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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Neue sanfte Härte

Jamila Woods im Interview

Die 1989 geborene Sängerin, Dichterin, Aktivistin und Lehrerin aus Chicago macht eingängigen R’n’B-Pop. Unter dessen perfekter Oberfläche lauert poetische, sozialkritische und stolze Poesie. Daniel Koch traf Woods zu einem Gespräch über ihr Debütalbum »Heavn«, Polizeigewalt, die Kraft der Worte und den Wert der Gemeinschaft.
Geschrieben am
In »BLK Girl Soldier« singst du: »They want us in the kitchen / Kill our sons with lynchings / We get loud about it / Oh now we’re the bitches.« Trotz der kämpferischen Härte dieser Zeilen hat deine Musik einen warmen, optimistischen Vibe und fast schon sakrale Gesangsmelodien. Woher rührt das? 
Dank meiner Großmutter hörte ich von Kindesalter an viel Gospelmusik. Später interessierte ich mich sehr für die Geschichte und Codes der Spirituals zur Zeit der Sklaverei. Die Dienstherren dachten damals, ihre Sklaven sängen über Jesus, in Wirklichkeit tauschten sie jedoch Tipps aus, wie man fliehen konnte. Ich mag es, wenn Musik auf diese Weise an Tiefe gewinnt, wenn ich Referenzen wie Brotkrumen auslege – die man finden kann, aber nicht muss. Und ich mag es, wenn das, was ich sage, und die Form, in der ich es sage, einen direkten Gegensatz ergeben.

Deine Musik ist also ebenso eingängig wie heimtückisch. »VRY BLK« wiederum klingt wie ein Kinderlied, das man mitsummen möchte, während der Text auch den Black Panthers gefallen hätte. Auch so ein bewusster Kontrast?
In diesem Song hat das noch eine andere Bedeutung: Die Form basiert teilweise auf einem Kinderreim namens »Miss Susie«, in dem sich viele Endreime auf obszöne Worte reimen würden, diese aber nie ausgesprochen werden. Als Kind haben wir das beim Seilspringen gesungen. Es war eine spielerische Form für Kinder, ein Tabu zu verarbeiten, denn natürlich kannten wir diese Worte. Als sich in den letzten Jahren die Vorfälle von Polizeigewalt gegen Afroamerikaner häuften, kam mir das ähnlich vor: Jeder wusste, dass dem Rassismus zugrunde lag, aber kaum einer brach das Tabu, es zu benennen.

Du unterrichtest regelmäßig Jugendliche im Kreativen-Schreiben und gibst Kurse für die YCA – die Young Chicago Authors. Wie kam es dazu? Und was genau macht diese gemeinnützige Organisation? 
Dank der YCA lernte ich meine Liebe zur Poesie kennen und fand meine Stimme. Dort trug ich zum ersten Mal vor anderen ein Gedicht vor. Ich verdanke diesen Menschen vieles, ohne die YCA wäre ich nicht die Künstlerin, die ich heute bin. Das möchte ich zurückgeben. Aber es ist mehr als das: In Chicago haben linke wie rechte Lokalpolitiker in den letzten Jahren um die 50 öffentliche Schulen geschlossen. Ohne Organisationen wie die YCA wird es schwieriger, den Kids Kultur und Gemeinschaft auf positive Weise zu vermitteln. Neben den Kursen organisiert die YCA auch das Jugend-Poesie-Festival »Louder Than A Bomb«. Es ist eines der größten seiner Art. Die YCA finanziert sich durch Spenden und Förderungen. Momentan funktioniert das sehr gut, sicher auch, weil ich oder andere YCA-Schüler wie Chance The Rapper oft in Interviews dafür werben.

Deine Heimat Chicago spielt in deinem Handeln und deiner Kunst eine wichtige Rolle – man hört die Liebe raus. Gleichzeitig thematisierst du auch die sozialen Spannungen. Ist es eine Hassliebe? 
Nein. Ich liebe Chicago. Ich musste erst eine Weile an der Westküste leben und dort studieren, um das zu merken, aber es ist so. Das ist meine Heimat, meine Community, diese Stadt und ihre Menschen haben mich geprägt. Die Medien zeichnen oft ein sehr negatives Bild der Stadt. Man dämonisiert die Menschen und gibt ihnen die Schuld an der hohen Kriminalität. Ich kämpfe dafür, dass man das große Ganze sieht. Wenn die Regierung sich aus dem sozialen Engagement zurückzieht, wenn öffentliche Schulen schließen – dann trägt die Stadt eine Mitschuld an den Spannungen, die daraus entstehen. 

Vor Kurzem marschierten in Charlottesville Nazis und Rassisten auf. Gleichzeitig sitzt ein Präsident im Weißen Haus, den rechte Medien wie Fox, Info Wars und Breitbart an die Macht gebracht haben. Wie wütend macht dich das? 
Natürlich ist das widerlich. Aber anstatt meine Energie an blanke Wut zu verschwenden, versuche ich es konstruktiv zu sehen: Viele privilegierte Menschen, die sich als liberal bezeichnen, aber eine Realität wie den immer noch grassierenden Rassismus verleugnet haben, sind plötzlich aufgewacht und sagen: »Fuck, das ist real!« Diese Demonstrationen, diese Reden, diese Übergriffe erschrecken sie in ihrer Heftigkeit. Ich hoffe, dass sie dadurch aktiver werden, man die kleinen linken Grabenkämpfe vergisst und sich Seite an Seite stellt. Denn machen wir uns nichts vor: Ohne privilegierte weiße Unterstützerinnen und Unterstützer wird eine Bewegung wie Black Lives Matter nicht die Wirkung haben, die sie braucht, um wirklich etwas in der Gesellschaft zu verändern.

Jamila Woods

HEAVN

Release: 15.08.2017

℗ 2017 Jagjaguwar in partnership with Closed Sessions