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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Festival der Kölner Off-Location Baustelle Kalk e.V.

Istanbul, Kalk!

Letztes Wochenende fand in Istanbul das von der Kölner Off-Location Baustelle Kalk e.V. kuratierte Festival »Istanbul, Kalk« (dt. für »Steh auf Istanbul«) statt, das fünf Elektronikbands und -künstler aus dem Umfeld des Clubs an den Bosporus brachte. Mit an Board: Barnt, Christian S., Camp Inc., Colorist und Broda. Camp Inc.-Mitglied Sebastian Ingenhoff führte für intro Tourtagebuch.
Geschrieben am
Mittwoch, 20.02.2013 23.45 Uhr
Die Reisegruppe findet sich am Flughafen Köln Bonn ein. In knapp zwei Stunden geht es los. Größere Gerätschaften und Instrumente werden sorgsam eingecheckt. Unser Modularsynthesizer, eine Art unhandlicher brauner Holzkasten, sorgt für Irritationen.  »Is this music?«, fragt die freundliche Schalterdame. Mein Bandkollege Roland nickt höflich zurück. »OK, then this is Sperrgepäck.« Was das Sperrgepäck hingegen nicht hat, sind Rollen, weshalb wir das kantige Teil in den nächsten Tagen wie einen Schuhputzkasten quer durch Asien und Europa vor uns hertragen werden. Dann endlich eingecheckt. Am Supermarkt wird sich mit Proviant für die Wartezeit eingedeckt. Mehrere Gallonen Bier und Tüten fettigen Gebäcks scheinen uns eine sehr gute Grundlage für den Flug zu sein.

Donnerstag, 21.02.2013 01.55 Uhr
Versuche möglichst dezent in die Flugzeugtoilette zu kotzen. Muss schließlich nicht jeder mitkriegen. Sind ja nicht Rock’n’Roll.

Donnerstag, 21.02.2013 04.25 Uhr
Fast da. Aus dem Bullauge heraus kann man schon den Bosporus erkennen. Dann die einstündige Busfahrt vom Flughafen in die Innenstadt. Die beiden Erkus-Schwestern, Meryem und Fatma, Mitbetreiberinnen der Baustelle Kalk und neben der zwischen Istanbul und Köln pendelnden Nina Ludolphi auch Organisatorinnen des Festivals, sind trotz Schlafentzugs fidel wie kleine Kinder. Werden auf den malerischen Sonnenaufgang in unserem Rücken hingewiesen. Türkischkenntnisse werden auch überprüft  (»Du bist mein Hähnchen« heißt zum Beispiel »Sen benim taomsen«). Stimmung soweit gut, nur der Hinweis, dass wir frühestens in sechs Stunden im Hotel einchecken können, ist irgendwie ein Downer.

Donnerstag, 21.02.2013 10.30 Uhr
Wir sind im berühmten Grand Hotel de Londres stationiert, in dem Fatih Akin Teile von »Gegen die Wand« und »Crossing the bridge« gedreht hat. Campy Kronleuchter, allerlei Holzvertäfeltes, rotsamtene Sessel und sprechende Papageien begrüßen uns in der Lobby. Von der Dachterrasse aus soll man einen herrlichen Blick über die Stadt haben. Wir blicken erst mal auf die Matratze.

Donnerstag, 21.02.2013 17.56 Uhr
Erste Erkundungstour durch das ehemalige Rotlichtviertel Beyoglu. In einem Theaterrequisitengeschäft findet man alles, was das Bühnenherz begehrt. Sogar eine abgewetzte Lederjacke mit Aufnähern der Anarchistischen Pogo Partei Deutschlands. Dann werden Meryem und ich für ein türkisches Magazin interviewt. Mit leuchtenden Augen erläutert sie ihre Vision, die Baustelle Kalk, jene ehemalige Werkstatt und heutige rechtsrheinische Subkulturinsel, für ein Wochenende in ihrer zweiten Heimatstadt Istanbul auferstehen zu lassen.

Donnerstag, 21.02.2013 21.29 Uhr
In Istanbul gibt es nichts, was es nicht gibt. Sogar Kneipen, in denen das Euro League-Spiel Lazio Rom gegen Borussia Mönchengladbach übertragen wird. Die Fohlen werden leider aus dem Wettbewerb gekegelt. Bin offenbar der einzige Gladbach-Fan in der Reisegruppe. Spott von Seiten der Kölner bleibt natürlich nicht aus. Die werden sich in ihrem Paralleluniversum morgen über einen glamourösen Sieg gegen Union Brandenburg freuen dürfen. Fenerbahce Istanbul ist dagegen weiter, was aber nicht weiter auffällt. In der Gegend hält man eher zu Besiktas oder Galatasaray. 

Freitag, 22.02.2013 10.04 Uhr
Gewürzmarkt, Galata Brücke, Schiffsfahrt, Bosporus, Katzen, Fischbrötchen und Tee. Letzteren trinkt man immer und überall. Kostet auch nur ein paar Cent.

Freitag, 22.02.2013 15.19 Uhr
Heiße Maronen hatte ich vergessen. Gibt es ebenfalls an jeder Straßenecke. Überhaupt ist Istanbul ein bisschen wie Weihnachtsmarkt, nur mit mehr Leuten. Es wird viel gehupt. Wie sagen die Einheimischen? »Some call it chaos, we call it home«.

