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Urlaub in Polen und The Horror The Horror

Intro Intim mit Eskobar

19.10.2006, Köln, Gebäude 9. Eine Zumutung! Muss man ja an dieser Stelle einfach mal so sagen. Schwedischer Rocktanz-Indie, Kölner Post-Noise oder auch Kraut-Experimental-Rock und (noch mals) schwedisch-schmusiger Songwriter-Unplugged-Pop – wer eine derart wilde Zusammenstellung aufbringt, der muss
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19.10.2006, Köln, Gebäude 9. Eine Zumutung! Muss man ja an dieser Stelle einfach mal so sagen. Schwedischer Rocktanz-Indie, Kölner Post-Noise oder auch Kraut-Experimental-Rock und (noch mals) schwedisch-schmusiger Songwriter-Unplugged-Pop – wer eine derart wilde Zusammenstellung aufbringt, der muss wahrlich Vertrauen in die Toleranz seiner Gäste haben. Schön zu sehen, dass ich wohl der einzige mit diesen Sorgen bin. Das Gebäude 9 ist kuschelig gefüllt, das Publikum reicht vom obligatorischen Seitenscheitel bis zum nerdigen Rauschebart, vom 60ies-Schick-Chick bis zur Punkbraut. Alles da, und keiner wirkt angepisst. Wer an der ein oder anderen Band was zu meckern hat, kann ja in Nebenraum die Kölschkarte rauf und runter trinken.

The Horror The Horror sorgen für den schmissigen Einstieg in den heutigen Intro-Intim-Abend. Wieder eine dieser Bands, deren Wohnsitz man nicht unbedingt in Stockholm vermutet, sondern eher in New York oder London. Man verortet sich nach eigenen Angaben zwischen Television und Velvet Underground, und hat die Strokes und Franz Ferdinand-Debüts sicher auch zu Hause. Aber wer hat die nicht? Die fünf Herren um Sänger Joel Lindström machen sich gut auf der Bühne, das merken auch die Rockpalast-Kameras, die immer wieder auf die Gesichter der Musiker halten. The Horror The Horror haben definitiv die richtigen Hits dabei, um die ersten zum Tanzen zu bringen. 'I Blame The Sun' ist ein astreiner Fußstampfer aus der 'Take-Me-Out'-Liga. Man kennt das Spiel: Fuß leicht schräg stellen und dann im Takt auf den Hacken stampfen – der Alex und der Nick vom Franz haben das ja ausführlich vorgemacht. Auch 'Ipanema' zündet. Die Riffs locker aus der Hüfte geklampft, gehen sie direkt in die selbige. Während sich der Großteil der Zuschauer dezent oder weniger dezent den von der Musik ausgelösten Zuckungen ergibt, steht neben mir natürlich die Motzer-Fraktion. "Die klingen ja komplett geklaut", raunt einer, während der andere den Nerd-Nörgler gibt, und anmerkt, dass ein Song von der 'Ipanema'-EP 'Lack Of Talent' heißt, und das ja irgendwie passe. Dann lässt man sich noch über den Bandnamen aus, der aber schon einigermaßen verschlürt ausgesprochen wird. Zur Vorband schon stramm? Na denn, Prost! Also: Das mit dem Klauen würde ich ja in Teilen bestätigen – die Originalität müssen sie sich noch ein wenig anspielen. Aber der Bandname geht durchaus klar, zumindest wenn man weiß, dass er ein Colonel-Kurtz-Zitat aus Apocalypse Now ist. Aber dafür reicht das Nerd-Klugscheißertum dann doch nicht.Wo wir also gerade bei Bandnamen sind: Urlaub in Polen sollten beizeiten mal den Award für den originellsten bekommen. Hierzulande wird diese Wortverbindung ja leider zu Unrecht als obskur empfunden. Dabei sollen die Kurorte in Ermland-Masuren und Kujawien-Pommern sehr schön sein, oder die Wintersportanlagen in Zakopane. Aber das ist hier wohl gerade nicht das Thema. Urlaub in Polen verstören jedenfalls ähnlich intensiv, wie es ein Tourist im Mallorca-Outfit im winterlichen Krakau tun würde. Philipp Janzen gibt am Schlagzeug die harten Rhythmusschleifen vor, in die Georg Brenner immer wieder hineinpoltert. Mal mit Gitarrenkrach, mal mit verzerrtem aber auch melodiösem Gesang oder allerlei elektronischem Irrsinn. Es braucht gar nicht mehr als dieses Duo auf der Bühne. Der schwitzende Beau an den Drums und der amoklaufende Biolehrer (so sieht er zumindest aus) lassen das Publikum entweder erstarren oder treiben es an die Theke. Dazwischen gibt es nichts. Aber man merkt bei diesem Gig auch, dass Urlaub in Polen ihr Repertoire seit dem letzten Album "Health & Welfare" entschieden erweitert haben. Der fast bluesige Song 'Wanderlust' und der weirde Background-Chor auf der Bühne sind ein guter Beweis, dass wir noch allerlei Richtungswechsel erwarten dürfen.

