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2001-2006. Fünf Jahre 9/11

Jahresrückblick

Als sich der fünfte Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September näherte, wuchs in der westlichen Welt die Besorgnis darüber, dass radikale Islamisten dies zum Anlass nehmen würden, mal wieder ein Zeichen zu setzen. Entgegen allen Befürchtungen ist aber, wie man heute weiß, nichts passiert. Dass
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Als sich der fünfte Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September näherte, wuchs in der westlichen Welt die Besorgnis darüber, dass radikale Islamisten dies zum Anlass nehmen würden, mal wieder ein Zeichen zu setzen. Entgegen allen Befürchtungen ist aber, wie man heute weiß, nichts passiert. Dass dies auch recht unwahrscheinlich war, unterstrich bereits der britische Schriftsteller Martin Amis in einem provokanten Essay, der pünktlich zum Jahrestag im Observer erschien. Bei den Anschlägen habe es sich um einen symbolischen Akt gehandelt, dessen Effekt im Moment des Einschlages schon von gestern gewesen sei. Man müsse sich als Terrorist nach neuen, radikaleren, vielleicht auch unsichtbareren Lösungen umschauen, um weiterhin die westliche Lebensart anzugreifen.

Hollywood jedenfalls hat letztlich erst 2006 seine Scheu überwunden und brachte in diesem Jahr zwei Filme in die Kinos, die das Thema direkt und unverblümt – und nicht nur angedeutet wie im Jahr zuvor “Flightplan” und “Red Eye” – behandeln: “United 93” und “World Trade Center”. Während Ersterer als Dokudrama recht überzeugend funktionierte und somit auch viel Kritikerlob bekam, rieb man sich am reaktionären Patriotismus von “World Trade Center”. Vielleicht, weil man diesen von einem ehemals radikalen Establishment-Gegner wie Oliver Stone nicht erwartet hatte. Vielleicht war die Kritik an den überzogen emotionalen Bildern Stones aber auch nicht ganz gerecht, da eine kühl-sachliche Analyse menschlichen Leids den amerikanischen Zuschauern wohl noch nicht zuzumuten gewesen wäre. Denn untersucht man die Befindlichkeiten einer Gesellschaft, so bringt es nichts, radikale Wege zu beschreiten, die das Gesamtbild verzerren; so gesehen ist “World Trade Center” als Film viel ehrlicher, als es zunächst den Anschein hat.

Interessant ist auf jeden Fall, dass im Kino das Ereignis selbst, in der amerikanischen Literatur aber das Heraufbeschwören einer Prä-9/11-Vergangenheit dominiert. Die neuesten Romane von Jay McInerney und Claire Messud zeichnen Bilder von Harmonie und Zerstörung und sind stark am Thema der Rekonstruktion uramerikanischer Ideale nach der Zäsur interessiert. Wichtig ist, dass sich endlich was tut, auch wenn man sich langsam fragen muss, ob amerikanische Literaten wie Filmemacher in nächster Zeit noch ein anderes Thema finden können und dürfen oder ob sie künftig an ihrer Auseinandersetzung mit der Post-9/11-Gesellschaft gemessen werden.