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Persönlich verbunden

Isan & Piano Magic

Wie anfangen, fragte ich mich lange im Zusammenhang mit diesem Artikel. Da sind zwei Bands, die, jede für sich genommen, eigentlich nicht viele Gemeinsamkeiten aufweisen. Die Rede ist von Piano Magic und Isan. Piano Magic kommen aus England, sind seit neuestem bei 4AD unter Vertrag und pflegen ei
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Wie anfangen, fragte ich mich lange im Zusammenhang mit diesem Artikel. Da sind zwei Bands, die, jede für sich genommen, eigentlich nicht viele Gemeinsamkeiten aufweisen. Die Rede ist von Piano Magic und Isan.

Piano Magic kommen aus England, sind seit neuestem bei 4AD unter Vertrag und pflegen ein Bandkonzept, das an Kunstbewegungen oder -gruppierungen insbesondere in den USA erinnert. Jene, in denen sich diverse Kunstproduzenten aus allen Bereichen zusammengeschlossen haben, um sowohl jeder für sich, als auch wechselnd gemeinsam ihre Ideen oder Projekte auf einer verwandten gedanklichen Basis zu verwirklichen. Das erinnert durchaus an Andy Warhol's Factory, aber auch an das musikalische und politische Agieren der "Hippielegende" Grateful Dead.

ISAN haben ihre Homebase ebenfalls in England, in London, um genau zu sein, und setzen sich fest aus zwei Mitgliedern zusammen. Ihr Vorgehen ist als klassisch zu bezeichnen, und auf das Konzept Band ausgerichtet. Mit allem, was dazugehört. Und auch im Hinblick auf das Ergebnis ihrer künstlerischen Produktivität lassen sich genügend Unterschiede markieren: Während Piano Magic's Musik eine sehr variantenreiche, unregelmäßige, nicht klar zu definierende Mischung aus Indie-Pop-Rock-Elektronik ist, könnte man die von ISAN als Indie-Elektronik bezeichnen.

Rechtfertigungszwänge und eine Geschichte

Der theoretische Überbau für eine Verknüpfung, also entweder der Nachweis gemeinsamer musikalischer oder konzeptioneller Nenner oder aber andere, nicht selten personenbezogene oder zeit- und gesellschaftspolitische Anknüpfungspunkte, das alles ist im Falle von Piano Magic und ISAN wie dargelegt nicht gegeben. Dafür aber der simpelste und zweifelsohne häufigste Grund, warum Dinge zueinanderfinden: Eine persönliche Geschichte, die einen mit der Musik verbindet und im Verlauf derer man für sich ähnliche Intentionen und Motivationen entdeckt hat, warum man die eine oder die andere Musik so liebt. Hier ist meine Geschichte zu ISAN und Piano Magic:

Es ist inzwischen schon ein Weilchen her, als ich extrem unmotiviert und gleichermaßen frustriert von allem, was sich mir an musikalischem Output bot, in einen Kölner Plattenladen gegangen bin, auf der Suche nach (vornehmlich elektronischer) Musik, die mich in irgendeiner Form derart begeistert, dass ich sie zuhause allein gerne hören wollte. Als Nicht-DJ ist das ein häufig wiederkehrendes Dilemma, vor allem dann, wenn man zwar Elektronische Musik bevorzugt, aber keinen allzu großen Hang zu avantgardistischen Soundexperimenten hat. Und wenn die eigene musikalische Sozialisation einen von Indie-Rock über Pop in jedweder Form bis hin zu House oder Techno führte und man deswegen selbst innerhalb komplett anderer musikalischer Grundstrukturen immer noch nach so etwas wie Songs oder klassischen Harmonien und Melodien sucht.

In einem Moment der Ratlosigkeit griff ich jedenfalls seinerzeit in das Singlefach und zog zwei Platten heraus - weil mir ihre Cover gefielen. Die eine war Piano Magics "A Trick of the Sea" und die andere ISAN's "Damil 85" (Wurlitzer Jukebox). Fortan waren beide ständige, geliebte Begleiter. Aber anders als bei all den Plattenkäufen davor unterlag ich diesmal keinem persönlichen Kontextualisierungszwang. Ich wollte nur die Musik allein, als ob der Verlust meiner Naivität die Begeisterung für die Musik zerstören könnte. Erst im Zusammenhang mit der Arbeit an diesem Artikel begann meine inhaltliche Auseinandersetzung mit diesen beiden Bandkonzepten und ich habe sehr bewusst unterschiedliche Wege für diese gewählt.

