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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Expatriarch Generations

James K interviewt Planningtorock

Die dritte Folge von Expartriarch Generations zeigt die Slogan-schaffende Planningtorock (auch bekannt als Jam Roston), die sich James K (auch bekannt als Jamie Krasner) als ihre Newcomer Künstlerin aussuchte.
Geschrieben am
James K ist nicht nur ein neues Gesicht in der Musikbranche, sie ist auch neu in Berlin, hier hin zog sie im Mai von New York. Neben einigen Auftritten als Gastsängerin für Physical Therapy und Mykki Blanco hat JamesK vor einem Jahr ihre erste Solo-EP herausgebracht: vier kostenlos downloadbare Tracks, in denen sich experimenteller Pop mit atmosphärischem Ambient und Jazz-Elementen mischt. Sie hat die Rhode Island of Design School abgeschlossen und beendet gerade ihr erstes Album, das nächstes Jahr auf dem New Yorker Label UNO erscheinen soll, das auch schon Arca und Fatima Al Quadiri veröffentlichte. Planningtorock und James haben in der neuesten Ausgabe von Expartriarch Radio Fragen und Gedanken ausgetauscht, die jetzt im Berlin Community Radio-Stream zu hören und hier bei uns auch zu lesen sind. Am 21. November kommen sie für die Hot Topic Party im Schwuz, in Berlin-Neukölln, wieder zusammen. James K wird live auftreten und Planningtorock wird hinterher zusammen mit Matt Sims und Sick Girls auflegen.

James K: Du warst gerade auf Tour. Ich habe gehört, dass du nicht so gerne oft auf Tour bist. Warum?

Planningtorock: Ich bin es und ich bin es nicht. Ich mag es live zu spielen, aber touren ist auch sehr anstrengend und es bringt dich in einen seltsamen mentalen Zustand, weil du jede Nacht immer wieder das Gleiche machst.  Und dann passiert es, wenn ich unterwegs bin, dass ich denke ich, dass ich nicht mehr auf Tour sein möchte, und wenn ich wieder zuhause bin, dann denke ich: oooh, es wäre toll wieder auf Reisen zu sein. Das Gras ist woanders immer grüner... Wie ist es bei dir?

Ja, also mir gefällt das Touren sehr, vielleicht weil ich es noch nicht so lange mache. Ich habe Spaß daran neue Städte zu sehen, aber was mir am meisten gefällt ist es vor unterschiedlichem Publikum zu spielen. Ich persönlich gehe in keine Show mit einer genauen Idee dazu wie die Show werden wird. Wenn ich das mal ausprobiert habe, war ich hinterher enttäuscht. Für mich funktioniert es nicht, wenn ich versuche perfektionistisch zu sein. Wie vorgeplant ist deine Show?
Ich wünschte ich könnte eine Show machen, die etwas spontaner wäre. Wenn eine Show vorher bis zu einem gewissen Punkt geplant wurde und funktioniert, dann ist das überwältigend. Aber, wenn das nicht klappt, dann ist es schwierig auf den Moment zu reagieren. Wir verändern Setlisten und ändern Einzelheiten, und ich mache Videos während ich auf Tour bin. Manchmal kann ich dann sehen oder fühlen, dass die Sprache zwischen den Bildern und dem Ton nicht stark genug ist. Idealerweise wäre es schön, wenn ich daraus mehr machen könnte, mehr Risiken eingehen könnte. Aber die Leute kommen an und sagen: “Ich möchte, dass du genau das Lied spielst, das mir gefällt!”.

Wie sehr berücksichtigst du das Publikum?

Ehrlich gesagt: sehr viel, denke ich. Aber wenn du versuchst alles anzunehmen brauchst du auch einen Filter. Erwartungen sind sehr lustig, nicht wahr? Du musst die heraus sieben, die du gebrauchen kannst. Und welche Herausforderungen du an Deine Entwicklung stellst damit zusammen bringen. Ich habe Freund_innen und ich kenne erfolgreiche  Künstler_innen, die versucht haben spielerischer zu sein, und das Publikum hat es einfach gehasst. Das ist sehr schwierig.

