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Im Mercedes raus aus Babylon

Jan Delay

Warum macht Jan Delay jetzt ein Funkalbum? Blöder kann man nicht fragen. Sowohl das Erstaunen als auch die Ungläubigkeit, die in diesem Satz anklingen, sind vulgär. Die richtige Frage lautet: Warum macht Jan Delay erst jetzt ein Funkalbum? Denn Funk und Eißfeldt funktionieren nach dem gleichen ästhe
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Warum macht Jan Delay jetzt ein Funkalbum? Blöder kann man nicht fragen. Sowohl das Erstaunen als auch die Ungläubigkeit, die in diesem Satz anklingen, sind vulgär. Die richtige Frage lautet: Warum macht Jan Delay erst jetzt ein Funkalbum? Denn Funk und Eißfeldt funktionieren nach dem gleichen ästhetischen Prinzip: Style. Egal, was der Hamburger Multitask-Mann ausheckt – es muss flashen, rollen, Form haben. Diesem Primat hat sich alles unterzuordnen. Auch der Inhalt. Deshalb ist Jan Delay nicht in erster Linie ein politischer Künstler, auch wenn ihm das nach seinem grandiosen Solo-Reggae-Debüt “Searching For The Jan Soul Rebels” zentral zugeschrieben wurde, sondern ein Ästhet und Stylist. Und sein neues Album “Mercedes-Dance” bringt die Chromwand in der Disko zum Tanzen.

Nicht nur Jan Delay, auch das ehemalige Advanced-Chemistry-Mitglied Toni L sucht gerade den Weg zurück in die Siebziger. Beide markieren als Künstler zwei unterschiedliche Pole der Originalität: Beide haben eine unverwechselbare, penetrante Stimme, beide haben ihre musikalische Laufbahn mit HipHop begonnen, beide lieben Maskerade, Stil und Inszenierung. Und beide haben ihre Liebe zum Funk entdeckt. Während Jan Delay mit der Band Disko No. 1 die Sommerfestivals bespielt, nimmt Toni L mit Safari Sounds aus Heidelberg ein Funkalbum auf.

Der Schritt vom Rap zum Funk scheint logisch, fast zwangsläufig. Die jungen Rapper, die über Eric B & Rakim, EPMD oder Public Enemy indirekt den ersten Kontakt zu James Brown, Curtis Mayfield oder Stevie Wonder aufgenommen haben, interessieren sich mit zunehmendem Alter immer mehr für die Wurzeln. Was liegt da näher, als ein Familientreffen zu arrangieren, HipHop mit Funk und Soul zusammenzubringen und eine große Party zu veranstalten? Was wie ein kleiner Schritt aussieht, entpuppt sich in der Praxis als langer, staubiger Marsch. Der Enthusiasmus weicht der Skepsis, dem Aufbruch folgt die Krise.

Turnschuhe in der Waschmaschine

Ist es richtig, dass das Zustandekommen deines Albums auf der Kippe stand?
Das ist richtig, allerdings ging es darum, ob ich das Album zu Ende bringe. Das war im Oktober 2005, als die Platte eigentlich schon fertig war. So wie “Searching For The Jan Soul Rebels” war dieses Album ein ausgesprochenes Patchwork-Projekt. Zunächst habe ich die Beats gemacht, dann mit der Band Disko No. 1 auf Bandmaschine Sessions zu den Beats aufgenommen und noch ein paar Versatzstücke eingespielt, die aus dem Jammen heraus entstanden waren. Diese Ergebnisse habe ich digitalisiert, mit in mein Studio genommen, und dann begann die Frickelarbeit, das Ent- und erneut Verflechten des Rohmaterials. Das war der Moment, an dem sich die Schwierigkeiten auftaten: Wie bekomme ich die Vibes, die Dynamik und das Organische des Funk von früher mit dem Punch und dem Sound von heute zusammen? Mir fiel plötzlich auf, was wir mit den Beginnern zu “Flashnizm”-Zeiten nicht bemerkt hatten, nämlich, dass Liveaufnahmen und programmierter Sound zwei verschiedene Baustellen sind. Zusammen schwimmt das, ist nicht tight und dümpelt und rumpelt rum. House-DJs haben dafür einen schönen Begriff: Turnschuhe in der Waschmaschine.

