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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Gift für die Gemeinschaft

Isolation Berlin im Gespräch

»Der Wahnsinn krabbelt mir den Rücken hoch und beißt sich im Gehirnlappen fest.« Willkommen in der Welt von Isolation Berlin! Auf »Vergifte dich« lädt die Band wieder zum gemeinsamen Leiden und Verdrängen ein. Der Albumtitel impliziert vor allem Letzteres. Nicht von ungefähr steht auf dem Wohnzimmertisch eine Armada halb geleerter Schnapsflaschen, als unser Autor Mathis Raabe in einer Berliner WG mit den Jungs in den emotionalen Tiefstand abtaucht.
Geschrieben am
Dass beide bisherigen Alben von Isolation Berlin im Februar erschienen, sei laut Sänger, Gitarrist, Dichter und Songwriter Tobias Bamborschke reiner Zufall. Dabei scheint die sonnenarme Tristesse des Berliner Winters gut zur gepeinigten Stimmung seiner Texte zu passen. »Wenn ich eins liebe, dann ist das der Regen«, haucht er auf »Wenn ich eins hasse, dann ist das mein Leben«. Eine dunkle Wetterfront fegt aber nicht nur durch Berlin, sondern auch durch die deutschsprachige Pop-Landschaft, seit Bands wie Der Ringer, Messer, Die Nerven oder Die Heiterkeit die Post-Party-Depression zum Politikum erheben. Allen voran: Isolation Berlin.  

Doch das Post-Punk-Revival ist schon eine Weile verebbt, und auch mit »jung und wütend«-Klischees lässt sich die Band nicht greifen. Dass sie mehr sind als ein Joy-Division-Abziehbild, vermittelt schon der Name. Ein eingedeutschtes Cover von »Isolation« aus Ian Curtis’ posthumem Meilenstein »Closer« war eines der ersten Lebenszeichen der Band, gleichzeitig ist die Traurigkeit aber nicht nur musikalische Referenz, sondern ein präzises Lebensgefühl bei der ersten Katerkippe. Ein Gefühl, das man nicht nur in Berlin, sondern auch in Stuttgart versteht. Als Teil einer Szene sehen sich Isolation Berlin aber nicht, wie Schlagzeuger Simeon erklärt: »Das gibt es nicht mehr, dass man sich mit seinen Revoluzzer-Freunden in der Kneipe trifft, und der eine hat eine Punk-Band, und dann ist das eine Szene. Die Leute jagen einem Ideal hinterher, das seit 20 Jahren nicht mehr existiert.« Vielleicht, seitdem das letzte greifbare Verständnis von Indierock – diese Sonnenbrillen, Hüte und Krawatten tragende männliche Coolness – Anfang der 2000er gestorben ist. Seitdem ist Gitarren-Musik weniger kommerziell erfolgreich, aber es ist Raum entstanden für ganz unterschiedliche Identitäten.

Im Zuge der großen Freude über den Seelen-Striptease auf dem Debütalbum wurden Tobias’ Texte mitunter missverstanden oder für einen Diskurs über Depressionen in der Popmusik instrumentalisiert. »Viele haben das für offene Tagebuch-Einträge gehalten. Ich schreibe auch Songs, die wichtig für mich sind und die ich in meinem Zustand gerade brauche. Ich möchte aber keine Antworten geben, sondern es ist immer eine Figur, die einer bestimmten Person etwas erzählt.« Auch die Arbeitsweise beinhaltet keinen Hölderlin’schen Turm: »Ich habe mich nicht in mein Kämmerlein eingeschlossen und versucht, möglichst traurig zu sein, sondern mir die Welt angeschaut und mit Leuten gesprochen. Und dann sind mir Sachen eingefallen, und die habe ich aufgeschrieben.«
Im Tracklisting scheinen die Geschichten dieser Menschen aufeinander zu antworten und ergeben eine vielseitige Auseinandersetzung mit Weltschmerzen. Ist das lyrische Ich auf »Serotonin« noch hilflos ob des alltäglichen Trotts, der nur um den Pfandflaschenautomat und die Parkbank kreist, so regt im Anschluss »Vergifte dich« schon zur Verdrängung an. Melancholie stiftet Gemeinschaft. »Ein gemeinsamer Rausch bewirkt immer auch eine Öffnung«, erklärt Tobias. »Auch dieser Text ist eher beobachtend. Ich habe in Berlin viele Menschen kennengelernt, die sich permanent wegballern. Ich interessiere mich für bestimmte Momente und Gefühle und versuche, die mit meinen Texten einzufangen, ohne wirklich zu werten.« Der Selbstzerstörung kann etwas Schönes innewohnen, wenn man nach dem zehnten Bier die Hüllen fallen lässt und es zu menscheln beginnt. Giftige Arten wachsen oft am besten im Geflecht. »So haben wir uns wahrscheinlich alle kennengelernt«, vermutet Gitarrist Max und erntet Gelächter. »Es kann helfen, zusammenzukommen. Es ist aber natürlich traurig, wenn das das einzig Verbindende ist.«

Der Titeltrack »Vergifte dich« ist einer der ersten Songs, die Isolation Berlin zusammen geschrieben haben. »Oft muss man lange warten, bis es ›klick‹ macht und sich ein Song vervollständigt«, erzählt Tobias. »Manche Sätze liegen bei mir bis zu sieben Jahre rum.« Nach diesem Prinzip entstehen dann mal Songs, die lyrisch sehr dicht sind, fast nach Chanson klingen, und solche, die zentrale Zeilen manisch wiederholen. »Ich bin nicht schlecht / Das Fleisch ist schwach«, zetert Tobias wieder und wieder auf »Melchiors Traum«, als würde er sich mit den Sätzen geißeln. Die Inspiration stammt aus Frank Wedekinds Drama »Frühlings Erwachen«. Auch dafür, wie Tobias Bamborschke Geschichten verarbeitet, die nicht seine eigenen sind, ist der Song also ein Paradebeispiel, obwohl der Sänger zugibt, dass es ein großer Schritt gewesen sei, sich so weit zurückzunehmen.

Die Gemeinschaft schaffenden Momente und die Lust am Rausch waren auf dem Debütalbum »Und aus den Wolken tropft die Zeit« noch besser versteckt. Das könnte damit zu tun haben, dass Tobias’ Schreibprozess damals von einer Trennung geprägt war. Er fasst zusammen: »Der Mensch kann nicht ohne Liebe leben, und in der Liebe geht es immer auf und ab, so wie im Leben. Den Rausch braucht man auch, ob es nun das Bier ist oder Bergsteigen. Rausch und Liebe sind für jeden Menschen wichtige Dinge.« Damit sind die zwei großen Gifte, die die Musik von Isolation Berlin prägen, benannt. Welches davon gefährlicher ist, ist schwer zu beantworten. Höhe- wie Tiefpunkte, die beschriebene Berg- und Talfahrt des Lebens, versprechen sie beide.

Isolation Berlin

Vergifte dich

Release: 23.02.2018

℗ 2018 Staatsakt.