Aber es ist nicht gut, immer das zu geben, was die Leute erwarten, dann bleibst du in diesem Loch stecken.
Genau. Aber es ist lustig, gerade wegen deiner eigenen Beziehung zu deiner Musik. Was dir vertraut ist, ist nicht jeder Person vertraut. Wenn du live spielst, wird es Leute geben, die von ihren Freund_innen mitgebracht wurden, und die deine Arbeit nicht kennen. Vergiss das nicht.

Ich habe ein Zitat von Roland Barthes: »Wenn ich fühle, dass ich von der Linse beobachtet werde, dann ändert sich alles: ich stelle mich im Prozess des Posierens dar. Sofort erschaffe ich einen anderen Körper für mich selbst, ich transformiere mich vorab in ein Bild. … Die Fotographie ist das Aufkommen meiner selbst als der Andere.« Darüber würde ich gerne reden.
Das ganze Masken- und Helm-Ding – das waren nur Ideen, die dann einfach auf der Bühne gelandet sind. Und weil ich die Person war, die sie trug, haben die Leute sie als Alter Egos gesehen. Ich habe darüber sehr lange nachdenken müssen, dieses »anders Machen« aus dem eigenen Selbst. Ich habe das Gefühl, dass ich gerade erst ein kleines bisschen damit angefangen habe, weil die Geschichte, die mit der Symbolik entsteht, noch nicht stark genug ist. Ich glaube es geht um die Schaffung von Charakteren, und darum das zu nutzen, um Sachen zu sagen, die du nicht sagen kannst, wenn du nur du selbst bist. Aus dem Grund liebe ich Comedy. Da steht jemand und redet jede Menge Scheiße, aber du nimmst es nicht persönlich, weil es ein Schauspiel ist. Ich denke mit Musik und Texten ist es das Gleiche. Sie sind von dir, aber die Leute nehmen sie für sich selbst.
Ich wollte dich zum Thema Zeit etwas fragen. Das ist auch so eine Sache bei Tourneen. Ich möchte meine Beziehung dazu ändern, wenn ich aufnehme und wenn ich filme. Dieser Zeitplan hindert mich daran andere, potentielle Arbeiten zu erledigen. Ich habe das Gefühl, nicht die Norm dadurch erfüllen zu wollen,  dass ich eine neue Platte heraus bringe.
Bei mir sind das immer Wellen. Es gibt Zeiten, in denen kann ich sehr produktiv sein, und es gibt Zeiten in denen ich feststecke, aber das ist ganz natürlich. Es ist hilfreich verschiedene Ventile zu haben, und zu bemerken, wenn du feststeckst, dann kannst du dich mit etwas anderem beschäftigen. Wenn es darum geht Sachen zu veröffentlichen, dann habe ich ganz andere Schwierigkeiten. Ich habe jede Menge Sachen, die ich veröffentlichen will, aber das habe ich nicht unter Kontrolle. Es geht darum zu warten bis man es heraus bringt.
Ich habe auch darüber nachgedacht, wie wichtig es ist, dass etwas, das du veröffentlichst, eine aktuelle Relevanz hat oder ob du auf das aktuelle Geschehen reagieren musst. Ich habe mir gedacht, dass es bestimmt witzig sei, mein erstes Album, das niemand kennt, auf Soundcloud hochzuladen. Und viele Planningtorock Fans dachten, es sei ein neues Album. Viele sagten Sachen wie: »Wow, beeindruckend!«. Sehr seltsam. Ich konnte nicht aufhören zu lachen. Das war zehn Jahre alt.