Nach den Aufnahmen hatte ich noch gesagt: “Alles klar, in zwei Monaten sind die Texte geschrieben, eingesungen, und das Ding ist fertig.” Nach sieben Monaten saß ich immer noch an dem Scheiß. Das waren eine schmerzhafte Erfahrung und eine Epoche autistischen Sinnverlusts. Trotzdem hoffte ich, die verbliebenen Kanten im Mix beseitigen zu können. Dazu muss ich sagen, dass der Endmix für mich wie ein Ganzkörpertattoo ist: Was man dort anstellt, verlässt das Studio und ist nicht mehr zu ändern. Beim Mixen musste ich dann feststellen, dass es doch nicht möglich war, die verbliebene Unwucht auszugleichen.

In meinem Kopf spulte sich ein Film ab: Um das hier zu reparieren, musst du die Band erneut ins Studio holen, du musst die Sachen noch mal einspielen lassen, du musst die selben guten Vibes wie bei der ersten Session haben usw. Da ist mein Kartenhaus zusammengestürzt. Ich kam zu der Erkenntnis, mir zu viel vorgenommen zu haben. Stücke, die ich ursprünglich mal geil fand, konnte ich mir plötzlich in ihrer Gesamtheit nicht mehr anhören. Ich wollte am nächsten Tag ins Studio gehen, das komplette Projekt absagen, alle Beteiligten ausbezahlen und mir die Bänder in den Schrank stellen.

An diesem Punkt kommt doch meistens die Person von außen, die einem den Kopf wäscht.

Das war auch so. Matthias und Kaspar, die an dem Projekt beteiligt waren, haben einen ganzen Tag lang Überzeugungsarbeit geleistet. Nach ungefähr 200 Zigaretten habe ich einiges anders gesehen. Mir ist klar geworden, dass solche Zweifel zwangsläufig aufkommen, wenn man als Perfektionist, der ich nun mal bin, alles an sich reißt und selbst macht. Ich habe sogar meinen Rap und Gesang selbst aufgenommen. Die beiden haben mir das einzig Sinnvolle verordnet: ein absolutes Hörverbot. Einen Monat lang habe ich mir keinen der Songs mehr angehört, um Abstand zu gewinnen. Außerdem haben mir die beiden den Druck genommen, den ich mir hinsichtlich des anvisierten Releasedates und einer möglichen Tour vor der WM gemacht habe. Und auch das war richtig. Funk ist zeitlose Musik. Funk ist nicht morgen weniger interessant als gestern oder heute. Für mich war das ein erheblicher Erkenntnisgewinn und eine Umstellung von der Ich-AG zum Teamwork.

Du machst schon seit 15 Jahren Musik. Ist das nicht eine späte Einsicht?

Rap ist die einfachste Musik der Welt. Die zweiteinfachste Musik ist Reggae. Alles, was danach kommt, ist verdammt schwer.

Der Siebziger-Funk war ja vom Sound her auch unglaublich fett.

Und er wurde live gespielt, und er hatte dieses Rotzige, Unmittelbare. Das nachträglich zu basteln oder zu mixen – da kannst du nur abkacken. Das funktioniert nur zusammen. Wenn du dir von Marvin Gaye nur die Rhythmussektion oder nur den Gesang anhörst, dann ist das zum Teil schief und krumm und untight. Wenn du das aber wieder zusammenfügst, dann wird klar: Genau diese Unschärfe macht den Wumms aus. Mit der klassischen Tetris-Samplelogik kommt man da nicht weiter. Dabei geht die Dynamik, die letztendlich das Faszinierende am Funk ist, verloren. Und das war mein Waterloo.

Aber diese Synthese ist dir schließlich doch gelungen?

Auf jeden Fall. Sonst würde ich hier nicht sitzen. Ich bin davon überzeugt, dass “Mercedes-Dance” das Beste ist, was ich je gemacht habe. Meine gesamte Laufbahn als Musiker hat dorthin geführt und ist das, was ich heute bin. Ich bin natürlich auch HipHop, ich denke Musik aus der HipHop-Perspektive. Ich sehe keine Noten, sondern mein Logic- oder Cubase-Fenster. Aber HipHop alleine ist mir zu wenig. Damit meine ich nicht HipHop als Musik, sondern HipHop als Spielfeld für mich als Musiker.

