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Multiply

Jamie Lidell

Funk im Wandel der Zeit. Das Thema von Jamie Lidells zweitem Album ist schnell abgesteckt. Die unverkennbare Stimme des Englishmans arbeitet sich mit Prince-Falsett und Sly-Stone-Chören zunächst tief in 60er-Jahre-Mainstream hinein (siehe den Sorglos-Soul-Gospel-Orgel-Pop des Titelstücks “Multiply”)
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Funk im Wandel der Zeit. Das Thema von Jamie Lidells zweitem Album ist schnell abgesteckt. Die unverkennbare Stimme des Englishmans arbeitet sich mit Prince-Falsett und Sly-Stone-Chören zunächst tief in 60er-Jahre-Mainstream hinein (siehe den Sorglos-Soul-Gospel-Orgel-Pop des Titelstücks “Multiply”), stelzt dann elegant über an Quincy Jones angelehnten End-70er-Pop-Funk hinweg (“When I Come Back Around”), um später Funk in der New-Wave-Kaputtheit von Anfang der 80er zu erproben (“The City”). Alles großartig und groovy, dass es die reine Freude ist. Allerdings läuft Lidell damit Gefahr, einem rückwärts gewandten Glauben an Authentizität auf den Leim zu gehen. Er präsentiert sich als ein Nachsteller einer musikalischen Genealogie, die nicht mehr in echt auf die Popszenerie gezerrt werden kann. Zugleich muss sich auch der Autor die Frage gefallen lassen, wem er eher vertrauen soll: dem Kopf oder den Beinen, die sich da unten selbständig machen wollen? Vielleicht geht es Lidell darum, seine große Stimme in verschiedenen Funk-Umgebungen auf die Probe zu stellen. Er dekliniert diese verschiedenen Ausprägungen durch und multipliziert sich selbst in der Vielfalt der Entwürfe. In der Hinsicht fällt auf, dass der Gesang meist von einem sanften Grundton dominiert wird und Lidell nicht das gesamte Spektrum und Repertoire, das seine Stimme draufhätte, forciert. Er presst nicht, quetscht und quält sich nicht durch enge Kanäle, sinkt nicht in räudige Tiefen ab. Stattdessen gibt er fast durchweg den nonchalanten Crooner, den man sich zu Bläserarrangements und Jazzgitarrentupfern ganz gut im violett schimmernden Gangster-Anzug auf der Bühne eines Cabarets vorstellen kann. Genau auf dieser Bühne, nämlich im Stück “Newme”, inszeniert Lidell endlich den herbeigesehnten Bruch und lässt das klassische Swing-Setting in Hyperaktivität und Verzerrung kippen. Spätestens dann ist auch der Nörgler in meinem Kopf wieder mit den zappelnden Beinen versöhnt.