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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Etwas ist anders

Isolation Berlin

An grandiosen jungen Gitarrenboys aus Hamburg, Münster und sogar Stuttgart gab es zuletzt keinen Mangel. Nun kommt der offizielle Beitrag der Hauptstadt zum Post-Post-Punk-Boom: Isolation Berlin – ein Name, der nach Klischee klingt, hinter dem jedoch eine der aufregendsten neuen Bands steckt. Joachim Hentschel hat sich auf ihre Spur begeben.
Geschrieben am
Um Himmels willen, bitte nicht. Bitte nicht schon wieder – Berlin. Berlin, die ewige, endlose, nervtötende Sinfonie der Großstadt. Der Nebelduft im Berghain. Die schärfste Currywurst östlich von Osnabrück. Das Nachtglühen am Wasser, Bar 25, Kater Dingsbums, Mieterhöhung. Mit Hund und Skateboard über die größte unbebaute Fläche aller Zeiten und, kürzlich und kurzfristig auch noch: die beste Kanzlerin der Welt. Berlin, arm, aber sexy. Aber auch unsexy. Dafür dann wieder reich. In den Neunzigern, nach dem Mauerfall, hatte sich die Stadt ja tatsächlich mit dissidenten, springenden Punkten gefüllt, taugte zur Glorifikation. Seit 2010 wohnt nun auch der Suhrkamp-Verlag in Prenzlauer Berg, drehen hier Tom Hanks und die »Homeland«-Crew ihr Zeug, hat sogar Jochen Distelmeyer mehr über Stelenfeld und Schnitzelkneipen geschrieben, als uns allen lieb sein kann.  Berlin ist im Jahr 2016 ein einziges Totschlagargument. Ein weithin leuchtendes Symbol für gar nichts mehr. Dass sich – sobald man auch nur eine Fußspitze raus ins Brandenburgische setzt – keine Sau mehr dafür interessiert, wovon die Figuren im Film »Victoria« eigentlich reden, wer Ronja von Rönne ist und ob die Gruppe Me And My Drummer auf irgendeinem Dach auftritt, das untermauert die These ja bloß noch. Und dann kommt tatsächlich eine neue Band, die alle, alle gut finden, mit Mützen und Gitarren, und nennt sich – Isolation Berlin. Warum nur? Warum muss das sein? 

»Wenn ich anderswo aufgewachsen wäre, würden wir halt Frustration Magdeburg heißen«, sagt Tobias Bamborschke, 27, Sänger und Songwriter von Isolation Berlin. »Oder: Glückseligkeit Heilbronn. Oder: Frohsinn Frankfurt.«


Nett gemeint, stimmt aber sicher nicht ganz. Konklusion F oder Metallfleisch oder Sex In Der Wüste hätte sich die Band dann wohl genannt. Doch als erster Anhaltspunkt ist die Aussage brauchbar. Nein, es geht bei Isolation Berlin natürlich nicht um die Stadt. Ein bisschen vielleicht, aber anders, als ihr denkt. Dazu später. Abgesehen davon ist Isolation Berlin nämlich im Frühjahr 2016 eine dieser Pop-Epiphanien, die exakt ins Hauptstadtschema passen. Trotz leidlich schnellem Internet gibt es in Hamburg, München und Mönchengladbach genug Leute, die noch nie von der Gruppe gehört haben – während in der Stadt Berlin jeder Zweite, der ab und zu im erweiterten Indierock- und Musikbierkneipen-Kosmos herumsteht, Isolation Berlin nicht nur kennt, sondern derzeit für das größte Ding überhaupt hält. Der Resonanzraum ist da, und zur Abwechslung hat es nichts damit zu tun, dass jeder Hörer einem dieser vier Typen noch eine Runde Mampe-Likör schulden würde (denn Partylöwen von Friedrichshainer Zuschnitt sind sie nicht). 
Etwas ist anders mit Isolation Berlin, etwas ist besonders. Mit diesen Bübchen Mitte bis Ende 20, in Mod-Pullis und mit Nouvelle-Vague-Kappen, die Gitarre und Bass ja auch nicht so viel anders halten als Messer, Trümmer, Die Nerven und wie die neuen guten Gruppen alle heißen. Wer Isolation Berlin hört, absichtlich oder im Vorübergehen, ist erst mal stumm, macht sich die Hände frei. Es ist Musik, die wie ein Finger aus dem Gewirr direkt auf einen zeigt. Die einen anlabert, einem in die Augen glotzt wie ein schöner, hohlwangiger Fremder, der riecht, als käme er von draußen. 