Freitag, 22.02.2013 22.36 Uhr
Antonio, Fridolin und Coxi von Colorist sind vor ihrem Konzert in der charmant runtergekommenen Off-Location Klüb Külah kaum ansprechbar. Immer diese Aufregung. Der lokale Produzent und Labelbetreiber Mutlu San läutet die Nacht mit einer Mischung aus Live- und DJ-Set ein.

Freitag, 22.02.2013 23.48 Uhr
Die psychedelischen Klangteppiche, die Colorist aus elektrisch verstärkter Ukulele, Synthesizern und Drums knüpfen, zaubern, improvisieren, schweben langsam durch den Raum. Die Musik der Band mit Adjektiven wie »ätherisch«, »entrückt« oder »sphärisch« zu beschreiben, scheint nahe zu liegen. Doch adäquat in Worte fassen kann man sie nicht. Ladies and gentlemen, we are floating in space. 

Samstag, 23.02.2013 14.37 Uhr
Spaziergang durch den islamisch geprägten Stadtteil Eyüp mit der berühmten Sultan Moschee. Hier fand früher die traditionelle Schwertumgürtung neuer Sultane statt. Direkt nebenan: das alte jüdische Viertel Balat mit seiner pastellfarbenen pittoresken Architektur.

Samstag, 23.02.2013 19.54 Uhr
Gleich neben dem Wake Up Call gibt es ein vegetarisches Restaurant mit den angeblich besten Burgern vom Bosporus. Der mit Kichererbsen und Champignons gefüllte schneidet Gruppenintern am besten ab. Der gemütliche Technoclub Wake Up Call ist mitten in Taksim gelegen, dem zentralen Viertel der Stadt, und bucht regelmäßig europäische Künstler wie Steffi, Matias Aguayo oder Tama Sumo. Hier findet heute der zweite Teil des Festivals statt. Barnt, Broda und Christian S. legen auf, wir spielen ein Liveset mit analogem Equipment. Gleich Aufbau und Soundcheck.

Samstag, 23.02.2013 23.04 Uhr
Broda spielt seine erste Platte. Entspannt, smart, hübsch wie immer. Also Musik und DJ. Obwohl erst seit zwei Jahren an den Turntables, hat er sich in Rekordzeit zu einem der sensibelsten Plattenunterhaltern der Domstadt gemausert. Demnächst hoffentlich die erste Eigenveröffentlichung.

Sonntag, 24.02.2013 0.36 Uhr
Gleich müssen wir anfangen. Dreiviertelnervenzusammenbruch. Hysterie wird von Sexisten ja oft als spezifisch weibliche Störung bezeichnet. Bin wie immer der lebendste Beweis, dass auch umgekehrt ein Schuh draus wird. Die Reisegruppe versucht zu beruhigen, nimmt mich in ihre starken Arme. Roland dagegen relaxt wie eh und je.

Sonntag, 24.02.2013 1.04 Uhr
Roland dreht am Modularsynthie, ich hacke auf der Drummachine rum. Beats scheppern, Bassline zwitschert. Stimmung euphorisch, Aufregung wie weggeblasen. Wie sagte ein Freund über Handclap-basierte Musik? Wird schon clappen.

Sonntag, 24.02.2013 1.45 Uhr
Christian S. übernimmt. Schon seine letzten Veröffentlichungen auf Matias Aguayos Label Cómeme haben gezeigt, dass er nicht nur ein großartiger DJ ist, sondern auch als Produzent eine gute Figur abgibt. Leitet elegant von Acid auf Disco über, nur um nach einer guten Stunde den Weg zurück zu finden und den Ball auf den Elfmeterpunkt zu legen.

Sonntag, 24.02.2013 3.52 Uhr
Für Barnt. Zusammen mit Ada, Jörg Burger, Popnoname, Von Spars Philipp Janzen, John Harten und The Field bildet er die Allstarband Cologne Tape. Dass der Kölner auch mit seinen Eigenproduktionen für einen ganz speziellen Clubsound irgendwo zwischen kosmischem Wahnsinn, druckvollem Groove und funkigem Techno steht, dürfte sich rumgesprochen haben. Am Ende spielt er sogar den letztjährigen Überhit »Geffen«, der es als einer der wenigen Clubtracks in die Top Ten der intro-Jahrescharts geschafft hat. Stimmung ist ekstatisch, auf der Tanzfläche wird viel geküsst.  

Sonntag, 24.02.2013 8.38 Uhr
Curfew. Wir beschließen die Nacht mit Bier, Whiskey und Rührei auf der Dachterrasse des Hotels. Sagte ich Bier und Whiskey? Ich meinte Biergläser gefüllt mit Whiskey. Die scheinen uns eine sehr gute Grundlage fürs Frühstück zu sein. Wahnsinniger Panoramablick über den europäischen Teil der Metropole.

Sonntag, 24.02.2013 15.00 Uhr
Aufwachen. Auschecken. Aua. Am Arsch.

Montag, 25.02.2013 1.28 Uhr
Wieder zurück in Köln. Zerschossen, aber glücklich. Group Hug und Dank an die Organisatorinnen. Wunderschön war es!

Mehr Eindrücke findet ihr in der zugehörigen Fotogalerie.