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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Ein Junge zum Ausrauben

Jack Peñate

Der 22-jährige Südlondoner hat mit "Matinée" eine beängstigend abgeklärte Popmusikplatte à la Style Council oder Prefab Sprout aufgenommen.
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Der 22-jährige Südlondoner hat mit "Matinée" eine beängstigend abgeklärte Popmusikplatte à la Style Council oder Prefab Sprout aufgenommen. Sowohl Indiekids als auch Oldschooler, die mit den Arctic Monkeys nichts mehr anfangen können, wird dieses Album gleichermaßen begeistern. Reife Leistung! Wie genau er das zustande gebracht hat, kann er aber scheinbar selbst am wenigsten erklären. Nicht mal Joachim Schaake.

"Ich wohne immer noch bei meiner Mutter. Es wird Zeit, dass ich dort jetzt mal ausziehe." So viel zum Thema Reife und Abgeklärtheit. Aber es ist ja nicht das erste Mal, dass man mit einem Erstlingswerk konfrontiert wird, das so geschickt und gleichzeitig verspielt mit Popgeschichte umgeht, schlau zitiert, ohne zu kopieren, dass man sich fragt: Wie kann ein Künstler, der gerade mal am Anfang seiner Karriere steht, schon so routiniert mit Musik hantieren? In gewisser Weise lassen sich hier Parallelen zu The Knack "Get The Knack", Supergrass "I Should Coco" oder Phoenix "United" ziehen. Denen brauchte man auch von Anfang an nichts mehr beizubringen. Obwohl es musikalisch gesehen bei Jack Peñate um etwas anderes geht: schmissigen 80s-Gitarrenpop und Blue-Eyed Soul, zusammengehalten durch eine vielseitige Stimme und cleveres, zeitloses Songwriting im 3-Minuten-Format.

"Ich habe nie bewusst versucht, etwas Bestimmtes zu erschaffen, ich hab's einfach gemacht. Ich weiß, was ich mag, das macht mir das Arbeiten an neuen Songs leicht", erklärt Jack Peñate seine Herangehensweise ans Musikmachen. Scheinbar intuitiv verarbeitet er verschiedenste musikalische Einflüsse, ohne dass sich diese gleich allzu offensichtlich in seinen Songs niederschlagen würden: 70er-Singer/Songwriter wie Randy Newman oder Jackson Browne, 60s-Soul und HipHop. "Meine Musik hat natürlich nicht das Geringste mit HipHop zu tun. Trotzdem benutze ich manchmal beim Singen einen Flow, der einem HipHop-Flow näher ist als einem Rock-Flow. Ich verstehe Musiker nicht, die nur einen bestimmten Musikstil hören, und glaube auch nicht, dass auf Dauer Kreatives dabei herauskommt. Man muss lernen, Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu sehen." Gelernt hat er das zum Beispiel von seinem jetzigen Labelkollegen Dizzee Rascal: "Wir sind beide in London aufgewachsen, aber in total verschiedenen Welten. Auf eine sehr kunstvolle Art und Weise hat er mir mit seinen Tracks verdeutlicht, warum Jungs wie ich auf der Straße mit dem Messer bedroht und ausgeraubt werden." Deshalb findet sich im Song "Run For Your Live" das Dizzee-Rascal-Zitat "Fix Up, Look Sharp".

Glücklicherweise hat Jack Peñate nun mit XL Recordings ein Label jenseits aller Genregrenzen gefunden, das in jeder Hinsicht gut zu ihm passt. "Wenn man bei einem Label unterschreibt, bekommt man normalerweise die CDs der anderen Künstler. Die von XL hatte ich leider schon alle. Ärgerlich! Ich war immer ein großer XL-Recordings-Fan: Badly Drawn Boy, Prodigy, Dizzee Rascal. Und ich habe mich bei den Leuten, die dort arbeiten, von Anfang an gut aufgehoben gefühlt."