Alles für Hamburg, nichts für Deutschland

Jan Eißfeldt ist als Kind in einem linken Wohnprojekt groß geworden. Seine Eltern haben sich in den Erschütterungen der späten Sechzigerjahre politisiert und versucht, ihrem Sohn entsprechende Werte mit auf den Weg zu geben. Hierher rührt auf der einen Seite sein starker Instinkt für guten Style und zum anderen sein weltanschaulicher Idealismus. Das Erste ist eine Abwehrreaktion auf das geschmacksresistente Milieu links-ökologischer Utopisten. Das Zweite der Versuch, die politische Vision einer gerechteren Welt durch die Hintertür eines künstlerischen Idealismus’ zu retten. Im philosophischen Sinne ist Jan Eißfeldt Hegelianer: Die Veränderung der Welt fängt für ihn im Kopf an. Dazu kommt ein unerschütterliches Vertrauen auf die Wirkung subversiver Gesten. Das Treffen zwischen Paul Breitner und Ton Steine Scherben 1973 z. B. ist für Eißfeldt eine Geste hoher symbolischer Spannkraft. Seine Sympathie für Jürgen Klinsmann geht auf dessen öffentliches Bekenntnis zurück, die Grünen zu wählen. Entlang solcher Erinnerungsspuren entwickelt sich ein popkultureller Optimismus, der mit Hilfe von Stil und Ironie an die grundsätzliche Möglichkeit der Rettung der Welt glaubt. Deshalb tut Jan Delay alles für Hamburg und nichts für Deutschland. Deshalb macht er sich auf “Mercedes-Dance” über die dummen, dumpfen Kartoffeln lustig, fragt aber im Refrain: Wenn das, was ich grad gesagt habe, wirklich stimmt, warum kann ich dann verdammt noch mal so cool sein, wie ich bin?

Du hast auf der Platte auch einen Song, der sich mit der ewigen Frage “Was ist deutsch?” beschäftigt. In dem Text beschreibst du eine Gratwanderung. Einerseits grenzt du dich ab, andererseits sagst du: “Ich bin ‘ne Kartoffel und bin cool damit.”
Ich stelle mich nicht außen vor und sage: “Ihr seid alle scheiße”, sondern ich versuche Tipps zu geben, wie man in diesem Land cool mit der eigenen Geschichte sein kann. Das geht z. B., indem man in die Großstadt zieht. Und ich nehme die Musik und mich als Hoffnungsträger dafür, dass es anders sein kann. Man muss wissen, wie und wo man sich seine Gewürze besorgen kann.

Damit führst du das Ganze zurück auf einen Konflikt zwischen Metropole und Provinz. Die Großstadt steht also für das Progressive, Weltbürgerliche und die Provinz für das Reaktionäre.

Das ist nicht hochnäsig gemeint, aber wenn man 15 Jahre lang durch dieses Land tourt, dann macht man gewisse Erfahrungen. Leute, die auf dem Land wohnen, sind ja nicht dümmer oder langweiliger. Aber wer Lust hat auf etwas anderes, auf subkulturelle Szenen, auf Vielfalt, der ist einfach besser beraten, wenn er in die Stadt geht.

Nazi-Funk auf dem Dorf ist also schwer denkbar?

Bei Nazi-Funk bin ich mir nicht sicher. Aber Funk ist schwer denkbar. Das Fenster zur Welt ist im Dorf der Fernseher. In der Metropole hast du eine große Auswahl ganz verschiedener Fenster, die du zum Teil selbst mitgestalten kannst.

Was ist also deutsch?

Ein Begriff, den man festgelegt hat, um etwas zu beschreiben, das im Rahmen bestimmter, geografisch abgesteckter Grenzen passiert. Ich hab mal gehört, dass “deutsch” eigentlich “stumm” bedeutet und aus dem Polnischen kommt. Ergeben hat sich diese Bezeichnung wohl zu Hochzeiten der Hanse, als intensiver Handel mit den osteuropäischen Staaten betrieben wurde. Da waren die Deutschen die Einzigen, die immer wie die Mongos rumstanden und nichts gesagt haben, und das hat die Polen gewundert. Und deshalb haben die uns “die Stummen” genannt.

Ist “Kartoffel” ein Protestsong?

