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Jarvis

Jarvis Cocker

Es gibt ja so ein selbst gemachtes Sprichwort, wenn man sagen möchte, dass etwas total wundervoll ist. Das lautet: »Du schwebst mit dem Kopf durch die Wolken und River Phoenix gibt dir einen Zungenkuss.« Wäre Jarvis Cocker tot, der Kuss müsste von ihm kommen, um dieses Bild perfekt zu machen. Ist er
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Es gibt ja so ein selbst gemachtes Sprichwort, wenn man sagen möchte, dass etwas total wundervoll ist. Das lautet: »Du schwebst mit dem Kopf durch die Wolken und River Phoenix gibt dir einen Zungenkuss.« Wäre Jarvis Cocker tot, der Kuss müsste von ihm kommen, um dieses Bild perfekt zu machen. Ist er aber zum Glück nicht. Auch wenn er einem ja einiges angetan hat, zuvorderst natürlich die Auflösung seiner Band Pulp. Danach kamen so halbgare Lebensäußerungen, wie hieß denn noch mal dieses Soloprojekt, um das auch wir vor vier Jahren oder so kurz voll den Wirbel gemacht haben? Bezeichnend nicht, dass mir der Name entfallen ist, sondern die klare Erinnerung daran, dass es nichts Messianisches in sich trug und daher zurecht vergessen bleiben kann. Neben dem kalten Hauch der bloßen Legendenwerdung gab es allerdings noch ein hilfreiches Lebenszeichen des schönsten Nerds der Popwelt. Jarvis kuratierte eine Nummer der Compilation-Serie »The Trip« und verhalf dem Hörer seiner Doppel-CD zu ungeahnten Entdeckungen. Allen voran, zumindest für mich persönlich, Gene Pitneys »24 Sycamore«. Tja, als Song-DJ, der er ja immer mal wieder war und ist, lief also noch was. Aber eine neue Platte? Die muss sich an der Erweckungs- und Verglühungshysterie des Epos »This Is Hardcore« messen. Hat also per se absolut gar keine Chance. Hatte ja streng genommen schon »Love Life« nicht. Das letzte Album Pulps. In dem sich Jarvis als oscar-wildscher Dandy inszenierte und mit aufgesetztem, leicht verqueren Interesse durch die Haine der Grafschaft schlenderte. Eine relativ lineare Selbsterfindung als Trottel der feinen Gesellschaft stellte das dar. Meintwegen: War künstlerisch (und musikalisch) eigentlich gar nicht mal nicht zu verachten gewesen. Aber jetzt? Nun, man muss warm werden mit dem neuen Album, man darf – natürlich – nicht mit utopischen Forderungen herantreten. Sondern sich auf die älteren Pulp besinnen. Diese diversen Platten, die es gab, vor dem großen Durchbruch mit »Different Class«. Da, wo es noch so ziemlich folky, schluffig und mehr casual denn wahnsinnig dramatisch war. Dann ist man schon gut im Bilde bezüglich »Jarvis«. Auch die Verkünstlichung, das Reden in Zungen hat Jarvis nicht aus dem letzten Stadium Pulps weitergeführt. Viel mehr agiert ein »Ich« statt ausgedachte Alter Egos in der dritten Person. Und auch der bereits aus dem Netz bekannte globalisierungskritische Bekennersong (als Hidden Track) »Cunts Are Still Running The World« zeigt Jarvis unsubtiler als sonst – aber dadurch mitunter greifbarer als zuvor. Und lad-mäßig intonierte Statements, dass sich heimischen die Arbeiter endlich umbringen mögen, man würde jetzt im Ausland produzieren, klingen immerhin markig. Wer Pulp trotz diesem sympathischen Schaukasten des Cocker-State-Of-The-Arts noch vermisst, der kann sich ja für deren (in England bereits erschienene) Peel-Sessions-Doppel-CD aufsparen. Das mit dem Zungenkuss gilt jedenfalls immer noch. Gerüchteweise kommt er ja bald nach Deutschland auf Tour. Da ziehe ich mich schön an.