Wenn Isolation-Mann Tobias Bamborschke singt, klingt das, als hätte er einen kleinen Verstärker im Kehlkopf, der seine Stimme erst einmal quer durch die Zeit und wieder zurück schickt. Dabei Spuren sammelt und gleich wieder verwischt, farbig, schwarz-weiß, Twistkeller, Zeltbühne, Zerstörung, Transzendenz. Popper-Schnösel, Working Class, Jüngling, alter gequälter Geist. Dass manche Leute seine Band mit der Rock- und Widerstands-Legende Ton Steine Scherben vergleichen, liegt daran, dass man eine derart umwerfende Kernfusion aus sentimentaler Aggression und aggressiver Sentimentalität seit Rio Reisers Tod nicht mehr gehört hat. Nicht nur nicht in Berlin.

Eine Handvoll Stücke gab es bisher, die das Nötigste klarstellten. »Isolation Berlin«, der Song zur Band, eine blutrote U-Bahnfahrt von leichtem Walzer bis zur Endstation im Lärm. Das in die Sonne gebrüllte Love-Fantasma »Annabelle«. »Alles grau«, das honigbittere, von einer Ska-Orgel durchkreiste Nachtlied mit dem großen, paradox versöhnlich klingenden Offenbarungseid: »Ich hab endlich keine Träume mehr!« Die Stimmungen schwanken bedenklich, manche hören New-Wave-Pop, die rauen Sixties, den Punk der späten Stunde, nichts davon erfasst die Musik. Jetzt erscheinen das Debütalbum »Und aus den Wolken tropft die Zeit« und zusätzlich die Compilation »Berliner Schule / Protopop« mit älteren Songs. Dann werden endlich alle dabei sein, auch die, die prinzipiell und nachvollziehbarerweise aus der Ferne alles hassen, was derzeit aus Berlin kommt. In »Der Bus der stillen Hoffnung« singt Tobias Bamborschke, angelehnt an das berühmte Interviewzitat des Filmemachers Rainer Werner Fassbinder: »Schlafen kann ich auch noch, wenn ich tot bin. Bis dahin ist noch jede Menge Zeit.«

Ganz in Dunkel

Man muss nach Prenzlauer Berg, ausgerechnet in den Berliner Sprengel, der als Ökohölle voller Kaffeegenießer, kinderreicher »Tatort«-Schauspieler und Tai-Chi-Bedarfsläden gilt, um Isolation Berlin zu treffen. In den schäbigeren, noch kaum sanierten Teil allerdings, westlich der Schönhauser Allee. Das WG-Klingelschild sieht aus wie eine vom ganzen Office unterschriebene Glückwunschkarte. Keiner hier geht zur Uni, doch alle studentischen Insignien sind da: das Bügelbrett in der Küche, die armen kleinen Topfpflanzen, die Stolperfallen aus Wasser- und Staropramen-Flaschen. An die Wand im Gang hat Gitarrist Max Bauer – er wohnt nicht mehr hier – mit schwarzem Edding Porträts aller WG-Mitglieder geschmiert, mit passenden Attributwörtern. Yannick Riemer (siehe Kasten), Künstler, Hausgrafiker der Band, ist »Dick«, weil er damals dick war. Sänger Bamborschke ist »Depressiv«.

