×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Ein Gesicht wie ein Spendenaufruf

Intro Intim @ Popkomm06

21.09.06, Berlin, Maria am Ufer. Bildergalerie Nach zwei anstrengenden Tagen auf "der Messe" am Donnerstag endlich das ersehnte, große Intro-Wohnzimmer, wie so oft wohl platziert in Maria und Josef: ein erquicklich eklektischer Konzert- und DJ-Abend breitet sich vor uns aus. Gleich hinter der innere
Geschrieben am
21.09.06, Berlin, Maria am Ufer. Bildergalerie Nach zwei anstrengenden Tagen auf "der Messe" am Donnerstag endlich das ersehnte, große Intro-Wohnzimmer, wie so oft wohl platziert in Maria und Josef: ein erquicklich eklektischer Konzert- und DJ-Abend breitet sich vor uns aus. Gleich hinter der inneren Eingangstür begrüßt der Intro-Stand mit dem freundlichen Mitarbeiter die Gäste mit den wirklich sinnvollen Dingen: Streichhölzer, Feuerzeuge, Ohrstöpsel und, neben Band-Merch, sogar Gratis-CDs.

Die vier Briten von My Luminaries haben die nicht immer einfache Aufgabe, den Abend zu eröffnen. Mit Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboard und einer sehr sympathischen Stimme machen die Wuschelheads aus Reading und Manchester bittersüßen Indierock der tanzbaren Sorte und haben, obwohl das Publikum nur stockend zu Bewegung animiert werden kann, offensichtlich ihren Spaß auf der Bühne. Die Promo-CDs, die sie am besagten Stand deponiert haben, finden denn auch reißenden Absatz - so wie auch jene von Soultainer Mocky, der danach wieder mit seinen beliebten Bühnenumhängen, Perücken und sogar seinen Mickey-Mouse-Muthafuckers-Ohren orgelig groovend bis rappend über die Bühne scharwenzelt. Sogar Jamie Lidell, der an diesem Abend endgültig enthüllt, dass sein Name von "Leid" und nicht von "Lied" kommt, schwingt sich aus dem Backstageraum, um seinem Will-Smith-T-Shirt-tragenden Buddy Mocky aus dem Publikum zu huldigen.

Nach dem Schabernackmeister mit dem White-Soul-Appeal dann weniger amüsanter Quatsch, dafür mehr Energie-getriebener Rock. Bzw. New-Wave-Indie, wie wir ihn mögen. ¡Forward, Russia! sehen in ihren matching Bühnenoutfits mit dem Charakter-Blitz im gleichen Maße keck aus, wie ihre Musikansagen los nach vorne preschen. Manche im Zuschauerraum raunen sich zu, dass dieses draufgängerische Gezappel mit der treibend hohen Stimme so klänge wie die lebendigeren Bloc Party. Dieses Urteil wird prompt bestätigt, als sich der Sänger intensiv mit dem Mikrokabel beschäftigt, um es sich unter anderem um den Hals zu wickeln oder draufzubeißen. Am Ende hüpft er ins Publikum, um einfach von dort unten weiter zu singen.

Nach einer ausgedehnteren Pause, in der die Ampullen wieder mit Alkohol befüllt werden können, kommt der Mann auf die Bühne, dessen nächstes Album von den Indie-Wimps dieser Welt schon Nägel kauend erwartet wird: Badly Drawn Boy, immer noch mit Mütze, ungepflegtem langem Haar und seinem unnachahmlichen Knautsch-Look. Ein großer Mann mit verwegenem Bart murmelt neben mir "Ein Gesicht wie ein Spendenaufruf" und obwohl ich nicht weiß, ob das nett oder despektierlich ist, kann ich ihm nur zustimmen. Damon ist wie immer auf der Bühne ganz persönlich, spricht wieder über seine Kinder, die er vermisse, und dass er pissed sei. Vielleicht zerfährt er deswegen einige seiner wunderschönen Gitarrensongs etwas, oder es liegt daran, dass es, wie er sagt, zu laut sei (die E-Beats aus dem Nebenraum Josef wehen ein wenig rüber) und die Zuschauer zu viel quasselten, als dass er seine Lieder wie geplant performen könne. Seine neue Single, "Born In The U.K.", schmückt er demnach mit unzähligen Fucks aus, die so auf der konservierten Version vermutlich nicht zu finden sein werden. Doch sein halbes Cover von "Like A Virgin" begeistert in seiner Entfremdung restlos alle und vermutlich vor allem die, die wissen, dass er gerne erzählt, seine Frau sähe aus wie Madonna.

Nach dem soften und an der Welt leidenden Indie-Star dann die prototypische Berlin-Elektro-Band-Nummer, die nicht nur keiner so gut beherrscht wie das Jeans Team, sondern die letztlich geradezu von ihnen erfunden wurde. Die vier Jungs, die ihren subversiven VWL-Style immer noch perfekt durchziehen, werden kongenial von ihrem Buchstaben für Buchstaben aufblinkenden Namensschriftzug im Hintergrund begleitet, der manchmal fast droht, auf sie herunterzukrachen. Die neue Single "Zelt" vom bald erscheinenden nächsten Album kommt tierisch gut an und alle, die den knallenden und expressiven Elektrofaktor mögen, sind again and again von Franz und seinem Team begeistert.

Was dann kommt, ist zwar kein Band-Act, aber für viele der Höhepunkt des Abends und damit der krönende Abschluss: Kid Koala, nicht nur, um diesen auf seinen Albumtitel anspielenden Witz endgültig zu Tode zu reiten, der Lieblings-DJ eurer Mutter, sondern des gesamten Publikums. Mit seinen drei Turntables ahmt er so etwas wie einen musikalischen Moskito nach und ist dabei nicht nur entzückend virtuos, sondern auch noch gesprächig. Zwischen Hawaii-Sounds, 30er-Jahre-Referenzen und abgefahrene Trompeten wurstelt er immer wieder aktuelle Hits und Klassiker wie De La Soul, Björk oder Wolfmother in sein Genregrenzen-befreites Set. Besonders schöner Moment: der Übergang von Beastie Boys zu Slayer und Rage Against The Machine. Während vor dem goldigen Koala die Tänzer und Tänzerinnen euphorisch über die Tanzfläche hoppeln, tobt im Nebenraum zu exquisiten Visuals schon den ganzen Abend der Dance-Floor mit Henrik Schwarz, Digitalism, Cassius und Intro's own Sick Sinus. Es kann nicht nur am Gratis-Bier aus der VIP-Lounge liegen, dass alle so fröhlich wirken. Auf der lauschigen Terrasse unterhält sich Erlend Oye auf norwegisch, und am Ende eines rauschend rauschigen Abends bleibt nur noch die eine Frage offen: Wie bin ich nur nach Hause gekommen?