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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

7 Dinge, die ich auf dem Hurricane gelernt habe

Irgendwas ist ja immer

Ist ja gut. Wir haben natürlich auch topseriös berichtet, uns aber dafür an die Kollegen unseres Festivalmagazin Festivalguide verkauft. Dem Angebot »Tagesbericht gegen Freibier« konnten wir einfach nicht widerstehen. Daniel Koch hat bei seinem mittlerweile 16. Hurricane aber trotzdem noch ein paar Dinge für uns gelernt. (Alle Fotos: Alice Epp)
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1. »Musik ist scheiße, wir sind zum Saufen hier!«

Ich weiß ja, dass es seinen Reiz hat, nach dem Frühstücksbier vorm Zelt bis zum Mittagskorn nur noch Wodka pur zu trinken, um dann am frühen Nachmittag vor dem Zelt zu kollabieren und nach der zweiten Zugabe des Headliners im Abendessen des Vortages (Bratwurst, Toast, Curryketchup) wieder aufzuwachen, weil der Kumpel sagt: »Das war die geilste Show, die ich jemals gesehen habe!« Alles schon gemacht. Aber, man möchte hier doch noch mal eine Lanze oder eine Bierbong brechen für diese steile These: Die besten Momente sind immer die vor der Bühne. Und wenn man sich später zurückerinnert, redet man dann doch meistens von Bands und nicht von Getränken, die man eigentlich ohnehin jederzeit greifbar haben könnte.

Ich habe mir jedenfalls fest vorgenommen genau daran zu glauben – auch wenn mich ein Gang über das Festivalgelände inklusive Campingplatz manchmal zum Zweifeln bringt. Vor allem, wenn man ein Zelt sieht, auf dem in fetten Lettern steht: »Musik ist scheiße, wir sind zum Saufen hier!« Aber hey, das Camp dieser Leute ist schon gegen Mittag verlassen: Die meinen das bestimmt ironisch und sind schon auf dem Gelände um die ersten Bands zu schauen. Und vielleicht werden diese Leute sich auch so an das Hurricane 2014 erinnern, wie ich es tun werde: »Bier, Bier, Bier ... äh ... Arcade Fire, Marcus Wiebusch, Metronomy, Black Keys, Blaudzun, Kraftklub, Lykke Li, Interpol, Elbow, Pixies, Belle & Sebastian, Thees Uhlmann, Bombay Bicycle Club.«

 

 

2. Der beste Dress beim staubigsten Festival Deutschlands ist ... ein weißer Anzug!

Der Hals fühlt sich an, als habe man Schleifpapier im Rachen. Beim Naseputzen glaubt man, man habe Öl gefunden. Wenn man sich dem Festivalgelände über die Zufahrtswege nähert, erinnern die zahlreichen Staubwolken mit Rädern ein wenig an die Wüstenszenen aus »Jenseits der Donnerkuppel«. Man verspürt zwar nicht gleich den Drang, sich in schwarzes Leder zu hüllen, wünscht sich aber mindestens ein Palituch vor den Hals, damit man sich nicht wieder die Innereien staubig atmet.

 

Aber, wie Mike Krüger in schlechten Kaffee-Werbungen zu sagen pflegt: »Irgendwas ist ja immer.« Diesmal gibt’s beim Hurricane also keinen Sonnenbrand und keine Schlammschlachten sondern: Staubwolken. Und während man am Sonntagnachmittag noch immer überlegt, was denn das perfekte Outfit für diesen Umstand ist, liefern Metronomy mit lässigem Hüftschwung die passende Antwort: Weiße Anzüge! Was habe ich damals gekotzt, als der Sänger von Razorlight das beim abgesoffenen Glastonbury 2005 gebracht hat – aber jetzt, hier und heute, bei dieser wundervollen Band, geht das unbedingt klar.  

 

3. Fußball ist immer noch wichtig

Wo ja dieser Tage viel zu viele schlechte Fußballsongs die Welt verpesten, muss hier mal einer der besseren Erwähnung finden: »Fußball ist immer noch wichtig« von Fettes Brot feat. Marcus Wiebusch, Bela B und Carsten Friedrichs. Der ist so gut, dass man den Broten dafür auf jeden Fall den aktuellen, nicht ganz so guten verzeihen sollte. Irgendwie habe ich den Song das ganze Wochenende nicht aus dem Kopf bekommen – ab dem Moment, in dem ich wusste, dass es kein offizielles Public Viewing beim Schland-Spiel geben würde. Was habe ich  mir Sorgen gemacht, dass eine Schwarz-Rot-Gelb-bemalte Schlandmeute die zur Spielzeit auflaufenden Bands ausbuht.

