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Lauter leise Farben

Jamie xx im Gespräch

Selten waren wir uns so einig: »In Colour« von Jamie xx ist schon jetzt ein heißer Anwärter auf das Album des Jahres, gerade weil es eine sehr persönliche Angelegenheit geworden ist, bei der die eigene Herzfrequenz den Beats Pate stand. Daniel Koch traf Jamie xx zum Gespräch in Berlin und konnte sich nur knapp verkneifen, ihn für seine Glanztat in den Arm zu nehmen.
Geschrieben am
Ich würde ja gerne behaupten, ich hätte es schon damals gesehen. 2009, im alten Berliner Magnet, beim ersten Deutschlandkonzert von The xx. Nachmittags hatte ich Oliver Sims und Baria Qureshi für dieses Magazin interviewt, im Gemeinschaftsraum eines Hostels, während am Nebentisch Romy Madley Croft und Jamie xx, gebürtiger Smith, einem Kollegen ins Mikro flüsterten. Mr. xx war mir ehrlich gesagt den ganzen Abend wenig aufgefallen. Ich wusste, dass er die Produzenten-Credits innehatte, und konnte ihn später beim Fotoshooting im Hinterhof noch fragen, warum das denn schon so professionell und passgenau klänge, was er mit einem Schulterzucken und den Worten »Ich hab so was halt schon immer gemacht« beantwortete. Später beim Konzert drückte er zwar an den richtigen Stellen die richtigen Knöpfe, aber ich war ganz gefangen im Klang der Stimmen von Romy und Oliver und nahm ihn höchstens am Rande wahr. Hätte man mir damals gesagt, dass dieser hübsche, aber etwas unscheinbare Typ mal das Rückgrat dieser Band werden würde, dass man es ihm zu verdanken habe, dass The xx nicht nur einen guten Sommer, sondern gleich ein halbes Dutzend haben würden, dass er einer der spannendsten Köpfe in der Welt der elektronischen Musik sein würde – ich hätte es nicht geglaubt.

Mittlerweile bin ich da schlauer. Ich habe – zuletzt auf ihrem eigenen Festival »Night + Day« im Berliner Spreepark – gesehen, wie Jamie xx die oft sehr andächtigen Songs der Band immer wieder mit gezielten Stromstößen in Bewegung hält. Ich habe gespürt, wie seine Beats zum Erzählstrang eines solchen Konzertabends werden. Ich habe eine Gänsehaut bekommen in den ersten Sekunden von »We’re New Here«, seinem Remix-Album mit HipHop-Urvater Gil Scott-Heron, wo dieser sagt: »But I’m new here, will you show me around?«, bevor Jamies Beats einsetzen – und dieser Moment fühlt sich an wie eine Respektsbekundung, wie das Verneigen einer Musikerlegende vor der neuen Generation. Ich bin wie bekloppt mit in die Luft hackendem Zeigefinger zu seiner UK-Rave-Hymne »All Under One Roof Raving« durch die Wohnung gedancet und habe gedacht: Wenn das eine deutsche Band versucht, kommt da so was wie »Hyper Hyper« raus. Und – was uns schließlich zum Anliegen unserer Titelstory führt – ich habe zum Zeitpunkt des Schreibens gefühlt 145 Mal sein erstes Soloalbum »In Colour« gehört, von Anfang bis Ende, immer und immer wieder. Bin morgens zum Tanzhallenkracher »Gosh« in Schwung gekommen. Hab mittags zu »Stranger In The Room (feat. Oliver Sims)« melancholisch aus der U-Bahn gestiert. Bin zu »Loud Places (feat. Romy Madley Croft)« abends zur lauten Lieblingsbar geschlürt – und hab mich schließlich vom verweht klingenden »Girl« nach Hause zerren lassen. 
So euphorisch erzähle ich ihm das natürlich nicht, als wir uns schließlich zum Interview treffen. Es ist Februar, die Welt weiß offiziell noch nichts vom Release. Jamie xx sieht müde aus. Ich weiß zwar nicht, ob er jemals wirklich richtig wach auf mich gewirkt hat, aber seine Interviewreise (Paris, London, Berlin, New York oder so ähnlich) wird wohl auch an den Kräften zehren. Sein Handgriff ist schüchtern, seine Antworten kommen langsam und leise – aber stets auf den Punkt, wie man es von seinen Produktionen kennt.

Zwischen all dem Auflegen, Produzieren, Remixen und der Arbeit am dritten The-xx-Album – wann hast du da noch Zeit für dein Soloalbum gefunden?
Ich habe die Wochen genutzt, in denen ich mich eigentlich erholen sollte. Aber das war wichtig für mich, vor allem mit Blick auf ein weiteres The-xx-Album. Ich brauchte diese Arbeit, um wieder Freude daran zu finden. So war es schon immer bei mir: Die Musik, die ich für mich mache, hat mich stets weitergebracht, mir neue Ideen und neue Motivation für die Band geliefert. Es ist für mich ein neuer Schritt, aber auch für The xx.

