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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Interview mit Übersetzer Michael Kerkmann

Jarvis Cocker und »Mother, Brother, Lover«

Das Buch mit den Songtexten des Pulp-Sängers Jarvis Cocker liest sich wie ein Dekaden übergreifendes Pop-Sittengemälde - Fluchtpunkt Sheffield. Es ist wunderbar ausgestattet, dank Vor- und Nachwort sowie deutschen Text-Fassungen. Übersetzer Michael Kerkmann spricht mit Wolfgang Frömberg über Cockers sozialen Realismus und die Sache mit der Abgrenzung.
Geschrieben am

Michael, was hast du für ein Verhältnis zu Songtexten?

Wie die meisten habe ich als Kind Songtexte mitgesungen, ohne zu wissen, allenfalls zu erahnen, worum es da geht. Das ist der Urzugang zu Poptexten und zu Popmusik überhaupt. Wichtiger als der Inhalt des Textes war immer die Musik, der Gesang, vielleicht noch Gestik und Pose des Sängers. Jarvis schildert in seinem Vorwort ja sehr anschaulich, wie das bei ihm so abgelaufen war. Mittlerweile kann es großen Spaß machen, in das Geheimnis noch des kryptischsten Songtexts von Scott Walker einzutauchen, aber ich komme immer mehr dazu, die einfachsten Songtexte als die besseren anzusehen, wenn hier etwas Banales und Komplexes zusammentrifft, wenn es nicht allein um subjektiven Geschmack, sondern eine umfassendere objektive Wirkung und Wahrheit geht. Jarvis schafft das einige Male, etwa bei »Common People« und »Disco 2000«, wobei ich aber auch seine frühen erzählerischen Texte mag.

Welche Rolle spielt die Musik noch, wenn die Texte »nackt« da stehen? Sprich, hast du für »Mother, Brother, Lover« auch mal unter der Dusche singend übersetzt, oder wie bist du vorgegangen?

»Unter der Dusche« hab ich nicht übersetzt, aber ich hab manchmal natürlich meinen deutschen Text gesungen und ausprobiert. Aber das war eher die Ausnahme. Der deutsche Text soll ja nicht gesungen werden, sondern das Verständnis des englischen Texts und damit des Songs ermöglichen oder erleichtern. Die Übersetzungen sind eben keine eigenständigen Nachdichtungen, sondern eine Art Support oder Werbung fürs Original. Die Musik spielt dabei immer die größte Rolle. Die Texte verselbständigen sich nur für den Moment der »nackten« Lektüre, idealerweise hört man sich aber danach sofort den Song oder sieht sich das Video an, ansonsten „versteht« man auch den Text nicht wirklich. Klang, Kontext, musikalische Einbettung, Gestik etc. sind mindestens so wichtig wie der sogenannte Inhalt, weil darin der direktere Zugang zu einem Song besteht. Im Zweifel erhöht sich aber der Genuss eines Stücks, wenn man weiß, worum es geht.

 

Der britische Autor Owen Hatherley hat mit »These Glory Days« ein ganzes Buch über Pulp-Songtexte geschrieben. Sein Interesse erklärt er so: »Die Texte von Pulp faszinieren mich, weil Pulp von Dingen besessen waren, die man üblicherweise nur als Klischees kennt: Sex und Beziehungen, Klassenzugehörigkeit und Städte. Bei Pulp ist all dies merkwürdig und komplex, überraschend und häufig auch brutal – und manchmal auch alles zusammen.« Du verweist ja auch auf sein Buch, siehst du es ähnlich wie er?

Hatherley hat als Engländer noch einen etwas anderen Zugang, weil es seine eigene Erlebniswelt betrifft. Für mich war vor allem die Herangehensweise interessant (was sich erst im Laufe der Übersetzung ergab): Jarvis Cocker gelingt es, einem harten sozialen Realismus, der nichts ausspart oder verklärt, eine Art Schönheit zu verpassen, wozu natürlich auch die Musik beiträgt. Ich denke, das liegt vor allem an seiner genauen Beobachtung, an den präzise geschilderten Details. Manchmal erinnert mich das an Fassbinder-Filme, natürlich auch wegen der 70er-Retro-Ästhetik, aber auch wegen der Zerbrechlichkeit der beschriebenen Personen, die zwar Opfer der Umstände sind, aber eine seltsame poetische, fast schon transzendentale Schönheit aufweisen. Bei aller Kritik an den Zuständen ist im Mikrokosmos von JC letztlich alles gut so wie es ist. Es ist immer nur eine Frage der Haltung. Man kann sich eben ruhig von Lippenstift und Zigaretten ernähren. Nichts scheint er mehr zu hassen als den Konformitätsdruck, davon handelt ja der Text von »His’n’Hers«.

 

Im Nachwort schilderst du ein Treffen mit Jarvis Cocker, den du als Spex-Journalist kurz nach den 9/11-Anschlägen getroffen hast – und beschreibst auch, dass sich damals das Ende einer Dekade deutlich abzeichnete, der 90er, die »ziemlich genau vom Mauerfall bis 9/11« reichten. Hättest du dich, ein Retro-Jahrzehnt später, noch mal mit ihm treffen mögen, um über eine Zeit zu reden, in der Pop noch eine andere Art von »Diskussionsstoff« bot, oder ist die Arbeit an den Übersetzungen selbst der endgültige Abschied von dieser Zeit, in die du selbst als Popschreiber involviert warst?

Natürlich wäre es interessant, sich nochmal mit ihm zu treffen und die letzten zwölf Jahre seit unserem damaligen Gespräch Revue passieren zu lassen. Wir sprachen ja damals schon über die Formatierung von Popmusik, darüber, dass Eltern ihre Kleinen fit für Casting Shows machen usw., also die Absurdität, dass Pop als abgesicherte Karriereplanung funktionieren soll. Wir waren uns einig, dass Pop einen Großteil seiner Energie aus der Abgrenzung zieht, der Abgrenzung von Eltern, Strukturen, nervigen bis elenden Verhältnissen. Wenn man älter wird – Jarvis wurde ja gerade 50 – und vielleicht sogar selber Kinder hat – Jarvis hat einen Sohn –, verändert sich zwangsläufig das Verhältnis zu dieser adoleszenten Abgrenzung. Entweder blickt man nostalgisch auf die Zeit zurück oder man schließt damit ab, wendet sich anderen Dingen zu. Die Übersetzung seiner Texte war für mich nochmal ein interessantes Abtauchen in eine vergangene Zeit, ein Abgleichen, wie Jarvis Cocker und wie man selber die Zeit erlebt hat.

 

Welcher ist dein Lieblingstext von Jarvis Cocker – und welchen mochtest du gar nicht? Und warum?

Ich mag vor allem die erzählerischen Texte über Sheffield (»My Legendary Girlfriend«, »Sheffield: Sex City«, »The Wicker«) wegen ihrer dichten Atmosphäre oder auch »David’s Last Summer«. Toll sind natürlich »Common People« und »Help the Aged« wegen ihres großartigen Humors. Dagegen gefallen mir nicht alle der späteren Solo-Texte, weil die nicht mehr so spezifisch sind. Gegen Ende wird alles etwas allgemeiner. Aber das ist wahrscheinlich nur natürlich. Irgendwann waren die wichtigen, ureigenen Themen eben abgearbeitet.
 

Jarvis Cocker
»Mother, Brother, Lover«
Berlin Verlag, 340 Seiten, 19.99 Euro