Part 1 - Piano Magic

Piano Magic blicken auf eine lange und bewegte Historie zurück. Mitte der Neunziger wurde das Projekt ins Leben gerufen, damals in der ursprünglichen Besetzung mit Glen Johnson, Dominic Chennell und Dick Rance. Idee war und ist es immer noch - unter dem festgelegten Namen, der inzwischen neben Glen Johnson die einzige Konstante bildet -, eine Art offenes Bandkonzept zu realisieren, welches davon lebt und dessen musikalische Entwicklung in der Folge auch davon bestimmt sein sollte, dass Künstler mit verschiedenem Selbstverständnis in stetem und auch wiederkehrendem Wechsel ihren persönlichen Beitrag leisten. So ist es zu erklären, dass die Musik von Piano Magic einem dauernden Wandel unterliegt, die unterschiedlichsten stilistischen Elemente Einzug halten. Neben diversen anderen Releases in den vergangenen Jahren (unter anderem beim Indie-Label Darla), schrieben sie im vergangenen Jahr den Soundtrack zu Bigas Lunas' Film "Piano Magic" (4AD). Bei dem aktuellen Album, welches genaugenommen ihr erstes "richtiges" ist, wirkten neben Glen Johnson diesmal Alasdair Steer und Jerome Tchemeyan mit. Johnson selbst bezeichnet die Musik auf "Writers Without Homes" (4AD) übrigens als einen "nostalgischen Soundtrack für einen Schreibmaschinen-Friedhof im Jahre 1989."

Piano Magic ist ja keine typische Band, da die Musiker in den letzten Jahren immer wieder wechselten. Wie würdest du die Bandstruktur definieren?

Glen: Menschen kommen vorbei, als wenn sie bloß einen Besuch zum Tee abstatten würden. Und es passiert, dass sie dann ein Gitarrenriff vergessen oder eine Gesangs-Passage. Wir haben eine Art ständiges "Door Membership" - Menschen kommen und gehen wie und wann sie wollen und so ist die Hauptstruktur im Moment: Alasdair Steer, Jerome Tcherneyan und ich. Wir sind das Zentrum des Merry-Go-Rounds - die einzigen Komponenten, die fix sind.

Würdest du sagen, dass das den speziellen Charakter von Piano Magic und eurer Art mit Musik umzugehen ausmacht?

Glen: Nein, Gäste ständig mit einzubeziehen, ist inzwischen fast schon zu einer kommerzielle Kunstform avanciert. Man ist immer wieder erstaunt, wie berühmt die Gäste auf dem eigenen Album sein können. Ich denke, das wird in den nächsten Jahren immer mehr und mehr zur Norm werden - Künstler mit mittelmäßigem Talent, die wahre Könner dazu benutzen, ihren mittelmäßigen Platten etwas Glanz zu verleihen. Was uns hier lediglich unterscheidet ist, dass wir diesen Glanz, also ihre Berühmtheit eben genau nicht ausnutzen. Wir benutzen nur Leute, die wir für ihre eigenen individuellen Talente lieben. Und, wenn sie dann zu den Sessions noch Biskuits mitbringen - umso besser.

Und wie würdest du die Entwicklung von Piano Magic bis heute beschreiben?

Glen: Am Anfang waren vier Tracks. Heute sind es Vierundzwanzig. Viele Ideen und Leute reisten bei den zwanzig Songs mit, und ebenso viele dieser Reisen waren sehr unangenehm und manche Leute sprangen aus dem Zugfenster dabei.

Wenn du eure Musik mit der anderer Bands vergleichen solltest, in welchem Kontext würdest du Piano Magic am ehesten sehen?