Wie fühlt sich »In Colour« an für dich? Ich höre es eher wie ein Mixtape, weil es sehr eklektisch ist. Andererseits zweifle ich in keinem Stück daran, dass die Musik 100% Jamie xx ist. 
Mir geht es ähnlich: Ich sehe viele Facetten von mir in diesen Songs. Den jungen Jamie, der elektronische Musik für sich entdeckt und davon träumt, Teil dieser Szene zu werden. Den Jamie, der genau das geschafft hat und plötzlich mit all jenen befreundet ist, die er vorher aus dem Publikum heraus bewundert hat. Den Jamie, der durch das viele Reisen immer neue Eindrücke aufsaugt. Und so weiter. Die einzelnen Stücke sind über einen großen Zeitraum verteilt entstanden, überall auf der Welt. Hätte ich mich bloß ein halbes Jahr in London im Studio eingeschlossen, ich hätte diese Diversität nie erreichen können.

Bei deinen DJ-Sets hast du dir zur Regel gemacht, niemals einen Laptop zu benutzen. Gab es ähnliche Vorgaben für »In Colour«?
In technischer Hinsicht nicht. Aber es sollte »100% Jamie xx« sein, wie du es vorhin nanntest. Jedem Song ging ein besonderes Gefühl voraus, eine Emotion, die ich musikalisch festhalten wollte. Es ist also eine sehr intime, introspektive Angelegenheit. 

Ist das der Grund, warum du außer Young Thug und Popcaan, die auf »I Know There Gonna Be (Good Times)« zu hören sind, nur Oliver und Romy singen lässt? Manch einer hatte erwartet, dass du deine Kontakte nutzt und dir so richtig fette Features drauflädst – eher so die Kampfklasse Alicia Keys.
Genau das wollte ich nicht. Dafür ist die Musik zu persönlich. Romy und Oliver kennen mich so gut wie kaum jemand sonst, deshalb war für mich klar, dass sie dabei sind. Außerdem weiß ich, wie die Dinge in dieser Größenordnung laufen. Du triffst Manager, Promoter, Anwälte und Songwriter-Teams, aber so gut wie nie den großen Star dahinter – und alle wollen mitreden. So wollte ich nicht arbeiten. Das ist frustrierend. Ich habe das eine Weile gemacht, ich habe viel gelernt, aber jetzt bin ich ganz froh darüber, wieder mit Freunden oder alleine zu arbeiten.

Du hast schon bei »All Under One Roof Raving« exzessiv mit Spoken-Word-Samples gearbeitet, auch auf »In Colour« sind diese Stimmen ein verbindendes Element. Woher rührt diese Faszination? Stammt das aus der Zeit, die du mit Gil Scott-Heron verbringen konntest? 
Teilweise ja. Durch die Arbeit mit Gil habe ich gemerkt, dass Lyrics, die gesprochen werden, bei mir viel mehr Eindruck hinterlassen. Vorlage war aber eher der amerikanische HipHop. Da gibt es viele Alben, die immer wieder Filmsamples oder aufgenommene Straßenszenen einspielen, um die Stücke zu verknüpfen. Ich liebe das und habe es mit britischen Stimmen nachgebaut, die ich auf archivierten Rave-Tapes oder in alten Piratenradio-Shows fand. 

Eine gewisse »Britishness« in deinem Sound scheint dir sehr wichtig zu sein.  
Ja. Wobei man das nicht als übersteigerten Nationalstolz verstehen sollte. Immer, wenn ich reise, sehne ich mich nach London zurück und merke, was ich an dieser Stadt habe. Diese Faszination ist stark mit ihrer Musik und den vielen Szenen dort verbunden, die mich sozialisiert haben. Das macht dann wohl diese betonte »Britishness« aus, die du meinst. London ist einfach verdammt spannend. Gerade jetzt fühlt es sich an, als könnte die Stimmung bald kippen. Es wird immer mehr Geld in die Stadt gepumpt. Einige Viertel werden zur Spielwiese für Banker umgebaut und sehen gar nicht mehr aus wie eine Stadt, in der man aufwachsen will. Geschweige denn kann. Das macht viele wütend. Ich hoffe, es knallt endlich mal.
Dein Album hast du nicht in London, sondern in den legendären Electric Lady Studios mischen lassen. Wie war’s?
Großartig. Ich bin sowieso gerne in New York. Tom Elmhirst, mit dem ich den Mix gemacht habe, ist außerdem eine ziemliche Type. Ich habe viel im Studio mit ihm abgehangen. Ständig kamen verrückte und spannende Leute vorbei, die ihn kennen. Das war schon anders, als mit Romy und Oliver in einem dunklen Raum zu sitzen.