 

Geradezu panische Gedanken hat mir das eingebracht – die ich mir irgendwie ausgetrieben habe, in dem ich »Fußball ist immer noch wichtig« gesummt habe. Fragt mich nicht, wie man das tiefenpsychologisch erklären kann. Die erstaunliche Einsicht des Samstags war dann aber: Fußball ist immer noch wichtig – aber auch nicht so sehr, dass man den Hauptgrund vergisst, warum man auf einer Rennstrecke in Norddeutschland rumsteht. Vor den Bühnen ist’s voll, auf den Campingplätzen versammeln sich kleine Gruppen vor mitgebrachten TV-Geräten, zwischendurch gibt jemand im Vorbeilaufen die Spielstände durch, bei den Pixies ist Frank Blacks Bauch eh das einzige Runde, das zählt und Kraftklub liefern einen dermaßen amtlichen Abriss gegen den das 2:2 nicht anstinken kann.

 

Sehr schön war dann der Moment, als Ghana das 2:1 schießt (wie man von einer jungen Dame mit Schlandbemalung erfährt) und Kraftklub gleichzeitig den Mitsing-Part von »Hey Jude« in ihr Set einbauen. Da singen dann plötzlich zwei Spaßvögel neben mir zum »Nanananananana ...«-Part ein lautstarkes »Ghananananana, Ghana!« und ich wünsche mir plötzlich, dass Ghana es mit genauem diesem Fangesang im Rücken bis ins Finale schafft.

 

 

4. Kettcar-Schmusi-Musi war gestern, heute wird gebounced!

Eine der Überraschungen des Wochenendes: der Auftritt von Mr. Marcus Wiebusch. Man weiß ja, dass der Mann gute Konzerte spielt und gute Lieder schreibt. Aber dass er den anfangs etwas trägen Sonntagnachmittag auf der Zeltbühne mit einem so dermaßen gefeierten Gig in Schwung bringt, überrascht mich dann doch. Unfassbar, was der Mann für einen Bock hat. Und erstaunlich wie textsicher die Meute mitsingt – selbst bei komplexen Stücken wie »Der Tag wird kommen« oder »Haters Gonna Hate«. Auch Wiebusch hat sichtlichen Spaß und ruft grinsend: »Kettcar Schmusi-Musi war gestern, heute wird gebounced!« Ob man sich jetzt doch sorgen muß, dass ihm die Solo-mit-Band-Nummer besser gefällt?

 

 

5. Arcade Fire sind nicht so groß, wie wir alle denken

Was für eine Show, was für ein Bilderrausch, was für ein Wall of Sound! Ach, man könnte sich Arcade Fire immer wieder anschauen. Weil sie groß sind, ohne sich so zu fühlen. Weil sie einen visuell und akustisch überfordern. Weil sie eine der wenigen Bands sind, die mit großen Leinwänden umgehen kann und diese mit den richtigen Bildern füllt. Und trotzdem: Scheeßel sieht das anders. Die erfolgreichste Band im Headliner-Slot auf der Hauptbühne war Volbeat am Samstag und bei Arcade Fire pilgerte ein Großteil des Publikums zu Casper – auch wenn man ohne massiven Körpereinsatz kaum weiter als auf die Höhe der Pommesbude kam. Also echt: Casper macht zwar auch immer eine sehr amtliche Show, aber den Gutsten kann man sich doch auch anderswo anschauen, und Arcade Fire werden wohl erst wieder in vier Jahren wieder in Deutschland sein ...

 

6. Nostalgie schlägt auf die Verdauung

Man entschuldige mir den kleinen Exkurs in unappetitliche Themenbereiche. Aber nachdem ich es bei Leonard Cohen auf dem Glastonbury zum ersten Mal gemerkt habe, und es sich haargenau so wiederholte bei den Stone Roses auf dem Hurricane vor zwei Jahren, bei Oasis auf dem Melt!, bei Bob Dylan in der Zitadelle, bei Guided By Voices auf dem Oya Festival und nun bei den Pixies – nach alldem wird mir klar: Euphorie, ausgelöst durch Nostalgie, schlägt auf die Verdauung. Bei all diesen Konzerten gab es in der unmittelbaren Nachbarschaft meines Standorts eine Person, die einen intensiven, ungesunden, nach Fäulnis müffelnden Furz rausdrückte. Diesmal war es bei »Wave Of Mutilation« – irgendwie passend. »... You'll think i'm dead ...« – ja, genau so riecht es. Kann jetzt bitte jemand von Bayer oder Pfizer mitlesen und sich dem Phänomen medizinisch widmen? Danke!

 

7. Der norddeutsche »Humor halbtrocken« ist schwer zu toppen

Auch wenn die Kölner Kollegen das so nicht unterschreiben werden. Ein Gang über das Hurricane beweist es immer wieder: der norddeutsche Humor sitzt. Nur ein Beispiel, das man sich hier anschauen kann.

 

Frage: »Was macht ihr gegen den Regen – außer Saufen?«

Antwort: »Flunkyball spielen!«

 

Noch mehr Bilder und Berichte zum Hurricane findet ihr auf Festivalguide.de