Glen: Nirgendwo - und ich denke, es ist nicht eingebildet, wenn ich das so sage. Es sollte einfach niemand irgendwelche Favouriten miteinander vergleichen oder in direkten Zusammenhang miteinander bringen. Wir haben Freunde in anderen Bands, aber das ist alles, was sie sind - Freunde. Wir trinken was zusammen, aber wir vergleichen nicht unsere Noten und Plots.

Und wo würdest du eure eigenen Ursprünge sehen? Will sagen, habt ihr irgendwelche musikalischen Ideale?

Glen: Wir lieben es, uns selbst zuerst zu bewegen und erst in der Folge andere. Das ist wundervoll. Ich denke, zu Beginn waren wir mehr eine Art Experiment, angefangen von einer Person mit drei cleveren Ideen, welche wir heute stetig wiederholen. Dabei ändern wir nur den Winkel, von dem aus wir agieren, solange bis die Leute gelangweilt sind. Aber im Moment ist es mehr unsere Intention, eine emotionale Reaktion hervorzurufen. Wir wollen Symphonien in E Moll machen, bei denen sich einem die Nackenhaare aufrichten.

Wenn ihr neue Songs produziert, ist jedes Mitglied bei euch dann für einen ganz speziellen Part verantwortlich oder ist es mehr eine Art Wachstumsprozess der gesamten Gemeinschaft ohne auch nur zeitweilig festgelegte Zuständigkeiten?

Glen: Unser Songwriting findet auf verschiedene Arten und Weisen statt. Wie andere Bands veranstalten wir klassische Jam-Sessions in abgeschiedenen Räumen ohne Fenster und Air-Condition. Solange, bis wir ein paar Komponenten zusammen haben, die man in irgendeiner Form zu einem Ganzen zusammenfügen kann. Aber wir konstruieren auch kleine Häuser von Sounds am Computer und machen das solange, bis einer von uns sagt: "Okay, damit kann ich nun gut leben!"

Warum habt ihr eigentlich angefangen, Musik zu machen?

Glen: Ich denke, für mich persönlich war es einfach die Gegebenheit, dass ich in einer kleinen Stadt aufgewachsen bin, meilenweit von allem was Kultur betrifft entfernt, nur mit der Plattensammlung meines Bruders zur Unterhaltung. Und die war eher mäßig, denn er hatte nur fünfzig Platten oder so, die mich natürlich sehr schnell langweilten, und so brauchte ich bald eine Möglichkeit, mir selbst ein wenig Abwechslung zu verschaffen, indem ich schlicht selbst produzierte. Also fing ich mit seinen Mikrophonen zu experimentieren an, synchronisierte von Tape zu Tape, machte Ritzen in die Platten und nahm Playbacks auf. Das war so um 1979 und genaugenommen mache ich noch immer dasselbe, nur in einer etwas dekadenteren Form.

Kannst du von der Musik leben?

Glen: Nein, ich arbeite fünf Tage die Woche von zehn Uhr morgens bis sechs Uhr abends bei einem Schallplattenlabel. Piano Magic bringt nur genug Geld, um Piano Magic selbst am Leben zu erhalten. Biskuits und Hosen kann man sich davon keine kaufen.

Und was ist dort genau dein Job?

Glen: Ich bin der Labelmanager von Rough Trade Records - dem Label, das die Strokes geschaffen hat und außerdem einige Platten meiner Lieblingsbands der Vergangenheit herausgebracht hat: The Smiths, Galaxie 500, The Go-Betweens, Disco Inferno. Alasdair arbeitet für einen Verlag. Und Jerome, ja, der arbeitet mit dem Bass, Bass, Bass, den ganzen Tag, Tag, Tag.

Gibt es neben der Musik noch etwas, was eine ähnlich wichtige Rolle in deinem oder eurem Leben spielt?

Glen: Ich liebe es, so viele Filme wie möglich zu schauen. Das ist wahrscheinlich wirklich meine größte Leidenschaft. Ich schaue mir einfach alles an - angefangen bei bescheuerten amerikanischen Polizeifilmen der 70er bis hin zu Tarkovsky. Aber ich denke, wahrscheinlich entspricht es eher der Wahrheit, wenn ich sage, dass Tarkovsky dabei einen größeren Einfluss auf die Musik von Piano Magic hat...

