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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Ihr eigener Push-up-Effekt

Janet Jackson

Sicher, ihre Karriere lief schon mal besser. Doch wo wären die ganzen Beyoncés, Ciaras, Rihannas, Cassies und Pussycat Dolls von heute, wenn Janet Jackson nicht schon 1986, bei “Control”, streng nach Paula Abduls Pfeife getanzt hätte? 20 Jahre ist das her – weswegen Janet Jackson ihr neues Album auc
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Sicher, ihre Karriere lief schon mal besser. Doch wo wären die ganzen Beyoncés, Ciaras, Rihannas, Cassies und Pussycat Dolls von heute, wenn Janet Jackson nicht schon 1986, bei “Control”, streng nach Paula Abduls Pfeife getanzt hätte? 20 Jahre ist das her – weswegen Janet Jackson ihr neues Album auch folgerichtig “20 Years Old” nennt. Beziehungsweise nennen wollte. Die Nachricht, dass der Name – angeblich auf Druck ihrer Fans – in letzter Sekunde in “20 Y.O.” geändert wurde, kommt erst Wochen, nachdem sie Grunewald schon wieder verlassen hat.

Zwei Themen dürfen natürlich auf gar keinen Fall angeschnitten werden, man muss vorher sogar eine entsprechende Einverständniserklärung unterzeichnen. Über ihren Bruder Michael möchte sie nicht reden. Und über den Superbowl, diese Sache mit Justin Timberlake und dem schlampig angenähten Bustier – “Nipplegate” – erst recht nicht. Geschenkt. Doch über was möchte Janet Damita Jo Jackson dann reden? Im Prinzip ist es völlig egal. Über sie wird sowieso alles Mögliche geschrieben.

Es ist Ende Juli, die 40-Jährige hat ein neues Album zu promoten, das neunte ihrer Karriere. Also hält sie Hof im Schlosshotel im Grunewald, einem von Karl Lagerfeld im Stil des spätbarocken Klassizismus aufgepimpten Luxushotel. Bis vor ein paar Tagen hat hier noch die deutsche Fußball-Nationalmannschaft geschnarcht. Und als ob man hier mit einer Suite gleich auch ein paar Klatschspalten mitreservieren könnte, wird Jacksons Stippvisite in Berlin von einer Reihe eher verzichtbarer Boulevardmeldungen flankiert. “News” heißen die gerne.

Sie sei sexsüchtig, liest man. Auf ihrer Pressekonferenz habe sie erzählt, ihr Lover Jermaine Dupri wisse jederzeit genau, wie und womit er’s ihr zu besorgen habe. Woanders interessiert man sich dafür, dass sie als Mitglied des Jackson-Clans sicher bizarre Neurosen haben muss – und findet darin, dass sie nur aus Fidschi eingeflogenes Wasser trinkt, den Beweis. Noch öfter liest man, dass die regelmäßig vom Jojo-Effekt heimgesuchte Sängerin sich mal wieder runtergehungert hat – 40 Kilo in drei Monaten, “von XXL zu oh, là, là”. Über ihre Musik? Schreibt kaum jemand was.Nun ist es allerdings auch recht schwierig, etwas über ihre Musik zu schreiben, über ihre neue zumindest, denn die wird, wie immer heutzutage, geheimdienstmäßig unter Verschluss gehalten. Selbst im Schlosshotel im Grunewald bekommt man nur ein paar Auszüge vorgespielt. Es bleibt einem also fast nichts anderes übrig, als sich noch mal an ihre alte Musik zu erinnern. An “Control” zum Beispiel, das Album, das sie 1986 als musikalische Unabhängigkeitserklärung mit Jimmy Jam & Terry Lewis aufnahm. Viele tolle Singles waren darauf: “What Have You Done For Me Lately”, “Pleasure Principle”, “Nasty”. Stücke, die mit ihrem flotten Achtziger-Synthie-Drive in heutigen Ohren wieder so knackig klingen, dass es beinahe als Frevel erscheint, wenn “Control” mittlerweile zum Nice Price verscherbelt wird. Um genau dieses Album soll es – so hieß es im Vorfeld – auch auf “20 Years Old” gehen. Ein neues Album als Hommage an ein älteres? Interessant.

Miss Jackson wartet schon. Vorher gilt es allerdings, noch ein weiteres Papier zu unterschreiben: “Emi erklärt sich bereit, allerdings ohne rechtliche Verpflichtung, die Künstlerin Janet Jackson für ein Interview der Zeitschrift Intro zur Verfügung zu stellen.” Wow.