Wie stehe ich denn jetzt eigentlich zu Eskobar? Die Frage hat mich schon den ganzen Abend beschäftigt, ohne dass ich eine klare Antwort finden konnte. Das Debüt ''Til We’re Dead' hat mir damals eine ganze Menge bedeutet, nachdem ich es zunächst als verschnarcht abgetan hatte. Aber hartnäckige Hits wie 'Tumbling Down', 'Good Day For Dying' und 'On A Train' wuchsen mir immer mehr ans Herz, was in erster Linie an Daniel Bellqvists Stimme lag, diesem melodiösen Wimmern, dem man sich schwer entziehen kann. Dann kamen allerdings die mittelmäßigen Nachfolger 'There’s Only Now' und 'A Thousand Last Chances', wo man den erdigen, reduzierten Sound gegen eine herzenskühle Produktion eingetauscht hatte. Popsongs wie mathematische Gleichungen. Sogar Heather Novas Gastauftritt beim umjubelten 'Someone New' wirkte kühl, was sich bei einem gemeinsamen WDR-Rocknacht-Auftritt noch bestätigte. Heather Nova ging auf die Bühne, sang relativ unbeteiligt und verschwand mit schnellem Gruß. Aber jetzt haben sie das versöhnliche, vierte Album 'Eskobar' im Gepäck und zum ersten Mal seit Jahren freue ich mich, sie wiederzusehen.

Für den heutigen exklusiven Unplugged-Auftritt haben sich Bellqvist, Frederik Zäll und Robert Birming eine Verstärkung am Bass geholt. Ein sehr praktischer Bandzugewinn, da dieser Herr nicht nur optisch ins Bild passt, sondern auch später – z.B. bei 'Someone New' – die weiblichen Gesangsparts übernehmen kann. Was für das Publikum aber nur mit geschlossenen Augen funktioniert. Die komplette Band spielt heute im Sitzen, Bellqvist in einem furchtbaren Konfirmationsanzug. Als er die Bühne zum ersten Mal betritt und auch noch einen Mantel drüber trägt, bemerkt ein Nebenmann zu Recht: "Gibt’s jetzt noch 'nen Wachturm-Verkäufer als Vorband?" Aber sobald die ersten Akkorde erklingen und vor allen Dingen ab dem Moment, in dem Bellqvist zu singen beginnt, ist es um das Publikum geschehen. Der Mann kann mit dieser Stimme einfach nichts falsch machen! Und da das neue Material bei allen gut ankommt, stört es auch gar nicht, dass man sich auf das vierte Album konzentriert. Songs wie 'Persona Gone Missing' und 'Devil Keeps Me Moving' klingen ähnlich brilliant wie auf dem Album – kein Wunder, wurden sie doch auch live eingespielt und erst nachher mit dezenten Streichern veredelt. Der Unplugged-Unterschied fällt also nicht gravierend aus, aber er lässt die simplen Balladen noch reiner erscheinen. Die komplette Band versinkt in der Musik, Bellqvist wirkt hochkonzentriert, bedankt sich artig und fast ein wenig schüchtern zwischen den Songs. "This song actually gave us our record deal years ago. But it was our fourth try. The first three times they said: No way!" So wird 'Tumbling Down' angekündigt, und ein Seufzen geht durch die Menge. Ähnliche Reaktionen gibt es später bei 'On A Train'. Nur manchmal wird es ein wenig arg, zum Beispiel beim fürchterlich dekadenten „Champagne“. Da singt er: "I’ve had too many bottles of champagne. In New York, London and Tokio" und tut das mit einem wehleidigen Pathos, dass man ihn einen kurzen Moment am liebsten mit billigen Dosenbier bewerfen will. Aber andererseits: Hey, diese Stimme! So darf man auch das singen! Und das Geständnis, dass der Song Teil seiner Läuterung vom Partytier zurück zum ernsthaften Künstler ist, macht die Nummer schon fast wieder sympathisch. Als nach guter einer Stunde und einer Zugabe Schluss ist, glaubt man noch immer vereinzelt leises Seufzen zu hören. Vielleicht ging es da vielen wie mir: Man geht mit der Erkenntnis nach Hause, dass mit Eskobar wieder zu rechnen ist.