Ich las kürzlich den Satz von dir: »Gerade bin ich ganz glücklich, mal nicht an einem verrückten Ort zu sein.« Wie müssen die Steilgeh- und Ausruh-Phasen verteilt sein, damit man nicht durchdreht?
Das wird niemals passen. The grass is always greener on the other side ... Es gibt immer Momente, in denen ich mitten auf einer Party in New York stehe und mir wünsche, ich könnte in einem Café in meinem Viertel in London sitzen. Und umgekehrt. Aber meist merke ich dann ganz schnell, dass ich ein sehr privilegiertes Leben führe, wenn mich bloß diese Sorgen plagen.

Ich finde an deiner Karriere sehr spannend, dass man dir quasi zuschauen konnte, wie du dein Handwerk erlernt hast. Du wurdest mit The xx schnell ins Rampenlicht geschubst und gleich zum Nachwuchsstar hochgejazzt. Der Druck war sicher groß. Gerade jetzt sieht es nicht so aus, als hätte dir das geschadet, aber ich frage mich doch, ob du das ohne Wachstumsschmerzen überstanden hast?
Ich bin ganz gut aus der Sache rausgekommen. Das kann ich zumindest rückblickend sagen. Wenn ich überfordert war, habe ich stets versucht, mich zurückzuziehen, an einen Ort, an dem ich mich ganz auf meine Arbeit konzentrieren kann. Und ich hatte immer Oliver und Romy an meiner Seite. Wir haben viel zusammen durchgemacht, gerade nach dem Tod von Romys Vater. Das hat uns zusammengeschweißt. Wir sehen uns dieser Tage weniger als sonst, sind uns aber näher denn je. Wir brauchen uns. 

Fühlst du dich als Solokünstler denn freier? Oder wird es komplizierter, weil du jede Entscheidung alleine fällen musst?
Mal fühl ich mich frei, mal in die Ecke gedrängt. Aber ich holte mir auch für »In Colour« Rat bei Oliver, Romy und ein paar anderen Vertrauten. Gerade zum Ende der Aufnahmen brauche ich das. 

»Loud Places« klingt für mich wie die perfekte Symbiose aus The-xx-Sound und deinen Klangfarben. So erging es mir schon bei deinem Remix von »Sunset«. Ist das nicht eine Richtung, die auch The xx auf Album Nummer drei gut stünde?
Warum nicht? Aber eigentlich kann darauf alles passieren. Wir könnten mehr nach Live-Band klingen, ich könnte ein normales Drumkit spielen, die Gitarren könnten lauter und präsenter werden. Ich denke, mein Album hilft uns dabei, noch diverser klingen zu wollen. Das spüren wir schon jetzt, wenn wir gemeinsam daran arbeiten. 

Ist es eigentlich nervig, dass du immer wieder auf The xx angesprochen wirst, selbst wenn es um deine eigenen Aktivitäten gehen sollte?
Nein. Es ist ja bloß folgerichtig. Ich bin Teil dieser Band, und die Band ist Teil von mir. Meine eigene Arbeit wäre ohne sie nicht möglich. Nur manchmal nervt es, wenn ich bei einem DJ-Set gefragt werde, ob ich nicht mal einen The-xx-Song auflegen könnte. Was für ein DJ wäre ich, wenn ich so was täte?

Die Antwort auf diese letzte, rhetorische Frage wäre: ein Scheiß-DJ. Aber genau das ist er eben nicht. Im Gegenteil. Jamie xx hat es geschafft, konzentriert, bodenständig, unaufdringlich, sympathisch zu einem der wichtigsten Protagonisten der elektronischen Musik zu werden. Er mag leise sprechen, wie es seine Songs manchmal tun, aber wem seine Beats, seine Klangflächen und seine Samples nicht unter die Haut kriechen, der modert schon. Große Worte, ich weiß, und vielleicht lasse ich hier emotional auf eine Weise die Hosen runter, die sich für die Profession des Musikjournalisten nicht ziemt, aber tatsächlich hat mich kaum ein Album in den letzten Jahren so sehr bewegt wie dieses – von der Zehspitze übers Tanzbein, über die Herzklappe bis zum Hirnlappen.  So. Genug gelobhudelt. Kopfhörer auf und noch mal »In Colour« auf Play.

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Jamie xx »In Colour« (Young Turks / XL / Beggars / Indigo / VÖ 29.05.15)

Jamie xx

In Colour

Release: 29.05.2015

℗ 2015 Young Turks Recordings Ltd