Die Tür geht auf, sie ist es tatsächlich. Würde man es nicht schon an ihrem vermutlich mit ein wenig Nervengift weichgezeichneten Gesicht erkennen, ließe sie sich auch an anderer Stelle identifizieren. An ihrem Dekolletee natürlich. Das ist gar nicht böse gemeint, im Gegenteil: Dass Janet Jackson seit vielen Jahren bei jeder Gelegenheit ihren eingeschnürten Ausschnitt betont, stützt die These, dass es den dank ihres tyrannischen Monstervaters komplett gestörten Show-Biz-Kindern der Jackson-Familie nur durch ständiges Befühlen oder Zurschaustellen ihrer Geschlechtsteile möglich ist, sich überhaupt als erwachsene Menschen zu begreifen. Siegmund Freud hätte das genauer erklären können. Zugegeben: Sich an Oberflächlichkeiten wie diesen aufzuhalten ist leicht, aber vielleicht sind es auch gar keine Oberflächlichkeiten. Immerhin kam einem Janet Jacksons Karriere bislang als einziges entschlossenes Sich-Hochstemmen, Sich-Gerademachen, Sich-Zusammenreißen vor – gegenüber den “Naysayers”: ihrem Vater, ihren beiden Ex-Gatten und all den anderen, die drohten, sie runterzuziehen. Wer dieser Frau in den Ausschnitt blickt, erkennt darin ihr ganzes Schicksal: Janet Jackson ist ihr eigener Push-up-Effekt.

So was kann man ihr natürlich nicht ins Gesicht sagen. Also fragt man sie, ob sie Peaches kenne, nicht die Peaches von Peaches & Herb, sondern die kanadische Peaches, die in Sachen sexueller Eigenermächtigung noch ein ganzes Stück weiter gehe als sie, Janet. Nein, kennt sie nicht. Also fragt man, was es mit dem Tattoo auf der Innenseite ihres rechten Handgelenks auf sich habe. Eine Frage, die ihr heute anscheinend noch nicht gestellt wurde. Sie lächelt, mit diesem vorsichtigen Ich-bin-ein-scheues-kleines-Reh-Lächeln, und antwortet dann, das sei ein Symbol des afrikanischen Sankofa-Stammes. Es bedeute so viel wie: “Du musst zu deiner Vergangenheit zurückkehren, um in die Zukunft gehen zu können.” Es ließe sich umdichten in: Du musst deine alten Dämonen besiegen, um weiterleben zu können. Wer der Dämon war, kann man sich leicht ausmalen. Und Janets Sieg bestand darin, die Entscheidung, die irgendwann von ihm für sie getroffen wurde – Sängerin zu werden –, zur eigenen Entscheidung umzumünzen und dann einfach weiterzumachen. Obwohl sie selbst erst Jockey, dann Schauspielerin, dann Wirtschaftsjuristin werden wollte. “Ich wollte nie Sängerin werden”, haucht sie dann tatsächlich auch im Schlosshotel noch mal, man möchte gar nicht wissen, zum wievielten Mal, mit dieser Stimme, für die im Englischen der Ausdruck “soft spoken” erfunden wurde.Heute singt sie trotzdem, sogar beim Interview: Wenn man sie darauf anspricht, dass sie auf ihrem neuen Album außergewöhnlich viele Samples verwendet hat – Kraftwerk, Herbie Hancock, Afrika Bambaataa –, und dann im Speziellen nach dem SOS-Band-Sample fragt, das in ihrer leider etwas seicht geratenen neuen Single “Call On Me” verarbeitet wurde, singt sie die betreffende Stelle einfach spontan vor. Mit dieser unverkennbaren Janet-Jackson-Stimme, die etwas gepresst klingt, die eigentlich gar keine richtige Singstimme ist, schon gar keine Soul-Stimme, mit der sie die Töne aber trotzdem bis aufs Cent genau trifft, allein durch Willenskraft. Untermalt wird ihre Einlage vom Klimpern der Kette in ihrem Ausschnitt. An ihr baumelt ein Anhänger, der auf rätselhafte Weise das verschlungene “C” des Chanel-Logos mit dem “M” von Mc Donald’s verbindet.

Janet, selbst wenn man sehr lange darüber nachdenkt, fällt einem kein anderer weiblicher Popstar ein, der bis jetzt den Mut hatte, in einem Albumtitel das Wort “Old” zu benutzen ...

Hmm. Hätte ich das Album “20 Years Young” nennen sollen?

Vielleicht. Fühlst du dich denn alt?


Nein. Ich habe zuerst auch darüber nachgedacht, das Album einfach “20 Years” zu nennen. Aber da hätte etwas gefehlt.