu lassen." (Jean Baudrillard)

"Mit dem Baudrillardismus musste man jetzt aufhören." (Diedrich Diederichsen)

Nachdem im vergangenen Jahr die Explosion von zwei Flugzeugmaschinen in New York zu einem Exzess der Gewalt und der Zerstörung führte, folgte unmittelbar darauf ein Exzess immaterieller Art: ein lautes Dröhnen der Diskursmaschinen. Zunächst die Bilder, dann die karge Sprache der Nachrichtenmeldungen, schließlich die intellektuellen Anstrengungen des Feuilletons und der Literatur. Jeder wollte plötzlich sprechen und analysieren, so dass das Stillschweigen für manch einen zur strategischen Option wurde. Thomas Meinecke etwa erklärte später in der Zeitschrift Literaturen, er habe sich damals bewusst dagegen entschieden, die weltpolitischen Ereignisse mit einem "Sound" auszustatten. Und provozierte damit das Unverständnis seines Gesprächspartners Durs Grünbein. Dieser hatte seine Tagebuchaufzeichnungen nach dem 11. September gleich an die FAZ weitergeleitet und konnte sich scheinbar nicht vorstellen, dass das Diskursive etwas anderes ist als eine Sphäre kommunikativer Vernunft.

Dabei tritt rückblickend mit immer größerer Deutlichkeit zutage, dass der Diskurs ein Ort ist, an dem Ereignisse ihre Zurichtung erfahren. Besonders die Form des erklärenden Essays rekrutiert immer ein bestimmtes Wissen, lässt verschiedene Akteure in einem spezifischen Verhältnis zueinander auftreten und stülpt die Kausalität als narratives Schema über die Geschehnisse. Zum Beispiel erzählt eine linke Kritik die Geschichte vorzugsweise ausgehend von der ausbeuterischen globalen Ökonomie und garniert sie mit Noam Chomskys fundierter Kritik an den USA. Dagegen greifen die Konservativen besonders gerne auf Samuel Huntingtons Modell eines Kampfs antagonistischer Kulturen zurück. Hier betritt dann der Barbar die Bühne, der die Zivilisation, von der er ausgeschlossen ist, zerstören will.

Jean Baudrillard hakt in seinen nun in einem Band zusammengefassten Texten über die Attentate des letzten Jahres an genau dieser Stelle ein, an der es um die Einfassung des 11. Septembers in Wort und Bild geht. Hatte das Verschwinden der Ereignishaftigkeit in den Organen medialer Repräsentation den Philosophen noch anlässlich des Golfkriegs zu der Behauptung geführt, dieser fände nicht statt, interessiert ihn nun gerade das Ereignis in seiner nicht ableitbaren Singularität. Das Ereignis gehört für Baudrillard der Ordnung der Diskontinuität und des Bruchs an und produziert eine so große Unsicherheit, dass es durch die Sinngebung des Diskurses gelöscht werden muss. Dabei pflegt das Ereignis eine besondere Beziehung zum Bild: Während für gewöhnlich die Gewalt des Bildes darin besteht, dass es das Reale in eine absolute Sichtbarkeit überführen soll, liegen die Dinge im Fall des WTC anders. Hier fand eine gegenseitige Verstärkung von Bild und Ereignis statt, es kam zu einem "Mehr an Realem, verbunden mit einem Mehr an Fiktion". Die Realität hat gewissermaßen die Energie der Fiktion in sich aufgenommen.

Baudrillard gibt jedoch neben dem Bedürfnis nach sinnhafter Auskleidung des Ereignisses noch einen anderen, ungeheuerlicheren Grund für die diskursive Explosion als (Ab-) Reaktion auf den 11. September an. Nach dem Niedergang der bipolaren Ordnung des Kalten Krieges habe nämlich die Etablierung des globalen Systems in seiner Ausschließlichkeit und Perfektion, wie sie die Twin Towers repräsentierten, zugleich den Wunsch erzeugt, diese glitzernde Macht zu zerstören. Wie nicht zuletzt unzählige Katastrophenfilme andeuten, haben wir alle immer schon von diesem Ereignis geträumt. Angeblich unterhalten wir zu dem Ereignis eine Komplizenschaft, die nie eingestanden werden kann und ohne die das Ereignis nicht jenen Widerhall gefunden hätte.

Das Ereignis des Terrors ist der globalen Macht damit einerseits innerlich, andererseits kann das System es in seiner Singularität nicht integrieren. Baudrillard zufolge fordert der Selbstmord des Terroristen das System durch eine "Gabe" heraus, die es unmöglich erwidern kann: "Der Terrorismus ist der Akt, der inmitten des allgemeinen Tauschsystems wieder eine Singularität entstehen lässt, das heißt etwas, dessen Tausch unmöglich ist." Der symbolischen Gabe gerecht zu werden, hieße, für das System ebenfalls Selbstmord zu begehen. Statt dessen antwortet es mit Krieg und Polizeiaktionen. Aber der Krieg bringt heute ebenso wie die Kultur, die Wirtschaft und die Politik kein wirkliches Ereignis hervor. Baudrillard zufolge stellt er lediglich die Fortsetzung der Abwesenheit von Politik mit anderen Mitteln dar.

1 "Can there be a decent left?" lautet der Titel eines Essays des Politikwissenschaftlers Michael Walzer, der darin "den völligen Misserfolg einer Antwort der Linken auf die Ereignisse des letzten Herbst" konstatiert. Zuvor hatte Walzer, den man eigentlich mal zum Kreis linksliberaler Theoretiker zählte, gemeinsam mit 57 US-Intellektuellen ein Manifest für den Krieg gegen Afghanistan mit dem Titel "What we are fighting for" unterzeichnet.

2 Diederichsen spielt hier auf die berüchtigten Thesen Baudrillards an, dass gewisse "Ereignisse" wie u. a. das Jahr 2000 nicht "wirklich" stattfänden. In der taz vom 6.10.2001 legt Diederichsen Zeugnis ab von dem Schock, dass in einem Angriff auf Codes des globalen Kapitalismus lebende Menschen zu Tode gekommen sind.

3 Die Narration der Konservativen trägt somit, obwohl sie mit dem weichen Begriff der Kultur operiert, eindeutig rassistische Züge.

"Der Geist des Terrorismus" von Jean Baudrillard ist im Passagen Verlag erschienen und kostet Euro 14,90.