Die Band: ganz in Dunkel. Mindestens einer wurschtelt immer in der Tüte mit den Zigarettenfiltern, sie sind leise, sehen blass und sehr gut aus. Gitarrist Bauer, 24, war kürzlich im japanischen Style-Magazin Popeye zu sehen, als neue Berliner Ikone. Dabei sei die Stadt für Musiker ein so undankbares Schlachtfeld, sagt Schlagzeuger Simeon Cöster, 25, der in einem Kurort bei Kassel aufwuchs und mit 20 extra nach Berlin zog, weil er anderswo keine Band gründen konnte:

Alle spielen für umme in irgendwelchen Bars, bis das Ordnungsamt kommt und die Subwoofer abbaut. Und hinterher erzählen sie sich gegenseitig, wie geil sie sind.
Wenn die Schöpfungsgeschichte von Isolation Berlin überhaupt von etwas handelt, dann von der immensen Schwierigkeit, in dieser Wahnsinnsstadt die Menschen zu finden, die für irgendwas die richtigen sind. Bamborschke (in Köln geboren) und Bauer (zugezogener Hesse) sind lange zu zweit, treten ab Ende 2012 mit wechselnden Schlagzeugern auf. Stellen Songs auf YouTube, teilweise mit Smartphones mitgeschnitten. Schlagzeuger Cöster und Bassist David Specht (Vorname englisch ausgesprochen, 27, Niedersachse, 2006 hergezogen) spielen hier und da, zweifeln, hassen. Treffen in der Band Schlechte Liebhaber aufeinander, auch Max Bauer ist dabei, er wirbt sie ab. Das erste Konzert zu viert spielen Isolation Berlin im September 2013, im Zentrum für Kunst und Urbanistik in Moabit. Als sie im März 2015 zum Release der zweiten EP im Ballhaus in der Chausseestraße auftreten, ist die Bude bereits voll. »Die Leute sangen lauter als die Monitore«, sagt Bamborschke über den Abend. »Wir waren völlig überfordert.«

Für oder gegen das Leben

Alles wunderbar, aber wenn es eine Geschichte gibt, die wirklich erklärt, warum diese seltsame, besondere Band so geworden ist, wie sie ist – dann ist es die ihres Sängers: Tobias Bamborschke kommt mit 13 aus Köln nach Berlin, zurück in die Stadt, aus der seine Familie stammt. Sein Vater ist Arzt. Tobias fährt Skateboard, hört Nina Hagen und Daniel Johnston, schreibt Songs, die »Skate Pirate« oder »Ratte« heißen. Mit 20 wird er an der Schauspielschule des Europäischen Theaterinstituts angenommen. Als er merkt, dass die Ausbildung das Letzte ist, was gut für ihn wäre, steckt er schon mitten im Strudel. »Mit den Jahren hatte ich immer mehr den Glauben verloren, an alles«, sagt Bamborschke. »Es kam der Punkt, an dem ich mich entscheiden musste: für oder gegen das Leben.« Er meint das genau so. Und entscheidet sich für das Leben, in vorletzter Minute. Dann – 22 ist er da – zerbricht das Einzige, das er noch für belastbar und glaubwürdig gehalten hatte: die Beziehung zu seiner langjährigen Freundin. Er zieht sich weiter zurück. Meldet sich auch bei Freunden nicht mehr. »Ich trennte mich von allem«, sagt er. »Lief durch die Straßen und hatte irgendwann die zwei Worte für meinen Zustand im Kopf. Isolation Berlin.«

Das Schwierige am Thema Depression ist ja, dass sich heute alle dafür zuständig fühlen. Und dass selbst die, die langsam kapieren, dass es hier um eine todernste Krankheit geht, den Befund immer noch für eine Art Lifestyle-Ding halten. Sogar die Blogs von Betroffenen verniedlichen oft den Umstand, dass der Depressive in den wirklich klammen Stunden gewöhnlich kein großer Erzähler ist, kein Selbstanalyst. Keiner, der seiner Situation irgendeine Stimme verleihen könnte. Schon gar kein Lieferant schwarzwurzeliger Introspektionslyrik, die große Teile des Publikums typisch depressiv finden.