In gewisser Weise ja – zumindest ist er das, was man in Hinblick auf die Jan-Delay-Platte textlich als Fortsetzung erwartet hat. Aber der Song ist weniger anklagend und kommt im Gewand des Entertainers daher. Man kann diesen Song an jeder Stelle auch humoristisch verstehen.

Vom Gimmick zum Gospel

Übersetzt man das englische Verb “to cover” mit “erfassen”, dann muss man Jan Delay als einen der besten zeitgenössischen Cover-Spezialisten anerkennen. Ob Nenas “Irgendwie, irgendwo, irgendwann” oder auf dem neuen Album Rio Reisers “Für immer und dich”, es gelingt ihm, aus den Songs genau jene Details aufzugreifen und zu entfalten, die diesen dann eine überraschende Wendung geben. So wird aus Nena Dub und aus Rio Reiser Soul. Und aus Udo Lindenberg Gospel.

Du hast dir zuerst mit Reggae und jetzt mit Funk ein Genre vorgenommen, das vorher mit deutschen Texten nicht unbedingt funktioniert hat.
Ich weiß nicht, ob das stimmt. Wenn du an bestimmte Sachen von Udo Lindenberg denkst, “Commander Superfinger”, “Gene Galaxo” oder auch “Der Dirigent” auf der “Votan Wahnwitz”-Platte – einem absoluten Killer-Album übrigens –, das sind sehr funkige Stücke mit deutschen Texten. Und Udo ist ein absoluter Funk-Drummer. Er ist ja schon im Alter von 19 Jahren von Doldinger zur Band Passport geholt worden, weil er damals das jüngste und krasseste Drumtalent war. Und weißt du, warum der “Sesamstraßen”-Titelsong so funky ist? Weil Udo die Drums eingespielt hat. Das merkt man auch auf seiner ersten Platte, wo er noch auf Englisch singt. Da hat er alle Drums selbst gespielt – und das ist ein Sound! Wenn das losgeht, dann denkst du, das ist ein KanYe-West-Beat.

Udo Lindenberg als Referenzfigur für innovative Sounds und Texte steht dennoch etwas im Abseits.

Udo wird katastrophal unterschätzt, was auch damit zusammenhängt, dass ihn so wenige Leute ernst nehmen. Für viele ist das der versoffene Penner mit dem Hut, der sich was zurecht nuschelt. Das merke ich auch deutlich an der Reaktion von vielen Hamburger Boheme-Typen, die mit Lindenberg einfach nichts anfangen können. Auch jetzt bei den Interviews wird das deutlich. Wenn das so Goldene-Zitronen-Pudel-Club-Typen sind, können die Udo als wichtigen, ernst zu nehmenden Künstler nicht begreifen. Die sehen ihn eher als Gimmick an. Ich sehe das so: Wenn Kraftwerk der Welt gezeigt haben, dass man mit Synthesizern und Computern geile Musik machen kann, dann hat Udo gezeigt, dass man in deutscher Sprache Geschichten erzählen kann, die trotzdem rollen und berühren und ehrlich sind.

Der Song “Alles ist im Arsch” mit Udo Lindenberg ist das einzige Feature auf deinem Album. Das hört sich nicht nach Gimmick, sondern eher nach Gospel an.

Das ist auch so. Schon der Song an sich ist sehr berührend und deep. Er steht am Ende des Albums, und das ist auch der einzige Platz, wo er Sinn macht, weil es ja textlich um das Ende (einer Beziehung) geht, gleichzeitig aber auch angedeutet wird, dass jetzt wieder Platz für etwas Neues da ist.

Hattet ihr schon vor diesem Song Kontakt zueinander?

Eher sporadisch, hier und da mal ein Hallo. Richtig kennen gelernt haben wir uns über diese Kollaboration. Ich habe ihm den Song zugeschickt, und ihm hat das gefallen. Dann hat er sich eine Strophe ausgesucht, wir haben uns ein paarmal getroffen und den Song schließlich aufgenommen. Er hat mich auch gefragt, ob ich für sein neues Album etwas beisteuere, worüber ich mich sehr gefreut habe. Allerdings ist mein größter Traum, einmal für Udo ein ganzes Album zu produzieren und ihn in einem ganz neuen, stylishen Gewand zu präsentieren. So wie Rick Rubin das mit Johnny Cash gemacht hat.