×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die Nacht singt ihre Lieder

Jarvis Cocker live in Berlin

Obwohl Jarvis Cocker keinen einzigen Pulp-Song spielt, vermag der Britpop-Intellektuelle bei seinem nächtlichen Ausflug in die Klassik durch smartes Storytelling zu gefallen. 
Geschrieben am
12.07.2016, Berlin, Haus der Berliner Festspiele  

Als Pulp im November 2010 ihre Reunion bekanntgaben, verband sich damit auch die Hoffnung auf eine neue LP der Britpop-Helden aus Sheffield. Schließlich stammt das letzte Studio-Album der Band aus dem Jahr 2001. Jedoch markiert »We Love Life« weiterhin den vorläufigen Schlusspunkt der Pulp-Discographie. Zwar spielte die Formation um den charismatischen Frontmann Jarvis Cocker 2011 und 2012 weltweit zahlreiche Konzerte, veröffentlichte aber mit »After You« nur einen neuen Song. Folgerichtig ließ Cocker Ende 2012 in einem Interview mit dem englischen Q verlauten, dass es keine Pläne gäbe, eine neue Platte zu veröffentlichen. Stattdessen wandte sich Cocker bereits im April desselben Jahres einem anderen Projekt zu. Als Host der nächtlichen Radioserie »Wireless Nights« auf BBC Radio 4 widmet er sich seitdem der »human condition after dark, with stories of night people«.  

Auf dieser preisgekrönten Radioserie basiert auch die Aufführung »Sleepless Nights«, die im Rahmen des internationalen zeitgenössischen Performance-Kunst-Festivals »Foreign Affairs« stattfindet. Während Jarvis Cocker in seiner Rolle als Pulp-Sänger sonst den exzentrischen Entertainer gibt, ordnet sich der 52-jährige Brite im ausverkauften Haus der Berliner Festspiele komplett dem Thema der Darbietung unter und führt als charmanter Conferencier durch den Abend. Gemeinsam mit dem von Andreas Schulz geleiteten Jungen Sinfonieorchester Berlin folgt er einer ganz konkreten Zielsetzung: »The orchestra and myself will be using music to shed light on the human condition after the sun goes down: the ups, the downs, the highs, the lows, the reds, the whites and the blues.«  

Und tatsächlich gelingt es Jarvis Cocker anhand von ausgewählten klassischen Musikbeispielen und sonor vorgetragenen Geschichten, Licht in das Dunkel der menschlichen Existenz zu bringen. Elegant verwoben mit aufschlussreichen Tondokumenten und passenden Videosequenzen, erweist sich die Deutschlandpremiere von »Sleepless Nights« als ungemein stringente Darbietung, die den Wunsch nach alten Pulp-Songs gar nicht erst aufkommen lässt. Zu unterhaltsam geraten die »musical stories«, zu einnehmend ist das Spiel der Solisten sowie des Jungen Sinfonieorchesters Berlin, das Auszüge aus Stücken von Johann Sebastian Bach, Igor Stravinsky, Sergei Rachmaninoff, Robert Schumann und Modest Mussorgsky interpretiert. Aber auch Cocker verlässt zwischendurch die Position des reinen Erzählers und ergreift zur Freude der zahlreich anwesenden Cocker-Jünger das Mikrofon, um selbst zwei Stücke zu performen. Jedoch steht nicht Mr. Cocker im Zentrum der Aufführung, sondern der ehemalige US-Präsident Richard Nixon. Der ist für Jarvis Cocker nicht nur aufgrund der Watergate-Affäre und seiner unrühmlichen Rolle im Vietnam-Krieg von großer Bedeutung, sondern auch wegen seiner Vorliebe für Rachmaninoff, den Nixon bei Schlaflosigkeit besonders laut zu hören pflegte.  

Dass Jarvis Cocker trotz der Beleuchtung der dunklen Seite der Natur des Menschen nicht seinen britischen Humor verloren hat, zeigt sich gegen Ende, als er sich plötzlich an das Publikum wendet: »I’d like to apologize for the Brexit.« Spätestens jetzt wird selbst den letzten Besuchern bewusst, dass an diesem Tag auch gelacht werden darf. Kein Wunder also, dass man den Konzertsaal nach einer von Cocker höchstpersönlich gesungenen Timbuk3-Zugabe mit einem Lächeln auf den Lippen verlässt.