Dagegen ist – zum Beispiel – »Aufstehn, Losfahrn« vom Isolation-Berlin-Album einer der erstaunlichsten, schönsten, unerbittlichsten und sowieso sehr wenigen Popsongs über das Thema Depression, die man je gehört hat. Die Musik orgelt und twistet antriebsstark, dazu beschreibt der Sänger diametral den wirren Alltag des Kranken: Heulen in der U-Bahn, ohne Grund, Melancholie und Natur, die fremden Leute, Alkohol. Eine Zerstreuungsreise durch die Stadt, lächerliche Dinge, die einen völlig aus der Fassung bringen können. »Psycho-Dok, Theaterkneipe, ausgetrunken, wieder pleite.« Auf bizarre Art fröhlich. Gefrorene, kalte Fröhlichkeit. 

Bamborschke sagt, am Ende habe die klaffende, zähneklappernde Krise seines Lebens das ganze bisherige Werk von Isolation Berlin inspiriert, dieser Band, die tatsächlich nach dem Symptom ihres Sängers benannt ist. Inwieweit Songs wie »Verschließe dein Herz«, »Wahn« oder »Prinzessin Borderline« von ihm selbst handeln, kann natürlich niemand sagen. Erstens ist es unwichtig, zweitens Dichtung. Widersprüchlich, getrieben von der Unberechenbarkeit des verletzten Sentiments, allen kippenden Launen ausgesetzt. Politisch, auch wenn man das immer gern mitnimmt, nur in sehr beschränktem Maße. Und die Stadt Berlin, über die sie scheinbar singen, das ist natürlich die Stadt da drinnen. Ein dunkles Spiegelbild, das seine eigenen Google Maps hat. »Alles scheint unerträglich und ist am Ende doch scheißegal«, ein letzter Schluss, den Bamborschke in »Aufstehn, Losfahrn« zieht. Den Satz muss man erst mal schlucken. 
Gerade weil Isolation Berlin im Kern eine so wohlklingende, frei schwingende Band sind: Ihre Musik ist unglaublich unsicheres Terrain. Sie hat nichts, rein gar nichts mit dem zu tun, wie die alten Knallerthemen Traurigkeit, Vereinsamung, Identitäts-Zerzausung gewöhnlich verhandelt werden, in den broschierten Büchern junger Autoren, im Pop der saturierten Null-Linie. Es macht die Magie aus. Es zieht uns an.

Natürlich fragt man Tobias Bamborschke nicht einfach wie den lieben Onkel, ob es ihm denn mittlerweile besser gehe. Isolation Berlin werden nun jedenfalls auf Tour gehen, ihre zwei Platten produktpräsentieren, werden endlich ein bisschen Geld verdienen, den Applaus der anderen Städte hören. Was allen sicher guttun wird. Aber dass man sich die Dinge, um die es hier geht, nicht einfach von der Seele schreibt, sodass sie nachher weg sind, obwohl die Tagebuchliteratur den Mythos gern stützt – auch das ist klar. 


Es muss in der Stadt so etwas wie einen Engel aus Stein gegeben haben, der die Flügel über den kleinen Flaneur gebreitet hatte. Dafür haben wir jetzt die Musik. Und die Isolation, sie ist noch da. 

Aus dem Heft #239: Cover Artist und Isolation Berlin-Freund Yannick Riemer im Gespräch

Isolation Berlin

Und aus den Wolken tropft die Zeit

Release: 19.02.2016

℗ 2016 Staatsakt.

Isolation Berlin »Und aus den Wolken tropft die Zeit« & »Berliner Schule / Protopop« (Beide Staatsakt / Universal / VÖ 19.02.16)

Intro empfiehlt die Tour vom 19.02. bis 25.06.