Was hat dein Leben bisher am meisten beeinflusst?

Glen: Musik, Mädchen und Arbeit. Auch wenn die Reihenfolge irgendwie nie die richtige zu sein scheint.

Part 2 - ISAN

ISAN, das sind Robin Saville und Anthony Ryan. Letzter wird auch Toe genannt. Irgendwann haben sie angefangen, gemeinsam Musik zu machen. Am Anfang noch unter anderem Namen und dem heute eher seltsam anmutenden Genre Hardtechno zuordbar. Die erste ISAN Single war dann jene bereits erwähnte "Damil 85"-7inch. Sie ist derart seltsam und eigenwillig komponiert, dass beim Auflegen immer wieder Menschen kommen und auf eine bestimmte Art fast schon pikiert fragen, was das denn eigentlich wäre. Faszination und Irritation steht ihnen gleichermaßen ins Gesicht geschrieben. Es folgten 7inches wie "Betty's Lament" (Bad Jazz) und diverse andere Veröffentlichungen auf nicht unbekannten Labels wie Darla und Static Caravan sowie diverse Remixe und Kollaborationen mit anderen Künstlern. Auf Morr Music, wo sie heute hauptsächlich zuhause sind, haben sie, neben der nun erscheinenden Single-Sammlung (im weitesten Sinne) "Clockwork Menagerie" inzwischen bereits vier Alben herausgebracht. Und laut Thomas Morr ist aus der Zusammenarbeit zwischen Projekt und Label inzwischen schon so etwas wie eine Freundschaft geworden. Der kaum greifbare Idealzustand, wenn man sich die verbreitetste Form von Labelpolitik anschaut. Gleichzeitig aber ein ausgesprochenes Charakteristikum kleiner bis mittelgroßer (Elektronik-)Labels wie sie eben Morr Music, Karaoke Kalk und sicherlich auch Static Caravan repräsentieren.

Die Arbeitsweise von ISAN ist auf den ersten Blick weniger "unorthodox" und kunstkonzeptbehaftet als die von Piano Magic. Das ist darauf zurückzuführen, dass sie eindeutig ihr Hauptaugenmerk auf elektronische Musik, vornehmlich altertümliche Synthesizersounds, richten. Aber auch bei Robin und Anthony merkt man, dass die Komposition und das Einfließenlassen diverser musikalischer Stilrichtungen Teil ihrer Gesamtidee sind. Zu dieser Idee gehörte bis April diesen Jahres auch, dass sie nicht live spielen. Einzige Ausnahme bis dahin war eine Peel-Session. Das haben sie dann allerdings verworfen.

Als kompletter Gegensatz zu Piano Magics Open-House-Sit-In-Jam-Sessions, arbeiten Robin Saville und Anthony Ryan autark, jeder für sich allein im eigenen "Wohnzimmerstudio" am Computer, kommunizieren nur über die Distanz. Und erst im nächsten Schritt werden die Partikel zusammengefügt. Wenn man das weiß, kann man partiell die Brüche aus ihrer Musik heraus hören. Auf der anderen Seite erklärt sich vor diesem Hintergrund auch die Besonderheit des Klangs ihrer Musik. Und vielleicht ist es genau das, was einen dauerhaft derart zu fesseln und begeistern weiß. Abseits davon haben sie etwas niedlich-charmantes, das man einfach lieben muss. Das Belegen nicht nur ihre Cover, sondern auch so Kleinigkeiten, wie die Subpage auf ihrer Website. Auf dieser sprechen ISAN über die Dinge, die sie sonst noch so interessieren: Katzen, Pasta und Zimmerpflanzen...

Eine kurze Anekdote noch zum Schluss Bei der weiterführenden Recherche zu meinem Artikel stellte ich fest, dass es doch eine klassisch geartete Gemeinsamkeit zwischen ISAN und Piano Magic gibt. Zwei Remixe nämlich. ISANs haben von Piano Magic's "The Canadian Brought Us Snow" remixt und Piano Magic haben sich ISANs "Damil 85" angenommen. Also doch...