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HipHop 2006. Zwischen Schmatzen und Funk

Jahresrückblick

2006 war ein HipHop-Jahr ohne große Überraschungen. Der unerwartete Paukenschlag oder die dicke Dröhnung blieben aus. Kein zweiter Dizzee Rascal, kein neuer Andrew 3000. Stattdessen viele bekannte Gesichter: Jurassic 5, Black Eyed Peas, OutKast, The Roots, The Coup, Dendemann, Jan Delay und Mike Ski
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2006 war ein HipHop-Jahr ohne große Überraschungen. Der unerwartete Paukenschlag oder die dicke Dröhnung blieben aus. Kein zweiter Dizzee Rascal, kein neuer Andrew 3000. Stattdessen viele bekannte Gesichter: Jurassic 5, Black Eyed Peas, OutKast, The Roots, The Coup, Dendemann, Jan Delay und Mike Skinner. Und so drehten sich viele Interviews nicht um den steinigen Weg vom Untergrund in den Mainstream oder das pieksende Gefühl des plötzlichen Erfolgs – Selbstfindung, Neufindung, Rechtfertigung und die Abgrenzung von alten Klischees standen stattdessen im Vordergrund. Jurassic 5 strampeln sich mit “Feedback” mühsam aus der Schublade “Oldschool” heraus, obwohl sie mit jener “alten Schule” der frühen Achtzigerjahre biografisch nichts und musikalisch kaum etwas zu tun haben. Die Black Eyed Peas treten in die Fußstapfen der Fugees und wollen ihre Mitgliedschaft im Supermainstream zunächst mit Soloprojekten garnieren. Boots Riley von The Coup bleibt mit “Pick A Bigger Weapon” dagegen “strictly underground” und erkennt bei den Massen eine fortschreitende Politisierung – der klassenbewusste Politrap-Barde hat sich inzwischen zu einer Art Manu Chao des HipHop gemausert.

Zwei Rapper bekamen in diesem Jahr sogar eine Titelstory. Allerdings handelt es sich in beiden Fällen um Grenzgänger, HipHop-Horizont-Hintersichlasser und Künstler, die im eigentlichen Sinne “independent” sind: The Streets und Jan Delay. Im Falle von Mike Skinner, der nach seinem zweiten Album zum Posterformat-Popstar aufstieg, bekommt man auch die Kehrseiten solcher Katapultkarrieren einstmaliger Independentkünstler zu spüren: Lange köchelt man selbstlos und begeistert am Erfolg solcher wunderbaren Meltingpotsounds herum, schreibt enthusiastische Reviews und leidenschaftliche Artikel, nimmt sich bei Interviews Zeit für gute Fragen und ausführliche Antworten. Und heute? Ein gelangweilter, patziger Mike Skinner, der schmatzend ins Mikro nuschelt. Doch auch wenn Skinner zu einem arroganten Fatzke mutiert ist: Musikalisch hat das letzte The-Streets-Album “The Hardest Way To Make An Easy Living” nichts an Verspieltheit und Innovation eingebüßt. Ganz ähnlich wie Jan Delay, die hanseatische Mischung aus B-Boy und Boheme.

“Mercedes Dance”, die Glitzerlegierung aus Rap, Funk, Pop und Eißfeldt, war vielleicht die einzige wirkliche Überraschung im HipHop-Jahr 2006. Und gerade weil die Rapszene in Deutschland heute weniger von Hamburger Humor und mehr von Gangbang aus Berlin geprägt ist und der gute alte schwule Studentenrap neben dem neuen Sperma schleudernden Lumpenprekariat ein wenig verhuddelt wirkt, weiß man Dendemanns “Pfütze des Eisbergs” sehr zu schätzen. Dendemann wiederum freut sich heute schon auf ein weiteres Rap-Funk-Experiment – diesmal aus dem Hause 360° Records: Toni L wird im Januar 2007 sein Funkalbum “The Funkanimal Session” mit der Band Safarisounds veröffentlichen. Der Heidelberger Rappionier, der mit Advanced Chemistry über Jahre den Diskurs über HipHop in Deutschland bestimmt hat, ist nun selbst einer, der aus der Nische heraus Musik produziert. Und er zeigt, dass es immer noch genug Platz für überraschende Projekte gibt. Toni Ls “Funkanimal” jedenfalls – so viel sei abschließend verraten – ist in Sachen Rap der erste Lichtblick im neuen Jahr.