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Auf der Suche nach dem Mythos

Jazzanova

Jazzanova - ein Name, ein Label, eine Definition. Sollte man meinen. Zumindest bis zum heutigen Zeitpunkt kam an diesem Trademark niemand vorbei, der sich irgendwie mit NuJazz/Breakbeat beschäftigt. Die sechs Berliner schrieben so nebenbei die Geschichte der jazzbeeinflussten Beats neu, definierten
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Jazzanova - ein Name, ein Label, eine Definition. Sollte man meinen. Zumindest bis zum heutigen Zeitpunkt kam an diesem Trademark niemand vorbei, der sich irgendwie mit NuJazz/Breakbeat beschäftigt. Die sechs Berliner schrieben so nebenbei die Geschichte der jazzbeeinflussten Beats neu, definierten ihre ganz eigene Form des sophisticated Dancefloorstuff im Remixformat ("The Remixes 1997-2000") und traten einen Stein los, der ganze Felsen mit in Bewegung versetzte. Die Hauptstadt galt schon bald als das Mekka der Broken Beats. Darüber hinaus öffnete man sich für andere Stile auf dem hauseigenen Label Sonar Kollektiv ("Wir würden auch einen Heavy-Metal-Act signen, wenn wir jemanden hätten, der sich damit auskennt") - ihrem zweiten Label, nachdem sie in Kooperation mit Michael Reinboth (Compost) mit JCR erste Labelerfahrungen gesammelt hatten. Dann kam das große Warten auf das Album. Mindestens drei Jahre sollte es dauern. In der Zeit nahm der Mythos um das Debüt fast schon Kruder&Dorfmeister'sche Züge an.

Leben in der Zwischenzeit
Alexander Barck: "Dass es so lange gedauert hat, ist ein Zusammenspiel von mehreren Faktoren. Wir haben eingesehen, dass es viel mehr Zeit in Anspruch nimmt, Songs zu Ende zu produzieren - gerade wenn man so arrangementfixiert ist wie wir. Außerdem haben wir uns damals entschlossen, erst mal die Remixe komprimiert herauszubringen, um den vorzeitigen Overkill durch die Flut der Compilations zu stoppen. Der Musikmarkt verbietet es aber, zwei Platten innerhalb kürzester Zeit zu veröffentlichen. So hatten wir die Zeit, die wir im Endeffekt auch gebraucht haben. Man hat ja innerhalb so langer Zeiträume immer wieder das Gefühl, einzelne Songs immer weiter verbessern zu können, ja müssen."

Zeit zum Entwickeln haben sich Jazzanova schon immer gelassen. Positiv ausgedrückt. Mit Deadlines hatten sie jedenfalls immer ihre Schwierigkeiten, auch was die Remixe betraf. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, waren die Remixe ein wichtiger Bestandteil zur Festigung des aufkommenden Standings des Projekts. Vielleicht werden Liebhaber jener Mixe etwas enttäuscht sein, denn auf "In Between" ist man schon wieder einen Schritt weiter, obwohl dies keine bewusste Abkehr von alten Formaten, wie bspw. dem Brazil-Element bedeutet.
Axel Reinemer: "Wenn man Remixe macht, bekommt man die Hauptingredienzen der Stücke zugeschickt. Jetzt war es an der Zeit, keine Tracks sondern Songs zu machen, d. h. alles komplett durchzukomponieren. Da hatten wir alle Lust drauf."
Alexander Barck: "Je mehr man sich mit einer Musikrichtung beschäftigt, desto mehr ist man in der Lage, Klischees zu vermeiden. Trillerpfeifen und Trommeln sind nicht notwendig, um einen Samba oder Batucada zu interpretieren." Womit wir bei "Brasilectro" und dem Ausverkauf dieser Sparte angelangt sind. Es war klar, dass sich Jazzanova von Tracks wie "Fedime`s Flight" oder "Metti Una Sera A Cena" verabschieden mussten, um nicht auf ewig auf diese Sounds festgenagelt zu werden. Mit ihren Forschungen am Bossa-Bazillus sind sie natürlich trotzdem noch lange nicht am Ende. Es geht jetzt und heute um solch tiefgreifende Vokabeln wie Wahrhaftigkeit und Spirit: "Ein sehr elektronisches Stück wie 'Soon' hat für mich mehr Brazil als 90% aller Brasilectro-Veröffentlichungen", so Barck. Denn wer es noch immer nicht verstanden hat, der lese es jetzt klar und deutlich: Der große Mythos Jazzanova gründet sich neben dem sicheren Gespür und der Fingerfertigkeit im Studio auf die Garantie, niemals nur plakativ zu sein. Jazzanova bringen mit ihrer Musik die Tiefe hinter den nackten Soundskeletten hervor - und das so gut wie wenig andere.

Zwischen den Mythen
Zum Entstehungsmythos Jürgen von Knobloch: "Wir haben uns alle in einem kleinen Club kennengelernt. Das war immer so eine Parzelle für potentielle Artists (schmunzelt), Künstler, Musiker und DJs. Diese Parzelle ist dann irgendwann weggebrochen. Dann standen wir alle auf der Straße und haben uns immer davor getroffen (lacht). Sinnvollerweise haben wir dann angefangen zu produzieren. Wir wollten das ausbeuten (allgemeine Heiterkeit)."
A.B.: "Dabei entstand dann auch die Idee für ein eigenes Label."

So einfach kann es sein. Zumindest im Interview. Alles andere ist auch schwer denkbar. Mythen brauchen Zeit - und leben von einer Aura des Geheimnisvollen. Und die wollen die drei Produzenten und drei DJs zu Recht nicht zerstören - schon gar nicht, wenn man so müde und ausgelaugt drauf ist wie die Jungs jetzt gerade in den Sofas des Kölner Hallmackenreuter. Immerhin hat man sie alle sechs mal auf einem Haufen. Beim Produzieren sind ja jeweils nur ein Produzent und ein DJ im Studio - und ab und an die zahlreichen Gäste. Jazzanova haben sich nicht lumpen lassen und u. a. Vikter Duplaix, Rob Gallagher (aka Galliano) und Hajime Yoshizawa (vom befreundeten Kyoto Jazz Massive) nach Berlin eingeflogen. Nur bei Ursula Rucker wurden ganz anonym Bänder verschickt - weil sie "Angst vorm Fliegen hat".

Was gibt es sonst noch zu sagen? Den Alltag bestimmen DJ-Jet-Set-Wahnsinn, das Sonar-Kollektiv-Label und Nebenprojekte wie Extended Spirit. Von letzterem, dem Projekt von Axel Reinemer und Stefan Leisering, steht demnächst eine Veröffentlichung an.