Das ist sehr zufallsbedingt, irgendwie. Ich glaube, das Talent und Timing die Dinge sind, die man braucht. 
Die zwei Ts! (Lachen)

Und Timing ist total zufallsbedingt. Daran zu arbeiten was man liebt, und es zu produzieren, ist immer das Wichtigste. Aber das Timing ist zufällig. Natürlich kannst du darauf achten, was gerade so angesagt ist und etwas machen, das beliebt sein wird, aber darum geht es bei unserem Gespräch nicht. Keine von uns macht das.
Aber es gibt das persönliche Timing. Ich habe so viele Freund_innen, die Künstler_innen sind und die einen Vertrag haben, der sie begrenzt. Und die Leute von denen sie kontrolliert werden begreifen nicht, dass es für eine_n Künstler_in, die_der lyrisch und thematisch arbeitet wichtig ist, ihre Werke schnell zu veröffentlichen. Wenn es zu spät ist, ist es wirklich zu spät. Ich weiß, dass du einige Tracks hast, die du nicht veröffentlichen konntest. Ich hoffe dieser Teil des Musikgeschäfts stirbt bald aus. Das ganze Angel Haze Ding – ihr Album wurde so lange zurück gehalten. Sie schreibt sehr viel darüber, was da mit mit ihr passiert, genau jetzt,  und das ist es, was es so frisch macht.

Ich denke, dass auch Frische relevant bleiben kann. Ich weiß nicht ob das wirklich etwas ausmacht. 
Ich denke dabei mehr an die Person, die es gemacht hat.

Ja, es ist ein Kampf, und das ist es was du bekommst, wenn du dich entscheidest Musiker_in oder Künstler_in zu werden. Timing ist nicht immer auf deiner Seite. Wenn du das weißt, dann ist alles gut. Erwarte einfach nichts! Es geht darum keine Erwartungen zu haben. Es wird nur zum Kampf, wenn du dich dort hinein verwickelst. 
Vielleicht sollte ich das nicht über mich selbst sagen, aber ich bin ziemlich Punk – ich probe niemals. Größtenteils aus Wirtschaftlichkeit. Du musst Geld haben für einen Proberaum. Aber ich mache eine Show und denke, o.k., das hat funktioniert, das hat auch funktioniert, das hat nicht funktioniert, das werde ich ändern. Das ist der beste Ort um den Scheiß zu lernen, direkt vor den Leuten.

Ja, zu viel zu proben kann Erwartungen produzieren. Aber man muss die Balance finden. Gar nicht zu proben ist vielleicht auch keine gute Idee. 
(Lachen) Das Ding ist, wenn du viel planst, dann hast du etwas worauf du zurückgreifen kannst. Mir ist es schon passiert, dass die Musik komplett aufgehört hat und dann habe ich A Capella weitergemacht. Ich mag diese Energie, diese Spannung. Performance ist so eine Spinnerei. »Wir werden ein bisschen auf dieser Bühne stehen, und all diese Leute werden dort stehen und uns angucken, und wir werden Sachen machen«. Was zur Hölle ist das? Es ist so seltsam. Diese Vereinbarung in der Gesellschaft. Hier gibt es ein_en Performer_in und dort das Publikum. Es ist magisch.

Ich habe mit Open Mics angefangen. 
Wirklich? Comedy?

Nein, keine Comedy! (Lachen) Ich wünschte es wäre so! Nein, nur Gitarre und Gesang. Aber bei jedem Open Mic gibt es dieses Unvorhersehbare... »Was wird passieren?«. Es ist eine sehr gute Herausforderung da mitzumachen. So, hier die letzte Frage: wenn man eine Mythologie um eine Person erschafft, verschwimmen die Linien zwischen Realität und Fantasie. Was ist für dich ein ehrlicher Ausdruck? Inwiefern ist das wichtig für deine Arbeit? 
Ich hinterfrage das nicht. Für mich bedeutet Ehrlichkeit Integrität.

Glaubst du, du kannst Unsinn erkennen? 
Also, ich rede von Integrität, aber ich mag auch Unsinn, weil Unsinn eine Rolle hat. Ohne Unsinn wüsstest du nicht was Integrität ist, oder? (Lachen) Es ist alles da draußen. Ich denke man braucht alles davon.