Was Musikgeschmack und Hörgewohnheiten angeht, zeichnet sich Jack Peñate durch absolute Offenheit und Experimentierfreude aus. Trotzdem ist "Matinée" ein sehr schlüssiges Album geworden. Er weiß, was er will, verzettelt sich nicht, und die sehr klassischen Arrangements lenken nicht von Sänger und Song ab. So sticht beim Hören auch nicht wirklich heraus, dass er nach den nur drei Wochen dauernden Aufnahmesessions in London zwei Songs noch einmal in den USA neu eingespielt hat. "Torn On The Platform" wurde in L.A. von Tony Hoffer, der ansonsten sehr eng mit Beck zusammenarbeitet, produziert. Für "Learning Lines" ging es nach Philadelphia zu HipHop/Electro-Produzent und Labelmate RJD2. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, es musste noch etwas vom zur Verfügung stehenden Budget der Plattenfirma verbrannt werden, aber Jack Peñate wehrt ab: "Ich wollte einfach was ausprobieren. Ich war vorher nie im Studio, und wir hatten das ganze Album in sehr kurzer Zeit aufgenommen. Bei diesen zwei Songs war ich einfach noch nicht ganz zufrieden mit dem Resultat." Sichtlich genießt er das Privileg, jetzt endlich den Support zu bekommen, alles genau so machen zu können, wie er es für richtig hält. Das war sicher nicht der Fall, als er noch vor fünf bis zehn bestenfalls desinteressierten Zuschauern in Londoner Pubs spielte.Doch beginnen wir einmal ganz von vorne: Mit elf bekommt Jack Peñate seine erste Gitarre von Mama und Papa geschenkt, doch erst mit 17 traut er sich, seinen Freunden davon zu erzählen. Kurz darauf gründet er mit ihnen seine erste Band, mit 19 beschließt er dann, allein weiterzumachen. "Ich habe immer E-Gitarre gespielt, damit die Leute nicht denken, ich bin James Blunt. Definitiv nicht!" Es folgen zahllose kleine Gigs innerhalb Londons: Open Mics, 20-Minuten-Konzerte, oft vier Stück pro Woche. Für richtige UK-Touren fehlt immer das Geld.

"Innerhalb eines Jahres hatte ich mir einen Namen gemacht, nichts Großes, aber einen Namen", erinnert er sich. Venues und Fanbase werden Stück für Stück ein wenig größer, ab und zu spielt er als Support. Spätestens seit Anfang 2006 läuft es live richtig gut, doch die erste Single erscheint erst Ende des letzten Jahres. "Second, Minute Or Hour" wird vom kleinen Indielabel Young Turks veröffentlicht. In diesem Frühjahr bringt XL Recordings dann zwei weitere Singles heraus, die beide gut von BBC Radio One und MTV aufgenommen werden. Der große Durchbruch kommt Ende Juni, als die zweite XL-Single, "Torn On The Platform", in die Top 10 der UK-Charts einsteigt. Drei Tage zuvor hatte Jack Peñate vor 7000 Zuschauern auf dem Glastonbury Festival gespielt. "Glastonbury war der aufregendste Moment meines Lebens. Irgendwie war es aber einfacher als meine ersten Pub-Auftritte. Der Unterschied hier war, dass mich die Leute wirklich sehen wollten. Das Härteste am Anfangen ist, dass die Leute keine Lust auf einen Nobody haben. Ich habe ein Jahr lang vier Mal die Woche vor Leuten gespielt, die mich nicht sehen wollten, also musste ich sie zwingen, mir zuzuschauen."

Dass es dann plötzlich so schnell ging mit dem Erfolg, hat ihn doch sehr überrascht. Wahrscheinlich wäre er aber auch noch länger durch die Pubs getingelt, hätte es denn sein müssen. "Ich hab dran geglaubt, dass ich es schaffe, aber wahrscheinlich auch, weil ich jung und naiv genug bin, an so was zu glauben." Ab einem bestimmten Punkt gab es einfach kein Zurück mehr für ihn. Er schmiss das College, heuerte gelegentlich in der Baufirma seines Vaters an und konzentrierte sich ansonsten auf das Wesentliche: "Plan B ist der schlechteste Plan überhaupt", meint er. "Wenn du etwas im Hinterkopf hast, fokussierst du dich automatisch auch darauf. Wenn du etwas hast wie einen Abschluss, auf dem du aufbauen kannst, falls es mit der Musik nichts wird, dann wirst du auch darauf zurückgreifen. Wenn du nichts hast, musst du einfach weitermachen." Schön zu sehen, dass so ein simpler Plan auch einfach mal aufgehen kann. Und Jack Peñate dürfte zurzeit vollends zufrieden sein, denn er hat sein Ziel erreicht: "Alles, was ich wollte, war, wenn mich Leute fragen, sagen zu können: Ich bin Musiker."

Wir verlosen 3 x das Album 'Matinée'. Falls Ihr gewinnen wollt, schickt Ihr bitte eine E-Mail mit Eurer Adresse an verlosung@intro.de. Viel Glück!